Heidelberg: Wie die Polizei Hetze im Netz begegnet

Die Amokfahrt von Heidelberg zeigt, wie im Internet schamlos Hetze betrieben wird. Und wie die Polizei dagegen angeht.

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Ausgewählte Tweets nach der Amokfahrt von Heidelberg und die Reaktionen der Polizei Mannheim.  Foto: 

Sie kamen so schnell wie die eigentliche Tat passiert war: Hass-Posts. Kurznachrichten auf Facebook und Twitter, in denen Muslime und Flüchtlinge für die Heidelberger Amokfahrt mit einem Toten am Samstag verantwortlich gemacht wurden. Von einem „muslimischen Terrorist“, der „mit Auto in Menschenmenge rast“, berichtet ein Twitter-Nutzer. Ein anderer schickt gleich seine Forderungen mit, was mit den aus seiner Sicht Verantwortlichen zu geschehen hat: „Verstärkte Abschiebung muss von allen Bundesländern eingehalten werden! Kein weiterer Zuzug!“  Wieder andere berufen sich in ihren Hetz-Beiträgen auf nicht näher benannte „Zeugen“, selbst „Freunde bei der Polizei“ werden zitiert.

Hass-Posts, so schnell sie kommen, so wenig überraschend sind sie mittlerweile aber auch. Spätestens seit dem Anschlag von München im vergangenen Sommer gehört eine Flut von Tweets und Posts als sozial-mediales Rauschen, so scheint es, unvermeidlich dazu. Das Problem: Nicht wenige der Beiträge verdrehen Fakten oder zielen gar darauf ab, die Geschehnisse politisch auszuschlachten und entbehren jeglicher Wahrheit.

Rund um die Geschehnisse am Wochenende in Heidelberg, wo ein Mann einen Wagen vor einer Bäckerei in eine Traube Menschen steuerte, ließ sich aber auch etwas anderes beobachten: Dass die Polizei Mannheim und andere öffentliche Stellen im Bereich Krisenkommunikation eine große Expertise aufgebaut haben. Denn auch schlimme Ereignisse wie die am Bismarckplatz müssen kommuniziert werden – und das umso mehr in Zeiten von teilweise gezielt gestreuten Falschnachrichten. Über ihre Twitter- und Facebook-Accounts berichtete die Polizei am Wochenende kontinuierlich über die Entwicklung vor Ort – und sie korrigierte Falschmeldungen oder benannte Posts mit hetzerischem Inhalt. Auch überregional bekannt wurde der Post „Und nun noch mal für alle: #Tatverdächtiger: Deutscher OHNE Migrationshintergrund!“.

Norbert Schätzle ist Pressesprecher am auch für Heidelberg zuständigen Polizeipräsidium Mannheim und war am Samstag mit einem Kollegen aus der Presseabteilung vor Ort. In Mannheim saßen drei weitere Mitarbeiter, die nach Absprache mit Schätzle unter anderem auch die sozialen Medien betreuten. „Das war zunächst mal für alle Kollegen eine Herkules-Aufgabe. Für uns ging es darum, zügig Informationen rausgeben zu können“, sagt er. Dazu gehört neben der klassischen Pressearbeit über Interviews mit Funk, Fernsehen und Zeitungen zunehmend eben auch die Kommunikation im Internet.

Posts bewerten und fix reagieren

Die hat vor allem zwei Ziele, erklärt Schätzle: Einerseits Hass und Falschmeldungen früh entgegentreten. Und andererseits die eigene Arbeit transparenter machen und so die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Menschen in die Arbeit der Beamten stärken. Mitunter, auch das war am Samstag zu erkennen, braucht es dafür eine deutliche Ansprache. So ging auf Twitter eine Antwort der Polizisten auf eine englischsprachige Schmähung von Muslimen raus, die am Anfang ein „WTF“ zierte, eine Abkürzung aus dem Englischen („What the fuck“), die man mit „Was zum Teufel“ übersetzen könnte.

„Man kann das nicht nur laufen lassen“, erklärt Schätzle, dass von Seiten der Polizei, wie in diesem Fall, auch mal verbal deutlich dazwischen gehauen werde. Man müsse „individuell angemessen reagieren“ und Posts schnell bewerten. Andersherum gelte aber auch: „Ich kann nicht alles ernst nehmen“, sonst lähme man sich in der eigenen Arbeit. Wichtig sei es, „klare Kante zu zeigen“.

Wie versucht wird, Vorfälle zu instrumentalisieren, ist auch in Heidelberg zu sehen. In Tweets wird auf einen Beitrag des Rechtsausleger-Magazins „Compact“ verlinkt, in dem die Arbeit der Polizei diskreditiert sowie das laut Zeugen „südländische“ Aussehen des Fahrers eingegangen wird. Zudem werden mögliche Verbindungen zu vergleichbaren Vorfällen mit Autos in New Orleans in den USA und London hergestellt: „Zufall?“, fragt ein Nutzer.

„Wir müssen immer weitermachen“, sagt Schätzle. Er glaubt, dass durch klare Ansagen „der Respekt vor der Polizei“ im Netz wachse. Jeder Hetze und Falschmeldung können er und sein Team nicht nachgehen. Aber man werde bei einigen Einträgen im Internet die „strafrechtliche Relevanz prüfen“, sagt er. Die Ermittlungen zu den Geschehnissen gehen „in den kommenden Tagen und Wochen“ also noch weit über die eigentliche Tat in Heidelberg hinaus.

Motiv Nach der tödlichen Autofahrt von Heidelberg schweigt der Fahrer zu seinen Motiven. Der Student liege weiter im Krankenhaus und äußere sich nicht, sagte ein Polizeisprecher. Er sei zwar ansprechbar, habe aber bisher nichts zu den Vorwürfen gesagt. Sobald er transportfähig sei, werde er in ein Gefängniskrankenhaus verlegt. Ein Richter hatte bereits am Sonntag Haftbefehl gegen ihn erlassen. Dem Mann wird unter anderem Mord, versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung und versuchter Totschlag vorgeworfen.

Offensive Verstärkt im Internet kommunizieren: Vergangenen Herbst hat Innenminister Thomas Strobl (CDU) zum Start der Warn-App Nina eine entsprechende Offensive bei der Polizei angekündigt. So soll etwa die Arbeit der Polizei transparenter werden.

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