Heckler & Koch: Aktionäre tagen unter Polizeischutz

Die Aktionäre des Oberndorfer Waffenherstellers Heckler & Koch tagten gestern unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zum ersten Mal waren Rüstungsgegner dabei.

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So viel Polizei hat das Örtchen Glatt vermutlich noch selten gesehen. Das Dorf mit 700 Einwohnern gehört zu Sulz (Kreis Rottweil) und liegt in einem Seitental des Neckars. Die Attraktion ist das Wasserschloss, das Touristen und Kulturinteressierte anzieht. Am Dienstagmorgen lag das Schlösschen still im Tal, trotzdem patrouillierten mehrere Streifenwagen der Polizei durch den Flecken. Immer wieder fuhr ein größeres Polizei-Fahrzeug durch den Ort. Im Kofferraum bellte ein Hund.

Grund für die ungewöhnlich hohe Polizeipräsenz war die Hauptversammlung des Obern­dorfer Waffenherstellers Heckler & Koch. Offenbar wurde befürchtet, die Rüstungsgegner, die sich angekündigt hatten, würden Ärger machen.

Medienvertreter waren ausgeschlossen. Jeder, der nach einer Akkreditierung gefragt hatte, hat die Antwort erhalten, die Versammlung sei nicht öffentlich. Insbesondere „aus Gründen des Aktionärsschutzes“ werde die Presse nicht zugelassen, hieß es aus der Pressestelle.

Trotzdem waren etliche Journalisten gekommen. Sie wurden von der Security höflich, aber bestimmt vom Grundstück des Hotels vertrieben, in dem die Versammlung stattfand. Selbst Parken war nicht erlaubt. Allen stellte sich die Frage, warum ein weltweit agierendes Unternehmen wie Heckler & Koch  seine Aktionäre in ein Dorf in der Provinz einlädt, in dem das Handy nur mit Glück ein Netz findet.

Die Rüstungsgegner reisten in aller Ruhe an, entrollten auf der Straße, die am Tagungsort vorbeiführt, ihre Banner und skandierten „Stoppt den Waffenhandel“. Unter ihnen war Jürgen Grässlin, der bekannte Rüstungsgegner und Buchautor aus Freiburg. Er und seine Mitstreiter hatten wochenlang warten müssen, bis sie Aktien von Heckler & Koch hatten erwerben können. Die zehn Aktien waren für die sieben Neu-Aktionäre an diesem Morgen die Eintrittskarten zur Hauptversammlung. Mit einer Liste von 100 Fragen gingen die Rüstungsgegner in die Versammlung.

„Es war in jeder Beziehung sensationell“, sagte Jürgen Grässlin fünf Stunden später. Vorstände und Aufsichtsrat hätten geduldig zugehört, sich um präzise Antworten bemüht. „Wir haben eine Stunde lang Fragen gestellt und wurden nicht unterbrochen“, sagte Grässlin. Als besonders bemerkenswert schätzt er die Absichtserklärung des Unternehmens ein, künftig  Waffen nicht mehr in Kriegs- und Krisengebiete zu liefern. Die „Altaufträge“ würden noch abgewickelt, danach werde nur noch in Nato- und EU-Staaten geliefert, so sei versichert worden. „Wenn man 30 Jahre lang versucht hat, gegen die Praktiken des Unternehmens vorzugehen, ist das ein Riesen-Schritt“, sagte Grässlin. Damit wolle sich das Unternehmen an die Spitze der Rüstungsfirmen stellen, die sich ihrer ethischen und moralischen Verantwortung bewusst seien.

Grässlins Forderung nach einem Opferfonds wurde nach seiner Aussage zunächst abgelehnt. Später sei jedoch Gesprächsbereitschaft signalisiert worden. „Wir sind offen in die Versammlung gegangen und haben Offenheit angetroffen“, sagte Grässlin.

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