Gustav Mesmer: Flugrad-Bauer und Künstler von der Alb

Das große Lautertal bei Münsingen auf der Alb ist landschaftlich ein Traum. Umgeben von sanften Hügeln mit Wacholderheiden, plätschert die Lauter durch ihr saftiges, grünes Tal, fließt vorbei am Haupt- und Landgestüt Marbach - und an Buttenhausen, einem eher unscheinbaren Ort.

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    Gustav Mesmer hatte den Traum vom Fliegen: Es blieb beim Träumen, er war trotzdem glücklich. Foto: 
  • Stefan Hartmaier kümmert sich um den Nachlass des "Ikarus". 2/2
    Stefan Hartmaier kümmert sich um den Nachlass des "Ikarus". Foto: 
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Direkt an der Straße von Wasserstetten her lädt das Café Ikarus zum Verweilen ein. Fremde wundern sich über den Namen. Drinnen ist die Erklärung zu finden. Da hängen Fotos von Gustav Mesmer, den kreativen Fluggeräten und seinen Flugversuchen. Sein Name ist vielen nicht so geläufig, aber bei "Ikarus" klingelt es dann doch. Die oberschwäbische Rockband Grachmusikoff hat viel dazu beigetragen mit dem Hit "Dr Ikarus vom Lautertal". Darin erzählen die Musiker vom Leben des Gustav Mesmer.

Der hatte einen Traum, den Traum vom Fliegen. Jahrzehntelang konnte er ihn nicht verwirklichen, weil er in psychiatrischen Anstalten untergebracht war. Doch als er 1964, im Alter von 61 Jahren, entlassen wurde, gab es für seine Kreativität und Schaffenskraft kein Halten mehr. Endlich konnte er die Konstruktionspläne, die er in den Kliniken gezeichnet hatte, umsetzen.

"Er war ein echter Recyclingkünstler", sagt Stefan Hartmaier. Er und Martin Mangold sind die Vorstände der Gustav Mesmer-Stiftung, die in Kirchentellinsfurt bei Tübingen angesiedelt ist. Beide haben den Ikarus persönlich gekannt, waren freundschaftlich mit ihm verbunden. "So ist die Idee entstanden, eine Stiftung zu gründen", sagt Hartmaier. Ihre Aufgabe ist es, Mesmers Werk zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Damit haben die Freunde noch zu Lebzeiten Mesmers begonnen und mehrere Ausstellungen für ihn organisiert.

In einem Gewerbepark hat Stefan Hartmaier sein Büro - und den größten Teil von Mesmers Nachlass: unzählige Zeichnungen, Gemälde, Beschreibungen, Aufsätze, Essays, Gedichte. Im Erdgeschoss stehen die Fluggeräte. An einem Tisch sitzt der Erbauer - so sieht es auf den ersten Blick aus, aber es ist eine lebensechte Figur für Ausstellungen.

Das Grundgerüst für die Flugräder ist immer ein altes, rostiges Fahrrad. Daran hat Mesmer Flügel befestigt aus Holzresten, die er mit Plastikfolie bespannte. Mit diesen Geräten war er vor allem sonntags auf den Anhöhen rund um Buttenhausen unterwegs - und hatte etliche Zuschauer. Er baute Sprungschanzen, um von ihnen mit Anlauf in die Lüfte zu steigen. "Nein, er ist nie wirklich geflogen", sagt Hartmaier. Einmal habe er eine Handbreit abgehoben, das habe ihm Mesmer erzählt - und gegrinst.

In Buttenhausen sei er nie als Spinner abgestempelt worden, sagt Hartmaier. Erstmals im Leben sei er vorbehaltlos akzeptiert und anerkannt worden. Wegen seiner Erfindungen und ungebremsten Kreativität habe man ihn bewundert, aber auch wegen der schönen Körbe, die er in der Werkstatt flocht. Sollte Mesmer doch mal angefeindet worden sein, habe er das mit Humor getragen. Das passt zu den Fotos, auf denen er fast immer glücklich lächelnd und zufrieden aussieht. "Er hat tief in sich geruht, hatte eine schöne Ausstrahlung und eine große Zufriedenheit", sagt Hartmaier.

Durch Ausstellungen unter anderem in Wien, Mannheim, Lausanne und Ulm wurde Mesmers Werk bekannt. Den Höhepunkt erlebte er, als 1992 eines seiner Fluggeräte in der Weltausstellung in Sevilla im Deutschen Pavillon gezeigt wurde. Das Thema lautete "Der Traum vom Fliegen". Mesmer selbst sei nicht dort gewesen, erinnert sich Hartmaier. "Nach Sevilla ist ihm alles zu viel geworden." Der Rummel um ihn sei riesig gewesen. "Davor mussten wir ihn schützen."

Mesmer starb 1994. Seither verwalten Hartmaier und Mangold seinen Nachlass. Derzeit erstellen sie ein Werkverzeichnis und suchen einen Raum für Flugräder, Sprechmaschinen und alles andere. "Das Ziel ist, mit der Bruderhaus-Diakonie in Buttenhausen eine Dauerausstellung zu konzipieren", sagt Hartmaier. In dem Altenheim hat Gustav Mesmer seine glücklichsten Jahre erlebt. Wanderer, die um ihn wissen und auf den Höhen rund um Buttenhausen unterwegs sind, können sich mit etwas Fantasie leicht vorstellen, wie der Ikarus vom Lautertal mit seinem Flugrad dort gestanden hat und vom Fliegen träumte.

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