Griechenland in Oberschwaben

Ohne Geld aus Stuttgart hätte Aulendorf, die Gemeinde mit den höchsten Pro-Kopf-Schulden im Land, keine Chance. Wer der Stadt die Suppe eingebrockt hat, ist unklar - auslöffeln müssen sie die Bürger.

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Das Schloss von Aulendorf ist gleichzeitig das Rathaus der Stadt. Im fünften Stock ist das Büro von Bürgermeister Matthias Burth (Foto unten). Er führt die Stadt seit 2008 aus den Schulden. Ivo Brändle von der Bürgerinitiative "Pro Aulendorf" ist mit dem neuen Mann im Rathaus zufrieden. Fotos: Manuel Bogner (2), dpa

Wenn Aulendorfs Bürgermeister Matthias Burth, 42, über die Schulden seiner Stadt spricht, landet er irgendwann bei Griechenland. Er sagt: "Man kann dem Land Geld geben, aber es muss Hilfe zur Selbsthilfe sein." Griechenland soll in Vorleistung gehen, dann könne es eine Belohnung bekommen.

Der parteilose Burth kennt sich aus mit diesen Dingen. Die 9900-Einwohner-Stadt Aulendorf hat Schulden in Höhe von 55 Millionen Euro, pro Kopf sind das 5615 Euro: Das ist Rekord in Baden-Württemberg. Der Durchschnitt liegt bei 1167 Euro.

Als die Aulendorfer Burth 2008 zum Bürgermeister wählten, fehlten der Stadt noch 60 Millionen Euro. Eine seiner ersten Amtshandlungen: Er bat das Land um Hilfe. "Aus eigener Kraft hätten wir es nicht geschafft", sagt Burth.

Und wie Griechenland bekam auch Aulendorf nur Geld gegen Vorleistung. Die Entschuldung ist in einem "Finanzhilfevertrag" geregelt. Vor der jährlichen Ratenzahlung in Höhe von 2,3 Millionen Euro muss Aulendorf seine Sparbemühungen dokumentieren. Damit das Geld fließt, muss die Stadt Wälder, Grundstücke und Äcker verkaufen, Personal entlassen, Steuern erhöhen. 2010 sparte die Stadt 0,8 Millionen Euro, 2011, 1,3 Millionen und dieses Jahr 1,9 Millionen Euro.

Griechenland untersteht der EU-Troika, Aulendorf dem Innenministerium und dem Landratsamt Ravensburg. Jede Ausgabe über 10 000 Euro muss sich Burth dort genehmigen lassen. Kürzlich wollte er einen Rasentraktor kaufen - das Landratsamt genehmigte ihn nicht. Gemäß des Vertrags darf die Behörde nur Ausgaben für Pflichtaufgaben der Stadt genehmigen. Dazu gehören etwa die Wasserversorgung und ein Bürgerbüro aber keine Vereinszuschüsse oder Ganztagesbetreuung in Kindergärten- und auch kein gemähter Rasen im Kurpark.

Dass Aulendorf nun so leidet, liegt, grob gesagt, an Burths Vorvorgänger Johannes Heinzler (CDU). Der ließ eine Klinik und ein Thermalbad bauen und betrieb diese jahrelang unprofitabel. Ähnlich wie in Athen kam der große Knall erst, als jemand die Zahlen genauer anschaute. Bei Aulendorf war das die Gemeindeprüfungsanstalt. "Man ist zu spät aufgewacht", sagt Burth. Wer die Schuld an dem Schlamassel trägt, ist bis heute unklar. Der Bürgermeister, als Leiter der Stadtverwaltung? Der Gemeinderat, weil er deren Beschlussvorlagen abnickte? Das Landratsamt, das eigentlich Heinzlers Politik und seinen Haushalt kontrollieren sollte? Oder die Bürger, die ihn 1996 wiederwählten?

"Es ist schwierig einen Verantwortlichen zu finden" , sagt Burth. "Es sind politische Entscheidungen getroffen worden, man hat Entwicklungen verkannt". Burths Vorgänger Georg Eickhoff (CDU) hatte noch versucht, gegen das Landratsamt zu klagen und hinterließ dabei verbrannte Erde. Er bat nach vier Jahren um seine Entlassung. Als sich Burth 2008 für den Job bewarb, schlug er versöhnliche Töne an: Er verteilte in der Stadt Faltzettel mit der Überschrift "Die Schuldfrage verkneifen". Vielleicht wählten ihn die Aulendorfer deshalb mit 65 Prozent der Stimmen.

Seither versucht Burth, Aulendorf zu sanieren. Schon 2013 will er ohne neue Schulden auskommen und den Vertrag mit dem Land nachverhandeln. Um das Ziel zu erreichen, senkt er Ausgaben und erhöht Einnahmen. Er schränkt den Winterdienst ein und sperrt eine Brücke, weil kein Geld da ist, sie zu sanieren. Gleichzeitig erhöht er Hunde-, Friedhof- und Grundsteuer. Aulendorf hat die höchste Grundsteuer im Südwesten. Üblich sind Werte zwischen 300 und 400 Prozent, in Aulendorf sind 800 Prozent fällig.

Das merkt auch Ivo Brändle, 73, ein ehemaliger Berufschullehrer, der seit 1967 in Aulendorf wohnt. 810 Euro Grundsteuer hat er dieses Jahr für sein Haus gezahlt. "Was hat mein Eigenheim mit den Schulden von Aulendorf zu tun"?, fragt er. Dennoch ist er mit Burth zufrieden. "Mit ihm ist eine neue Verlässlichkeit ins Rathaus eingekehrt."

Brändle hat gemeinsam mit vier anderen Bürgern 2007 eine Bürgerinitiative gegründet. "Pro Aulendorf" heißt sie und hat sich ursprünglich zum Ziel gesetzt, aufzuarbeiten, wie es zu der Schulden-Misere kommen konnte. Doch seit der Finanzhilfevertrag steht, ruhen die Aktivitäten. "Wir dürfen die Auszahlung der vom Land zugesagten Entschuldungshilfe auf keinen Fall gefährden", sagt Brändle.

Keine Chance hätte eigentlich auch das Freibad Steegersee. Es macht jedes Jahr einen Verlust von rund 20 000 Euro. Die Stadt darf den Betrag gemäß des Finanzhilfevertrags nicht übernehmen. Darum gründeten Bürger einen Verein und bringen jedes Jahr die fehlende Summe auf. "In der Stunde der Not sind die Aulendorfer enger zusammengerückt", heißt es hier oft.

Tatsächlich ist in Aulendorf alles, was über das absolute Minimum hinausgeht ohne Hilfe der Bürger nicht denkbar.

Ein Förderverein sammelt 100 000 Euro, damit Grundschüler nicht länger in Containern lernen müssen; die Feuerwehr baut sich ihren Anbau selbst; der Verein Rot-Weiß Rad markiert und saniert Wanderwege im Stadtpark.

Das ist bemerkenswert, denn viele Aulendorfer sind mit der Aufarbeitung der Schulden-Misere unzufrieden. Dennoch übernehmen sie Aufgaben, die eigentlich Sache der Stadt wären. Was bleibt ihnen anderes übrig?

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