Genbänkle: Hobbygärtner im Südwesten wollen alte Sorten verbreiten

Saatgut-Tausch und Genbänkle: Ein Netz aus Hobbygärtnern will alte Gemüsesorten im Land wiederbeleben. Ihr Kampf für die Vielfalt ist durchaus politisch gemeint.<em>Mit einem Video</em>

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Ein Wunderland ungewöhnlicher Gemüse, Kräuter und Nutzpflanzen: Klaus Lang führt eine Besuchergruppe durch ein Gewächshaus im Lehrgarten in Wolfegg.  Foto: 

„Die ist kuschelig!“ jauchzt eine Frau mittleren Alters, die ein haariges Yacon-Blatt streichelt. Gelächter unter den Besuchern im Gewächshaus . Es duftet hier leicht nach Zitronengras, merkt eine Frau. „Was ist das bloß...“ Schwer zu sagen in diesem Dschungel aus exotischen und vergessenen Gemüsesorten. Hier wächst eine Igelgurke, dort Erdbeerspinat, Etagenzwiebel und Puffbohnen. Wildreis gedeiht in einer alten Badewanne. Klaus Langs Lehrgarten in Wolfegg (Kreis Ravensburg) ist ein Wunderland an skurrilen Pflanzen, die kaum einer kennt – und die ein Gemüse-Weltbild in wenigen Minuten erschüttern können. Denn viele der Pflanzen, die so exotisch wirken, waren vor wenigen Generationen noch Alltag auf den Feldern und in den Küchen im Südwesten – sie verschwanden mit der Rationalisierung der Landwirtschaft.

Doch es tut sich etwas in den Gärten im Ländle: Vor einigen Jahren sorgte Lang mit dem Fund von Alblinsen-Samen in der Genbank von St. Petersburg für Furore. Heute wird die lange verschollene Sorte wieder von 80 Bauern auf der Alb kultiviert. Lang ist einer der Vorreiter in Sachen Rettung alter und seltener Sorten. Wie man Saatgut herstellt, hat der Ingenieur sich selbst beigebracht und im Austausch mit anderen verfeinert. Etwa mit den Österreichern des Vereins „Arche Noah“, der seit 25 Jahren für den Erhalt der Kulturpflanzenvielfalt kämpft.

„Baden-Württemberg ist der einzige weiße Fleck bei der Sortenrettung in Deutschland“, sagt Lang, der im Studium zum Hobbygärtner wurde. Nach und nach kaufte er Anbauflächen, auf denen er heute Schulklassen, Biologen und Gärtner herumführt. Inzwischen hat er sich mit Saatgut einen Nebenerwerb eingerichtet. Es gibt immer mehr Pflanzen-Tauschbörsen, die Menschen interessieren sich für „Urban Gardening“, Guerrilla-Gärtnern, Selbstversorgung. „Das Thema ist schwer im Kommen“, sagt Lang. Großkonzerne, die Patente auf Pflanzen und Tiere anmelden, Schlagzeilen über Gentechnik und Glyphosat – all das hat das Bewusstsein wachsen lassen.

Auch Andrea Heber, die 2015 den BUND-Arbeitskreis „Wilde Gärtner“ im Kreis Biberach gegründet hat, dachte nach einer Petition gegen Patente auf Gemüse, „da muss ich was tun, ich kann nicht mehr nur herumsitzen und mich ärgern“. Die zweifache Mutter hat 70 Menschen in ihrer Mailingliste, organisiert Stammtische, baut seltene Gemüse an. „Ich wehre mich einfach dagegen, dass die Agrarindustrie uns vorschreibt, was bei uns auf den Teller kommt.“ Das Hobby gibt der Speditionskauffrau Lebensfreude, Genuss – und das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. „Wir wissen nicht, was wir mal an Sorten brauchen, wenn sich unser Klima stark verändert.“ Den sorgsamen Umgang mit Lebensmitteln wolle sie auch ihren Kindern vermitteln.

