Heidelberger Amokfahrt: Prozess ohne Öffentlichkeit

Bei der Aufarbeitung der tödlichen Amokfahrt von Heidelberg schließt das Gericht Presse und Publikum aus. Der Täter gilt als schuldunfähig.

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Ein Justizbeamter entfernt am Dienstag im Heidelberger Landgericht die Handschellen beim Angeklagten Mathias K., der neben seinem Verteidiger Jörg Becker sitzt.  Foto: 

Mathias K. verfolgt den Trubel vor sich ohne erkennbare Regung. Im Saal 1 des Heidelberger Landgerichts haben sich Fotografen und Kameraleute vor ihm postiert. Der Angeklagte trägt ein blaues Sakko über dem weißen Hemd. Auch die Zuschauer wollen jenen Mann sehen, der am Samstag vor Fastnacht auf dem Heidelberger Bismarckplatz in eine Personengruppe gerast ist. Die Amokfahrt glich einem terroristischen Anschlag. Kaum war in Ansätzen bekannt, was sich in der Stadt am Neckar zugetragen hatte, schon kursierten Gerüchte im Netz über Islamisten, die jetzt auch Heidelberg im Visier hätten.

Aber K. ist kein Islamist. Er wurde 1981 in Rheinland-Pfalz geboren, zuletzt war er Student der Informatik. Als Familienstand gibt er beim Prozessauftakt „geschieden“ an. Seine Wohnung in Heidelberg sei jetzt aufgelöst, seine derzeitige Anschrift sei das „Psychiatrisches Zentrum Nordbaden“ in Wiesloch, sagt er. Dort soll er wohl auch bleiben. Die Staatsanwaltschaft geht in ihrer Anklage von einer „akuten paranoiden Schizophrenie“ aus. Mit dem Prozess soll die Unterbringung in einer Klinik erreicht werden, „weil von ihm weitere erhebliche Taten zu erwarten sind“, sagt Staatsanwältin Christiane Vierneisel.

Sie schilderte zuvor, was der 35-Jährige an jenem 25. Februar kurz vor 16 Uhr getan hat, ­weshalb er nun wegen Mordes, zweier Mordversuche, wegen mehr­facher gemeingefährlicher Körperverletzung und wegen ge­fährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr angeklagt ist. K. hat demnach damals einen gemieteten Opel Corsa in die Personengruppe vor einer Bäckerei am Bismarckplatz gelenkt. Die vier Opfer hatten dem Fahrzeug den Rücken zugekehrt. Damit waren sie „dem lebensgefährlichen Angriff schutzlos ausgeliefert“. Das Auto war laut Vierneisel für K. „ein Tötungsmittel“, den Tod der Opfer habe er „für möglich gehalten“. Mit 20 bis 25 Stundenkilometern sei ein 73-jähriger Mann auf dem Gehweg gerammt worden. Der Rentner erlitt dabei schwere Verletzungen. Er starb wenige Stunden später im Krankenhaus. Verletzt wurden auch ein Mann und eine Frau, die nun als Nebenkläger dem Täter gegenübersitzen. Eine weitere Frau konnte sich durch einen Sprung zur Seite in Sicherheit bringen.

Der Todesfahrt folgte die Flucht. K. habe sich mit einem Messer bewaffnet, dessen Klinge 15 Zentimeter lang gewesen sei, heißt es in der Anklage. Als ihn Polizisten vor einem Hotel stellten, habe er Aufrufe und Pfefferspray ignoriert. Mit dem Finger habe er ein Kreuz auf seiner Stirn markiert und einen Polizisten attackiert. Dabei, so die Staatsanwältin, war er „unfähig sein Handeln zu steuern“. Sachverständige gehen von einer „krankhaften seelischen Störung“ aus.

K. musste an jenem Februarsamstag mit einem Bauchschuss ins Krankenhaus gebracht werden. Es folgte die Verlegung ins Justizvollzugskrankenhaus auf dem Hohenasperg, seit 18. Mai befindet er sich in Wiesloch. Wie es um ihn bestellt ist, soll die Öffentlichkeit nicht erfahren. Sein Verteidiger beantragte einen Prozess hinter verschlossener Tür. Nur vier Angehörige des getöteten Rentners dürfen im Zuschauerraum bleiben. Erst die Urteilsverkündung wird wieder öffentlich sein. Nach dem ursprünglichen Plan wäre dies am 12. September.

Der Vorsitzende Richter Edgar Gramlich stützte sich bei dem Beschluss der Kammer auf den Paragrafen 171 des Gerichtsverfassungsgesetzes. Demnach kann die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden, „wenn das Verfahren die Unterbringung des Beschuldigten in einem psychiatrischen Krankenhaus oder einer Entziehungsanstalt zum Gegenstand hat“. Dies, so Gramlich, sei „eine regelmäßig angewandte Vorschrift in einem Sicherungsverfahren“.

Keine Strafe hat zu erwarten, wer schuldunfähig ist. Im Paragrafen 20 des Strafgesetzbuchs heißt es dazu: „Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.“ eb

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