Mietmarkt in Stuttgart: Glücksspiel Wohnungssuche

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    Wohnungsbesichtigung in Stuttgart-Weilimdorf: Maklerin Christina Widmann (Mitte) kann zwischen vielen Interessenten wählen: Innerhalb von vier Stunden hatte sie mehr als 65 Zuschriften. Foto: 
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    Mietpreise in deutschen Großstädten Foto: 
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Die Anzeige steht kaum online, da gehen die ersten Anfragen ein. 10, 20, 30. Bei Nummer 67 zieht Christina Widmann, seit 17 Jahren Immobilienmaklerin in Stuttgart, einen Strich, nimmt das Angebot aus dem Netz. Nur vier Stunden, nachdem sie es eingestellt hat. Online angeschaut haben sich die Wohnung in Weilimdorf, einem Randbezirk von Stuttgart, sogar 800 Interessierte.  „In Stuttgart-Mitte wäre der Ansturm noch größer gewesen“, sagt die 54-Jährige mit dem markanten schwäbischen Akzent.

Vier Tage später: In einer bunten Fellweste steht Christina Widmann in der Wohnung, die sie für eine Frau aus München vermieten soll. Ein Zimmer, Balkon, 630 Euro Warmmiete.  Draußen schiebt sich der Feierabendverkehr vorbei, drinnen herrscht ebenfalls reger Betrieb. Gut 25 Leute hat Christina Widmann eingeladen. Was allen gemein ist: Sie suchen mehr oder weniger verzweifelt nach einer Bleibe.

Ein  Bosch-Doktorand aus China, blaues Hemd, Outdoorjacke, hat sich schon eine von Widmanns Selbstauskünften geschnappt, füllt sie gewissenhaft aus. Dass die Wohnung an einer Hauptstraße liegt, stört ihn zwar, aber er muss jede Chance nutzen:  „Ich werde nur zu zehn Prozent der Besichtigungen eingeladen.“

Ein 29-jähriger Ingenieur, der frisch aus Hamburg zu Porsche gewechselt ist, lässt den Blick schweifen. Ob des Zustands vieler Objekte in Stuttgart ist er schockiert. „In Hamburg bezahlt man auch viel, bekommt dafür aber auch was Schickes.“ Die Mietpreise findet sie einfach nur „extrem“, sagt eine junge Türkin, Lackschuhe, akkurater Pferdeschwanz. Laut einer aktuellen Studie zahlt man in Stuttgart im Schnitt 9,76 Euro pro Quadratmeter – bundesweit ist nur München teurer. Sie habe viele Absagen kassiert, sagt die 24-Jährige, die bei einem großen Modeunternehmen arbeitet. „Entweder waren es zu viele Bewerber oder die Leute haben dem Makler Geld zugesteckt.“

Auch online finden sich auf Anhieb dutzende Menschen, die für eine Wohnungsvermittlung hohe Summen anbieten. Der Flyer eines Gastronomen, der als Belohnung einen Monat lang „Kaffee, Sekt und Kuchen aufs Haus“ verspricht, ist da noch harmlos, zeigt aber: Wer auf dem Stuttgarter Markt eine Wohnung will, muss was bieten. „Manche kommen mit richtigen Bewerbungsmappen zum Termin“, erzählt Maklerin Widmann.

Kim S., die ihren vollen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, kann bei diesem Wettbewerb nicht mithalten. Die 27-Jährige, rote Haare, bunter Schal, durchläuft eine Umschulung zur Kauffrau für Büromanagement. Im Sommer ist sie fertig, dann winkt der neue Arbeitsvertrag. Vorzeigen könne sie den jetzt aber eben noch nicht. „Aber ohne Vertrag wird man aussortiert“, weiß Kim S. und schaut müde in die Wohnung, die sie so gern mieten würde. Obwohl 630 Euro ihre absolute Schmerzgrenze sind. Sie wohne noch mit ihrem Ex-Freund zusammen, wolle schnell ausziehen. „Ich habe seit November 100 Anfragen gestellt, nur sieben Mal wurde ich eingeladen. Geklappt hat es nie.“.

