Haselmaus muss umziehen

Im Oktober beginnt die Rodung für das Prüf- und Technologiezentrum der Daimler AG auf dem Militärgelände in Immendingen. Damit nicht zu viele Tiere zu Schaden kommen, werden sie umgesiedelt.

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    Was krabbelt denn da? Vertreter von Daimler und ein Diplom-Biologe untersuchen einen Reptilienplatz. Foto: 
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    Die Haselmaus ist in Deutschland streng geschützt. Foto: 
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Ein Prüf- und Technologiezentrum für Automobile aller Art auf einem 520 Hektar großen Gelände in Einklang zu bringen mit dem Natur- und Umweltschutz ist eine Herausforderung der besonderen Art. Die Daimler AG, die das Prüfzentrum auf dem zur Oberfeldwebel-Schreiber-Kaserne gehörenden Standortübungsplatz in Immendingen (Kreis Tuttlingen) bis 2017 realisieren möchte, hat für die Gestaltung des gesetzlich vorgeschriebenen Ausgleichs für die Eingriffe in die Natur den Dialog gesucht mit dem Bund für Umwelt- und Naturschutz (Bund), mit dem Naturschutzbund (Nabu) sowie mit Umwelt- und Naturschutzbehörden.

Ergebnis der Gespräche ist, dass für die Tiere ein Wildkorridor, eine -brücke sowie eine -unterführung gebaut werden. Und zwar in einer Größe, dass auch ein Bär Brücke und Unterführung nutzen könnte. "Im Mittelpunkt der Planung steht der Schutz der Magerwiesen", sagte Projektleiter Lothar Ulsamer gestern. Außerdem sollen mehr offene Flächen geschaffen werden, auf denen neue Magerwiesen entstehen können. "Wiesen sind für den Naturschutz inzwischen wichtiger als Wald", betonte Ulsamer.

Zur Vorbereitung der Bauarbeiten wird im Oktober begonnen, Wald zu roden. Damit die Tiere, die in dem Wald und auf der künftigen Baustelle leben, nicht zu Schaden kommen, werden sie umgesiedelt. Seit Monaten läuft die Jagd auf Zauneidechse, Schlingnatter, Kreuzkröte und Haselmaus. Für die Tiere wurden außerhalb des Areals, auf dem die Bauarbeiten laufen werden, neue Habitate errichtet: Für Zauneidechse und Schlingnatter wurden Steinhaufen aufgeschüttet, in denen sie Schutz finden. Für die Haselmaus wurden Nistkästen aufgehängt, für andere Tiere wurde Totholz drapiert - in der Hoffnung, dass die Tiere dort bleiben, wo sie hingebracht werden und den Bauarbeiten nicht in die Quere kommen. "Das gelingt, wenn sie gute Quartiere vorfinden", sagt Diplom-Biologe Dietmar Herold von der Baader Konzept GmbH, die die Planung für die Ersatz-Habitate und -Pflanzungen ausgearbeitet hat.

Andre Baumann, Landesvorsitzender des Nabu, äußerte sich gestern auf Nachfrage enttäuscht über die Ausgleichs-Planungen. Weil die Gespräche mit den Vertretern der Daimler AG am Anfang sehr kooperativ verlaufen seien, habe er sich mehr erhofft, zumal Daimler angekündigt habe, deutlich über die gesetzlich vorgegebenen Ausgleichsarbeiten gehen zu wollen. Als die Baader Konzept GmbH die Planungen übernommen habe, sei davon keine Rede mehr gewesen. Außerdem hält Baumann die neuen Habitate für zu aufwendig und zu teuer. Er hofft, dass Daimler nachbessert.

Bei einem Besuch der neuen Quartiere gestern wurden weder Echsen noch Nattern und auch keine Haselmäuse angetroffen. Das Wetter war zu schlecht. Nur ein kleiner Frosch war so unvorsichtig, den Besuchern in die Hände zu fallen.

"200 Hektar des Geländes werden bearbeitet", sagte Ulsamer. Dafür gebe es auf mehr als 600 Hektar einen Ausgleich. Aufforstungen soll es nicht nur im Landkreis Tuttlingen, sondern auch in Nachbarkreisen geben. Was die Ersatzpflanzungen, die neuen Quartiere und Wildwege kosten, konnten die Vertreter der Daimler AG nicht sagen. In der Regel seien es fünf bis zehn Prozent der Investitionskosten. Die liegen bei 200 Millionen Euro - ohne den Grundstückskauf.

"Vier Millionen Kubikmeter Erdmaterial werden bewegt", sagte Ulsamer. Kein Krümel soll das Gelände verlassen. Der Boden soll auf dem Areal verteilt werden. Die Bäume, die gerodet werden, werden per Bahn abtransportiert. Die Bahn soll auch den Großteil des Schüttmaterials, das für den Bau der Teststrecke benötigt wird, anfahren. So soll die Verkehrsbelastung in Immendingen möglichst gering gehalten werden.

Nur 15 Zentimeter lang

Geschützte Art Die Haselmaus sieht aus wie eine Maus, gehört aber zur Familie der Schlafmäuse oder Bilche und hat im Gegensatz zu echten Mäusen einen buschigen Schwanz. Die mit Schwanz 15 Zentimeter lange Haselmaus macht bis zu sieben Monate Winterschlaf. Lebensrum sind nach Nabu-Angaben lichte Wälder, die Haselmaus ist eine besonders geschützte Art. eb

SWP

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