Gereizte Stimmung in Villingen-Schwenningen

Rund 300 Menschen haben in Reaktion auf die Handgranaten-Attacke in Villingen-Schwenningen demonstriert. Die Polizei hat noch keine neuen Erkenntnisse zu dem Anschlag auf die Unterkunft.

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Hunderte demonstrierten am Samstag in Villingen-Schwenningen.  Foto: 

Der Granatenanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Villingen-Schwenningen hat in der Stadt für angespannte Stimmung gesorgt. Zu einer Kundgebung in der Stadt kamen am Samstag laut Polizei rund 300 Demonstranten zusammen. Am Bahnhof gingen etwa zehn Menschen kurzzeitig aufeinander los, wie ein Polizeisprecher am Sonntag sagte. Es seien wohl "Emotionen hochgekocht". Vor dem Eintreffen der Beamten waren die Beteiligten verschwunden.

Vom Marktplatz aus zogen viele Demonstranten weiter zur Unterkunft - begleitet von einem Hubschrauber und zehn Polizeistreifen. Auf dem Gelände hatte der dort zuständige Sicherheitsdienst am Freitag eine Granate gefunden, bei der der Sicherungsring gezogen war. Die Waffe enthielt Sprengstoff, war aber nicht explodiert. Entschärfer des Landeskriminalamtes (LKA) sprengten die Granate, die vor Containern des Wachpersonals lag. Unklar ist weiter, ob die Granate mit einem Zünder ausgestattet war.

Zu den Ergebnissen der Überprüfung durch das LKA machte die Polizei bislang keine Angaben. Einen konkreten Verdacht oder eine Spur zu den Tätern hatten die Ermittler nicht. Auch aus der Bevölkerung habe es keine Hinweise gegeben, teilte die Polizei am Sonntagabend mit. Die Suche konzentriere sich nun auf das Motiv. Die Polizei schloss weder einen ausländerfeindlichen Anschlag aus noch eine Attacke auf die Sicherheitsdienst-Mitarbeiter.

Der Granatenfund hatte bundesweit für Empörung gesorgt. Wie der Anschlag zeige, gebe es eine gefährliche Zunahme von Gewalttätern, sagte Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) am Samstag den Zeitungen des Redaktions-Netzwerks Deutschland (RND). Deshalb sei "mehr Polizei in Bund und Ländern" nötig. Eine Mitverantwortung trügen aber auch Teile der Politik: "Es gibt eben die Brandstifter - und dazu viele Biedermänner, die diese Brandstifter einladen." Allerdings stehe Deutschland wegen der Zunahme rechter Gewalt "sicher nicht auf der Kippe". Es sei ein Zerrbild, als ob das Land in erster Linie aus rechtsradikalen Gewalttätern oder kriminellen Ausländern bestünde.

Winfried Kretschmann mahnte eine Entschärfung der Flüchtlingsdebatte an. "Wir müssen darauf hinarbeiten, dass die enorme gesellschaftliche Polarisierung, die derzeit zu beobachten ist, entschärft wird", sagte der grüne Landeschef dem Berliner "Tagesspiegel". Dabei seien alle Demokraten gefordert. Denn die Schärfe der Auseinandersetzung sei eine Bedrohung für das Gemeinwesen. Noch sei unklar, wer die Tat verübt und wem der Angriff gegolten habe. Die Kriminellen müssten dingfest gemacht und vor Gericht gestellt werden, betonte Kretschmann.

CDU-Generalsekretär Peter Tauber verurteilte die Tat als widerwärtig und erschreckend. "Das ist versuchter Mord", sagte er der Zeitung "Die Welt". "Wer so etwas macht, ist kein besorgter Bürger - sondern schlicht ein Verbrecher."

Hetze als Nährboden

Internet Der Rechtsextremismusexperte Kurt Möller sieht in der Hetze im Internet Nährboden für Gewalt gegen Flüchtlingsunterkünfte. "Das Internet spielt eine wichtige Rolle als Forum für Abwertung und Hass gegen Ausländer", erläuterte der Spezialist von der Hochschule Esslingen.

Anonymität In der Anonymität des globalen Netzwerks würden die demokratischen Grenzen des politischen Diskurses leichter verletzt als in der nicht-virtuellen Welt. Das Netz suggeriere den Nutzern eine massenweise Unterstützung rechtsradikaler Ansichten und erzeuge eine Stimmung, in der sich Rechte als "Vollstrecker des Volkswillens" fühlten.

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