Hussein K.: „Ich bete täglich für sie“

Der Angeklagte Hussein K. schildert an zweiten Prozesstag vor dem Landgericht Freiburg, wie er die 19-jährige Studentin Maria L. misshandelt und getötet hat.

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  • Auch am zweiten Verhandlungstag war das Medieninteresse groß. Hussein K. sagte zum Tatgeschehen aus. Neben ihm sein Verteidiger Sebastian Glathe  1/2
    Auch am zweiten Verhandlungstag war das Medieninteresse groß. Hussein K. sagte zum Tatgeschehen aus. Neben ihm sein Verteidiger Sebastian Glathe Foto: 
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    Die Vorsitzende Richterin Kathrin Schenk leitet den Mordprozess. Foto: 
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Er habe den ganzen Abend und die halbe Nacht viel Alkohol getrunken und einen Joint nach dem anderen geraucht. Ziellos, „sehr besoffen und sehr bekifft“, sei er durch die Stadt geirrt, auf der Suche nach Alkohol und nach Zuspruch von einer Frau. Als er schon auf dem Weg nach Hause gewesen sei, sei ihm eine Person auf dem Rad begegnet, von der er erst nicht gewusst habe, ob es ein Mann oder eine Frau sei. Auch das Schreckliche, was er danach der Radfahrerin antat, schilderte am Montag der Angeklagte Hussein K. am zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht Freiburg.

Zuvor hatte er aber von seinem Dolmetscher eine von ihm formulierte Erklärung verlesen lassen, in der er die  Familie der 19-jährigen Studentin Maria L. um Verzeihung bat und ihr anbot, sich umzubringen, wenn sie das glücklich machen würde.

K. bat um Entschuldigung

Mit Spannung war erwartet worden, ob Hussein K. zum Tatgeschehen in der Nacht zum 16. Oktober 2016 aussagen würde. Deshalb war auch an diesem zweiten Verhandlungstag das Medien- und Zuhörer-Interesse groß. Doch bevor Hussein K. sich zum Mord an  Maria L. äußerte, bat er deren Familie um Entschuldigung. „Über das, was ich getan habe, bin ich aus tiefstem Herzen traurig“, sagte er. Wenn er Maria L. wieder „auferstehen“ lassen könnte, würde er es tun. Aber er habe nicht die Macht dazu. „Ich bete täglich für sie. Das ist das Einzige, was ich tun kann.“ Er leide Qualen, träume jede Nacht von dem „Vorfall“. Er lebe in der Hölle. „Ich bitte aus tiefsten Herzen um Entschuldigung.“

Diese Erklärung hatte er mit den Worten eingeleitet: „Ich heiße Hussein K. Ich bin 19 Jahre alt. Ich bin Afghane.“ So hatte er sich auch schon am ersten Verhandlungstag vorgestellt. Sein Verteidiger Sebastian Glathe betonte, Hussein K. habe die Erklärung selbst und aus eigenem Wunsch heraus formuliert. So wie auch die Entscheidung, auszusagen,  von ihm getroffen worden sei.

Gekifft und getrunken

Nach der Erklärung wollte der wegen Mordes und schwerer Vergewaltigung Angeklagte zunächst aus eigenem Antrieb nichts mehr sagen. Erst die Fragen der Vorsitzenden Richterin Kathrin Schenk konnten Hussein K. dazu bewegen zu schildern, was an diesem 15. und 16. Oktober 2016 geschehen ist. Der 15. war ein Samstag, er hatte keine Schule. Ein Freund habe vorgeschlagen, sich abends zum Trinken zu treffen. Obwohl das Muslimen im Oktober 2016 aus religiösen Gründen untersagt war. Er, Hussein, habe keinen Alkohol trinken wollen. „Aber dann war es, als wäre ein Dämon in mich eingedrungen.“ Also hätten sie zwei Flaschen Wodka und zwei Gramm Haschisch gekauft und sich mit Trinken und Kiffen in verschiedenen Parks in Freiburg die Zeit vertrieben.

Später seien sie in die Innenstadt und dort in eine Bar gegangen. „Ich war schon sehr besoffen und sehr high“, sagte Hussein. Sein Freund habe sich nach Hause verabschiedet, er selbst sei aufgefordert worden, die Bar zu verlassen. Auf der Suche nach mehr Alkohol sei er vor einer Disko am Bahnhof gelandet und habe sich mit dem Türsteher gestritten.

