In der Alarmsituation hilft Gottvertrauen

Beim Einsatz stoßen auch Notfallseelsorger oft an ihre Grenzen. Sie sind Boten des Todes und Stützen des Trostes. Nach schwierigen Situationen brauchen sie selber Hilfe bei einer Supervision.

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Die Tasche mit Trostteddy und Navigationsgerät ist immer greifbar, wenn der Diakon Winfried Döneke als Notfallseelsorger im Rems-Murr-Kreis eingeteilt ist. Foto: Hans Georg Frank

Wenn das Telefon klingelt, muss Winfried Döneke (55) mit dem Schlimmsten rechnen. Der katholische Diakon aus Fellbach ist einer von 46 Notfallseelsorgern im Rems-Murr-Kreis, die jetzt mit besseren Handys ausgerüstet wurden. "Ich habe oft Herzklopfen, weil ich nicht weiß, ob ich das schaffe", erzählt Döneke, der oft abends, auch nachts und mitunter mitten am Tag von der Rettungsleitstelle in Waiblingen gerufen wird. "Danach weiß ich, warum ich Diakon geworden bin - ich kann Menschen beistehen, die alleine sind."

Seit 1999 gibt es die organisierte Hilfe in der Not im Landkreis mit 415 000 Einwohnern. Bis zu 80 Mal im Jahr werden die ehrenamtlichen Kümmerer angefordert. Zumeist sind es Pfarrer beider Konfessionen, darunter sind wenige Laien, wie der evangelische Kirchengemeinderat Albrecht Stahl (67) aus Urbach. "Notfallseelsorger ist die erste Hilfe für die Seele, eine Wegbegleitung, wenn das Schicksal erbarmungslos zuschlägt", erklärt Landrat Johannes Fuchs. Ihre größte Herausforderung erlebte das Team am 11. März 2009 nach dem Amoklauf von Winnenden. "Das war der schwierigste Einsatz", betont Dekan Eberhard Gröner, der damals selber dabei war. "Man kommt immer wieder auf dieses Extremereignis", bestätigt der Landrat.

Wer derart direkt konfrontiert wird mit Abgründen des menschlichen Daseins, braucht danach selber Hilfe. Supervision heißt das intensive Gespräch, das eine spezielle Schulung voraussetzt. "Dank der Supervision kommt man unbeschadet heraus", weiß Winfried Döneke.

Er erinnert sich genau an eine andere grenzwertige Situation. Als er unterwegs war zu einem Suizid, kam er völlig unvorbereitet zu einem schweren Verkehrsunfall mit einem Toten. Der Verursacher bedurfte seiner Hilfe: "Ich habe ihn einfach festgehalten." Viel gesprochen werde dabei meist nicht: "Da hilft Nähe, umarmen, still sein, manchmal sind keine Worte besser als die falschen."

Wenn er gerufen werde, "schalte ich auf Alarmsituation", sagt Döneke, der jeweils von Montag 8 Uhr bis Montag 8 Uhr darauf gefasst sein muss, auf Ausnahmesituationen zu treffen. "Das ist eine Gratwanderung zwischen Fürsorge und Aufdringlichkeit." Erfahrung im Leben und im Beruf helfen ihm dabei, die notwendige Kraft gebe ihm das Gottvertrauen. Er wundere sich mitunter selber, wie er die Belastungsproben überstehe. Selbst wenn der Akku leer sei, sei kein Durchschnaufen garantiert, wie er aus Erfahrung weiß: "Ich war wie ausgeknipst, als schon der nächste Anruf kam." Notfallseelsorger seien auch eine "Sicherung, dass nichts Schlimmeres passiert", dass sich also niemand etwas antut in seiner Verzweiflung.

Im stets griffbereiten Koffer finden die Helfer neben Taschenlampe und Navigationsgerät einen Teddybären für traumatisierte Kinder - "den dürfen sie behalten".

Mit dem Schock werden trauernde Angehörige auch später nicht allein gelassen. Dazu sind auch 30 Notfallnachsorger im Einsatz, "fester Bestandteil der Nächstenliebe", sagt der Landrat, dessen Frau Evi zum Team gehört. Pastorales Wissen sei nicht nötig. Da gehe es um praktische Dinge wie Benachrichtigen eines Bestatters. Bisweilen auch ums Aufräumen der Wohnung und Füllen der Waschmaschine.

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