Grüne Arche im Baustellenmeer

Rings um die Wilhelma wird wild gebaut - eine Belastung wie eine Chance für Stuttgarts zoologisch-botanischen Garten. Direktor Kölpin hat viel vor.

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Er ist zweifellos ein Elefanten-Fan: Wilhelma-Direktor Thomas Kölpin, hier mit der alten Dame Pama, will für die Dickhäuter ein neues, großzügiges Domizil bauen - das größte Vorhaben in einer ganzen Reihe von Neubau-Projekten.  Foto: 

Eine grüne Arche im Baustellenmeer, das ist die Stuttgarter Wilhelma zurzeit. Und es wird noch länger dauern, bis die Sintflut an Baggern, Bohrern und Betonmischern ringsum weicht. Die Besucher erwartet dann eine neue Szenerie rund um Deutschlands einzigen zugleich botanischen und zoologischen Garten: Statt Verkehr und Dauerstau an der Neckarseite und hinauf zum Pragsattel soll von 2020 an die B 10 im Rosensteintunnel unter der Wilhelma hinweg tauchen.

"Das Ergebnis ist ein schönes, weil wir dann den Rückbau der Neckartal- und der Pragstraße haben", sagt Wilhelma-Chef Thomas Kölpin. "Wir werden ein ruhigeres Umfeld bekommen." Da der bisherige Stadtbahnhalt dem südlichen Tunnelportal im Weg ist, wurde er vor den Wilhelma-Haupteingang verlegt. Die Eröffnung soll vor den Sommerferien erfolgen.

Dass es Beeinträchtigungen für die Wilhelma gibt, sei unvermeidbar - mag die Zusammenarbeit mit der Stadt auch gut sein, wie Kölpin betont. Anders als befürchtet hätten die Mitarbeiter bei den Tieren "keine Auffälligkeiten" wegen Baulärms beobachtet. Kölpin wohnt mit seiner Familie auf dem Gelände - das genuieße er trotz Baustellen.

Das neue Umfeld wird für die Wilhelma eine Zeitenwende bringen. Zwar zieren Insektarium und Amazonashaus, eröffnet 2000 und 2001, den Beginn der Kette von Gebäuden die Pragstraße hinauf. Dann aber, von den alten Affenhäusern über die Raubkatzen bis zu den Elefanten, Nashörnern und Flusspferden herrscht Betontristesse. "An der Pragstraße liegen unsere Schwachpunkte", sagt Kölpin. "Die alten Gebäude sind nicht mehr zeitgemäß und für die Haltung etwas problematisch." Die Gebäude dienten auch als Schallschutz zur Straße - diesen braucht es nicht mehr.

Der Gebäuderiegel an der Nordflanke, gebaut Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre, wird zur Entwicklungszone. Was sich alles im Park tun soll die nächsten 20 Jahre, haben Kölpin und seine Mitarbeiter in einem Masterplan-Entwurf zusammengefasst. Eingefordert vom Finanzministerium, dem der Landesbetrieb Wilhelma untersteht.

"Derzeit haben wir den Ball noch einmal zurückgespielt bekommen", sagt Kölpin. Gefordert sind Priorisierungen und Referenzobjekte anderer Zoos für geplante Neubauten, um Kosten besser abschätzen zu können. "Da sitzen wir dran. Ich gehe davon aus, dass wir dieses Jahr der Öffentlichkeit etwas präsentieren können", sagt Kölpin.

Was wird im Masterplan zu finden sein? Eine Idee sei die der "Flusspferde am Neckar": Dort, wo die Neckartalstraße von vier auf zwei Spuren verengt wird, könnte die Wilhelma sich zum Fluss hin ausdehnen. "Da das eine städtische Fläche ist, ist das eine politische Entscheidung", sagt Kölpin. Im bisherigen Domizil der Tiere sei langfristig keine Haltung mehr möglich: "Wenn das neue Flusspferdhaus nicht kommt, müssten wir die Haltung aufgeben."

Auch die Raubtierkatzen-Haltung sei veraltet. ""Dort muss was passieren", sagt der Wilhelma-Direktor - das gelte auch für die Orang-Utans. Gorillas und Bonobos sind bereits ins neue Menschenaffen-Haus umgezogen. Kernziele seien bessere Haltungsbedingungen und das Zusammenfassen der Tiere in Artengemeinschaften, die den Lebensräumen entsprechen.

