Gesetzentwurf: Grundschulempfehlung erhält wieder mehr Gewicht

|
Zeugnisvergabe an der Grundschule: In der zweiten Klasse mag das wie hier im Bild noch relativ fröhlich zugehen. Doch beim Übergang an weiterführende Schulen beginnen die Diskussionen.   Foto: 

Die Vorlage der Grundschulempfehlung wird  verpflichtender Teil der Anmeldung für eine weiterführende Schule. Das geht aus dem überarbeiteten Gesetzentwurf von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hervor, der dieser Zeitung vorliegt. Er soll am Dienstag vom Kabinett verabschiedet und dann in den Landtag eingebracht werden. Die Vorlage der Empfehlung, welche weiterführende Schulart ein Kind aus pädagogischer Sicht besuchen soll, werde zur „Voraussetzung für eine rechtswirksame Anmeldung“, heißt es in dem Entwurf. Die Entscheidung über die Wahl der weiterführenden Schule bleibe aber weiter den Erziehungsberechtigten überlassen. Weichen Eltern von der Empfehlung ab, kann die aufnehmende Schule ein Beratungsgespräch anbieten.

Durch die Kenntnis der Empfehlung würden die Lehrkräfte der aufnehmenden Schule „künftig besser in die Lage versetzt, schon zu Beginn des Schuljahres jeder Schülerin und jeden Schüler entsprechend der Begabung zu fördern“, schreibt Eisenmann. Damit werde die Qualität des Bildungssystems gestärkt.

Mit der Gesetzesänderung, die zum 1. August 2017 in Kraft treten und erstmals für den Übergang auf weiterführende Schulen zum Schuljahr 2018/19 gelten soll, setzt die Kultusministerin ein zentrales CDU-Wahlkampfversprechen im Bildungsbereich um. Die grün-rote Vorgängerregierung hatte die so genannte verbindliche Grundschulempfehlung, bei der Eltern keine Wahl­freiheit über die weiterführende Schule hatten, abgeschafft. Erziehungsberechtigte hatten das Dokument der weiterführenden Schule auch nicht mehr vorlegen müssen.

Die halbe Kehrtwende provoziert unterschiedlichste Reaktionen. Bei der Anhörung der tangierten Verbände hätten die zustimmenden Stellungnahmen zum Entwurf die ablehnenden überwogen, schreibt Eisenmann. Den Befürwortern geht die Änderung aber teils nicht weit genug. So fordert der Realschullehrerverband die Wiedereinführung der verpflichtenden Grundschulempfehlung. Der Beamtenbund plädiert dafür, bei der Anmeldung die Vorlage  weiterer Unterlagen wie des letzten Grundschulzeugnisses verpflichtend zu machen.

Zu den Gegnern des Gesetzentwurfs zählen der  Landeselternbeirat und die Gewerkschaft GEW. Die verpflichtende Vorlage der Grundschulempfehlung sei geeignet, diejenigen Kinder und Eltern „abzuschrecken und zu beschämen, die abweichend von der Empfehlung das Gymnasium und die Realschule wählen wollen“, schreibt die GEW. Der Landeselternbeirat beklagt in seiner Stellungnahme gar einen „Rückfall in alte Zeiten“ und einen „äußerst rüden Eingriff in die Elternrechte“. Der Datenschutzbeauftragte wiederum stellt infrage, ob die Maßnahme „wegen der damit verbundenen Beeinträchtigung der informationellen Selbstbestimmung geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“ sei.

Mit der Gesetzesänderung wird auch eine Stärkung der von der CDU protegierten Realschulen auf den Weg gebracht. Um diese mit der Gemeinschaftsschule, dem Lieblingskind der grün-roten Vorgängerregierung,  gleichzustellen, sollen die so genannten Poolstunden für leistungsdifferenzierten Unterricht ab Klasse 7 bis zum Jahr 2021 schrittweise von neun auf 20 angehoben werden. Für die erste Tranche von vier zusätzlichen Poolstunden für das Schuljahr 2017/18 sind im aktuellen Jahreshaushalt 257,5 neue Deputate eingeplant. Für das Schuljahr 2018/19 meldet Eisenmann nun einen Bedarf von weiteren 154,5 und für die Schuljahre 2019/20 und 2020/21 von jeweils 103 zusätzlichen Stellen an. Im Endausbau schlagen die Pläne mit Kosten von knapp 43 Millionen Euro pro Jahr zu Buche. Die Finanzierung der ab dem Schuljahr 2018/19 benötigten Stellen ist aber noch offen.

Möglicherweise, deutet Eisenmann an, könnten dazu auch durch den Schülerrückgang frei werdende Stellen umgewidmet werden. Zudem könnte die laufende Prüfung des Rechnungshofs dazu führen, dass vorhandene Ressourcen anders eingesetzt werden können.

Grundschulempfehlung: Ende der Heimlichkeit ist ein guter Kompromiss

Über die Grundschulempfehlung ist im Südwesten lange genug erbittert gestritten worden – mit dem jetzt vorliegenden Gesetzentwurf sollte das Thema endlich zur Ruhe kommen. Es ist eine Lösung, mit der wohl alle Seiten leben können.

So wird die von Grün-Rot eingeführte Wahlfreiheit der Eltern zementiert. Auch wenn manch konservativen CDU-Politiker noch immer der Phantomschmerz plagt: Die verbindliche Grundschulempfehlung ist endgültig passé. Und das ist auch gut so: Das Knäuel aus Stress und Vorwürfen, in dem sich Eltern, Lehrer und Kinder rund um die schicksalhafte Entscheidung in der vierten Klasse verhedderten, war oft unwürdig.

Dass die Schul-Empfehlung nun dennoch wieder mehr Gewicht erhält, ist ein nachvollziehbares Zugeständnis an die weiterführenden Schulen. Bisher durften Lehrer und Schulleitungen ja nicht einmal erfahren, wie ihre neuen Schützlinge eingeschätzt wurden. Der erzwungene Blindflug sollte verhindern, dass Kinder früh in der Schublade „hat am Gymnasium eigentlich nichts verloren“ landeten. Es war aber auch ein Misstrauensvotum gegen Lehrer, und das ist nie eine gute Grundlage.

Nun herrscht also Transparenz. Da die Empfehlung bei der Anmeldung vorgelegt werden muss, können weiterführende Schulen Beratungsgespräche führen und Förderbedarf abschätzen. Ganz ohne Tücken ist auch das neue Verfahren nicht: Wenn Schulen partout „aussortieren“ wollen, haben sie nun wieder einen Hebel in der Hand. Doch das Ende der Heimlichtuerei kann auch der Beginn eines neuen Miteinanders sein – wenn beide Seiten im Blick behalten, worauf es ankommt: das Wohl der Kinder.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Suizid bei Aichelberg nach Straftat im Kreis Ludwigsburg

Ein kreisender Hubschrauber hat am Mittwochabend im oberen Filstal für Aufsehen gesorgt. Hintergrund ist ein Suizid, dem eine Straftat im Kreis Ludwigsburg vorausgegangen war. weiter lesen