Endlich habe er sich entschieden, nach Hause zu gehen und auf die Straßenbahn gewartet. Mit ihr sei er bis zur Endhaltestelle im Freiburger Osten gefahren. Von dort aus habe er sich zu Fuß auf den Weg zu seiner Wohnung bei einer Pflegefamilie gemacht. Unterwegs habe er an einer Tankstelle ein Fahrrad mitgehen lassen und versucht zu fahren. Weil er aber so betrunken und bekifft war, sei er gestürzt. Deshalb habe er das Fahrrad geschoben. „Mir  ging es sehr schlecht, ich wollte mich übergeben.“ Als er auf dem asphaltierten Weg stand, habe sich ein Radfahrer genähert. Er wusste nach seiner Aussage nicht, ob es ein Mann oder eine Frau ist. „Die Person“ habe schnell an ihm vorbeiradeln wollen, da habe er dem Rad einen Fußtritt verpasst.

Viele Erinnerungslücken

„Die Person“ sei gestürzt, erst da habe er gesehen, dass es „ein Mädchen“ ist. Es habe geschrieen. Deshalb habe er ihr den Mund zugehalten und sie mit der anderen Hand am Hals gepackt. „Sie konnte mit der Hand vor dem Mund nicht schreien, aber sie hat sich sehr bewegt.“ Als er die Hand von ihrem Mund genommen habe, habe sie wieder angefangen zu schreien. Aus Angst, es könne jemand hören, habe er ihr seinen Schal um den Hals gewickelt und zugezogen bis sie sich nicht mehr bewegte. „Ich habe gedacht, dass sie gestorben ist.“

Als er sah, dass sie hübsch ist, wollte er Sex mit ihr haben. Deshalb habe er sie ausgezogen, so erzählte Hussein weiter. Er vergewaltigte sie. Danach bemerkte er, dass sein Blut an ihrem Körper war. Er hatte sich an einem Dornengebüsch die Haut aufgerissen. Um das Blut abzuwaschen, habe er sie in die Dreisam gezogen. Dort ist Maria L. ertrunken.

Hussein K. wollten sich offenbar prostituieren

Seine Schilderungen waren von erheblichen Erinnerungslücken und vielen „Vielleichts“ durchsetzt. So gab er an, nicht zu wissen, dass er in der Bar und in der Straßenbahn mehrere Frauen angemacht hatte. Die hatten das als Zeugen ausgesagt.

Der  Leiter der Ermittlungen berichtete zudem, Hussein K. habe versucht, sich in einer Schwulenbar zu prostituieren. Außerdem bestehe der Verdacht, dass er als 14-Jähriger in Afghanistan eine Zwölfjährige vergewaltigt habe. Das habe er in der Untersuchungshaft einem Mithäftling erzählt. Die Tat sei rechtlich nicht geahndet worden.

Kathrin Schenk, eine junge Richterin, leitet den Mordprozess vor der Jugendkammer des Landgerichts Freiburg.
Nach den Recherchen der „Badischen Zeitung“ ist es ihr erstes größeres Verfahren. Das erklärt, warum sie am ersten Prozesstag nervös, vielleicht auch etwas unsicher war. Das äußerte sich unter anderem darin, dass sie immer wieder vergaß, das Mikrofon einzuschalten, so dass Medien und  Zuhörer im Besucherraum nichts hören konnten.

Den Vorsitz hat sie bekommen, weil der Kollege, der dafür vorgesehen war, aus gesundheitlichen Gründen ausgefallen ist.  Kathrin Schenk ist 1980 geboren und seit 2009 Richterin. In Juristenkreisen soll sie einen guten Ruf haben, berichtet die „Badische Zeitung“. So werde ihr nachgesagt, die Akten in- und auswendig zu kennen und gut zuhören zu können. Dass sie auch resolut sein kann, wird sie im Lauf des Verfahrens mit Sicherheit noch beweisen können.

Gestern, am zweiten Verhandlungstag, wirkte die junge Richterin bereits sehr viel  souveräner und sicherer als am ersten Tag, als das Medieninteresse noch riesig war und sie sich vor die Herausforderung gestellt sah, das Verfahren im Griff zu behalten und sich auch gegenüber dem Oberstaatsanwalt Eckart Berger durchzusetzen. Der warf ihr vor, sich die Tagesordnung vom Angeklagten diktieren zu lassen, weil der am Nachmittag  des ersten Verhandlungstags nicht weiter aussagen wollte. Er sei zu müde dazu, sagte Hussein K.

Durch ihre Fragen brachte die Richterin den Angeklagten dazu, das Tatgeschehen zu schildern, obwohl er das zunächst nicht wollte. Kathrin Schenk unterbrach ihn nicht, ließ ihn sprechen. Und erst als er fertig war, hakte sie mit
Detailfragen nach. Dabei war es ihr wichtig, die Beweg- und Hintergründe zu
verstehen. „Ich möchte es verstehen“, sagte sie immer
wieder.  wal

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