Rolf Gaßmann sitzt im Büro des Mietervereins, dem er vorsteht. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt habe sich „rasant verschärft“ sagt er. Grund sei die starke Zuwanderung, nicht nur wegen der Flüchtlingskrise, sondern vor allem wegen der wirtschaftlich guten Lage. Nach Angaben des Statistikamts stieg die Einwohnerzahl zwischen 2010 und 2016 um 42.000 auf rund 603.300. Die Gesamtzahl der Wohnungen nahm in diesem Zeitraum aber nur um etwa 8000 zu. Beim sozialen Wohnungsbau sieht es noch schlechter aus. Zwischen 2013 und 2016 entstanden laut Stadt 524 Sozialwohnungen. Gleichzeitig fallen pro Jahr etwa 400 Wohnungen aus der Preisbindung. Die Folge: Die Notfallkartei wird immer praller, sie listet mittlerweile 4000 Leute, die eine günstige Bleibe suchen.

Vielen bleibt nur noch die Flucht in die Region. Seit 2010 wanderten laut den Statistikern 21.700 Menschen mehr von Stuttgart in die umliegenden Landkreise ab als von dort zuzogen. Ursache sei der angespannte Wohnungsmarkt.

Nadja Otterbach und ihre Familie könnten die nächsten sein, die Stuttgart den Rücken kehren. Die 39-jährige Redakteurin  lebt mit Mann und zwei Kindern im hippen Westen in einer Loft-Wohnung, die ihr Partner einst als Single bezogen hatte. Wo früher seine Musikecke war, haben die beiden zwei Wände eingezogen. Die Wohnung wirkt gemütlich, aber voll.  „Wir suchen seit zwei Jahren etwas Größeres, finden aber nichts.“ Am liebsten würde das Paar kaufen, doch wegen der Niedrigzinsphase sind Angebote rar, die Preise explodieren. „Es ist nicht so, dass wir uns nichts leisten könnten“, sagt die Zweifachmama. „Doch für eine unattraktive Wohnung eine halbe Million ausgeben?“

Dass die Chemie zwischen Christina Widmann und der jungen Frau, die eben die Wohnung betreten hat, stimmt, spürt man sofort. Isabelle Scheffler (28) hat einen gut dotierten Job bei AMG vorzuweisen – und gibt Widmann Tipps in Sachen Haarefärben. Beide Frauen tragen die Haare kurz und blondiert. Als alle weg sind, lächelt die Maklerin. Sie scheint ihre Favoritin zu haben. Zwei Tage später wird der Mietvertrag unterschrieben. Isabelle Scheffler ist überglücklich: „Ich habe auf gut 30 Wohnungsannoncen geantwortet. Das war die erste, bei der ich eingeladen wurde.“

Christina Widmann macht sich keine Illusionen: „Die Vermietungssparte stirbt“, sagt die 54-Jährige, seit 17 Jahren Maklerin in Stuttgart. Seit im Sommer 2015 das Bestellerprinzip eingeführt wurde, nach dem nun die Person den Makler bezahlen muss, die ihn beauftragt hat, sind Widmanns Aufträge drastisch eingebrochen. „Früher habe ich pro Monat 15 bis 20 Wohnungen vermittelt, heute sind es im Schnitt noch vier.“ Mit Folgen für Widmanns Geldbeutel: „Meine Einnahmen sind um 40 Prozent zurückgegangen.“

Viele ihrer früheren Kunden machten jetzt ihren Job. „Sie wollen sich die zwei Monatsmieten Provision sparen.“ Das Know-how, das sie mitbringe, fehle aber vielen. „Da werden falsche Verträge geschlossen und Fehler bei Wohnungsübergaben gemacht.“ Gleichzeitig hätten viele Privatleute eigentlich gar keine Zeit, sich um alles zu kümmern. „Vom Exposé bis zur Wohnungsvermietung investiere ich mindestens 20 Stunden.“ Und auch danach sei sie Ansprechpartner. „Ich melde für die Mieter auch den Strom an.“

In Zukunft will sich Christina Widmann auf Verkaufsobjekte, eine Sparte ihres kleinen Unternehmens, konzentrieren. Doch auch da ist das Geschäft schwieriger geworden. „Weil die Zinsen so niedrig sind, sitzen die Leute auf ihren Immobilien.“ dl

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