Weit vorangeschritten sind zwei kleinere Projekte: Das alte Kleinsäuger- und Vogelhaus ist schon abgerissen. Hier entsteht ein Neubau, in dem auch fleischfressende Pflanzen wachen sollen. "Im Herbst soll der Rohbau stehen", sagt Kölpin, nächstes Frühjahr wolle man Eröffnung feiern. Man plane für den Neubau eine Wilhelma-typische "Verbindung von Zoo und Botanik".

Für das zweite Projekt ist das Baufeld abgesteckt - in einem Winkel nahe dem Südportal des neuen Rosensteintunnels: Dort erhalten die Schneeleoparden drei Mal so viel Platz wie bisher. Kostenpunkt: eine Million Euro. "Die Hanglage bietet eine tolle Umgebung für die Tiere", sagt Kolpin. Man stehe kurz vor dem Baugesuch, im Frühjahr oder Sommer 2017 soll Eröffnung sein.

Dann ist da noch das zentrale Neubau-Projekt: das Elefantenhaus. Es soll dort stehen, wo derzeit die Besucher an Bauzäunen entlang streifen: Auf dem Nordportal des Rosensteintunnels. Das Elefantenhaus ist für den Verhaltensbiologen Kölpin ein Herzens-Projekt, zumal er in seiner vorherigen Wirkungsstätte, dem Erfurter Zoo, eben solch ein Elefantenhaus gebaut hat.

Derzeit wartet er auf die Machbarkeitsstudie, bald soll die Ausschreibung kommen: "Es geht um Wochen und Monate, nicht Quartale oder Jahre." Kölpin zweifelt nicht, dass das Land den Neubau finanziert. Im alten Haus bekomme man keine Genehmigung mehr für neue Tiere. Und die Dickhäuter seien Besucher-Magnet wie auch Wilhelma-Wappentier.

Vor lauter Baustellen sollten die Aufgaben des Parks nicht vergessen werden: Unterhaltung, Erholung, Bildung, Forschung, Artenschutz und auch Denkmalpflege - die Anlagen im Tal sind fast 190 Jahre alt. "Natürlich ist es auch ein Ziel, wirtschaftlich zu arbeiten", sagt Kölpin. Mit 70 Prozent Kostendeckung bei vier Millionen Euro Landeszuschuss pro Jahr mache man einen guten Job. Die Eintrittspreise sollen 2016 und 2017 stabil bleiben.

Neu ist der Artenschutz-Tag am 22. Mai: Mit Partnern wolle man Artenschutz-Projekte vorstellen, an denen die Wilhelma beteiligt ist. "Das soll fester Bestandteil des Jahresprogramms werden", sagt Kölpin. Das entspreche dem Selbstbild des zoologisch-botanischen Gartens: eben dem der grünen Arche.

Sanierungsfall Menschenaffenhaus

Startschwierigkeiten Als Thomas Kölpin im 2014 die Leitung der Wilhelma übernahm, war er gleich als Krisenmanager gefragt. Zum einen starb Eisbär Anton, da er einen versehentlich ins Eisbärgehege gefallenen Rucksack fraß. Zum anderen gab es in kurzer Folge zwei tödliche Lungenentzündungen bei den Bonobos. Schuld waren die Lüftungsklappen im neuen Menschenaffenhaus, die automatisch reguliert wurden. Auch gab es weitere Baumängel im Neubau wie kaputte Bodenbeläge und abgeplatzten Beton.

Mängel Nun gibt es Zwischenstufen bei der Lüftung, die Pfleger können manuell nachjustieren. Diesen Winter gab es keine Zwischenfälle. "Ich gehe davon aus, dass wir diese Problematik ad acta legen können", sagt Kölpin. "Aber die Mängelliste ist noch lang." Derzeit läuft die Bodensanierung bei den Gorillas. In den nächsten Jahren folgen die Nachbesserungen bei den Bonobos und im Besucherbereich. Mit den Böden werde man noch ein paar Jahre beschäftigt sein. "Das Haus ist drei Jahre alt, das ist natürlich schon etwas unbefriedigend."

Konsequenz Das Problem sei nicht das Geld gewesen. "Das war ein gut finanziertes Projekt", so Kölpin. Er selber will künftig darauf achten, dass bei großen, schwierigen Vorhaben Firmen mit Erfahrung bauen. "Die Tiere leben in den Gehegen, sie können nicht ausweichen. Also können wir das Gebäude nur an die Tiere anpassen - nicht umgekehrt."

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