„Sortenretter“ wie Andrea Heber sucht Woldemar Mammel aus Lauterach (Alb-Donau-Kreis). Mammel, auch „Linsen-Papst“ genannt, ist Landwirt, Buchautor und Gründer des Alblinsen-Fördervereins. Eigentlich sei es Aufgabe der Landesregierung, die genetische Vielfalt zu erhalten, meint er. Mit Professor Roman Lenz von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) und dem Verein hat er das Projekt „Genbänkle“ ins Leben gerufen – ein regionales Netzwerk aus Hobby-Gärtnern, die Saatgut austauschen und seltene Sorten anbauen und vermehren wollen.

„Zuckerwurzel, Haferwurzel und Knollenziest etwa waren in Baden-Württemberg einst weit verbreitet, heute kennt sie kein Mensch mehr“, sagt der 73-jährige Mammel, der hinter seinem Haus in Lauterach 15 verschiedene Kartoffelsorten, Kohlrüben, Feuerbohnen und allerlei mehr Exoten anbaut. Jeden Sommer warten er und seine Frau Hedwig sehnsüchtig auf die Ernte. „Es ist zum einen der Geschmack, aber auch die Ästhetik, die so viel Freude macht“, schwärmt Mammel, der im Keller einen Kühlschrank voll mit Linsensorten aus aller Welt hat.

Aus der Küche strömt indes wohliger Duft: Hedwig Mammel bereitet Buchweizen-Bratlinge, Blauschokker-Erbsen in Weißweinsauce und dreierlei Kartoffeln zum Mittagessen zu. Zu Gast ist auch die Biologin Denise Emer . Die 37-Jährige aus Weilheim/Teck ist als geringfügig Beschäftigte fürs „Genbänkle“ tätig. „Man schützt nur, was man kennt“, sagt sie.

Mammel und Emer durchforsten alte Bücher über Landwirtschaft und alles, was sie in die Finger bekommen, um fürs „Genbänkle“ steckbriefartige Übersichten zu erstellen. „Gesucht!“ steht etwa beim verschollenen Laupheimer Sommerrettich, der sehr wohlschmeckend gewesen sein muss. „Wenn wir jemanden finden würden, der den noch hat, das wäre die Sensation“, sagt Mammel. Heutiges Gemüse werde vor allem auf Eigenschaften wie Lagerfähigkeit, Maschinen-Erntbarkeit und Aussehen gezüchtet. „Geschmack spielt die letzte Rolle in der Lebensmittelbranche“, sagt er.

Dass sich gewerbsmäßige Landwirte nicht für die „Genbänkle“-Sorten wie blauschötige Erbsen oder mannshohen, roten Spinat interessieren werden, ist den „Sortenrettern“ klar. „Es geht uns darum, die Samen für Hobby-Gärtner zugänglich zu machen, ein Netzwerk aufzubauen und so eine ,lebendige Genbank‘ zu haben mit Sorten, die durch Auslese hier im Land auch weitergezüchtet werden.“ Wie man Saatgut gewinnt und was es zu beachten gilt, wollen Mammel und Lenz den Interessierten in Workshops vermitteln.

Doch Schulungen kosten Geld, und das „Genbänkle“-Projekt ist von Spenden abhängig. Gefördert wurde vom Biosphärengebiet Schwäbische Alb zumindest eine Studie über  Initiativen für Obst- und Gemüsevielfalt auf der Alb. Und vom Land ein Ausflug per Bus zum Vorbild „Arche Noah“, die inzwischen 35 Angestellte hat. Von mehr Personal oder eigenen Schaugärten können Mammel und Emer, deren Stelle diesen Herbst ausläuft, derzeit nur träumen.

„Die Regierung unterstützt einen nicht“, sagt auch Klaus Lang, „ich bräuchte ganz dringend einen Gärtner, und mehr Platz“. Die zentrale deutsche Genbank in Gatersleben (Sachsen-Anhalt) hält er übrigens nicht immer für sehr hilfreich. Allein von den vielen Ulmer Sorten ist dort keine einzige im Verzeichnis, sagt Denise Emer. Lang würde am liebsten das EU-Sortenverzeichnis ganz abschaffen: „Es ist doch völlig absurd, dass für Gemüse, das unsere Vorfahren angepflanzt haben und das perfekt für unsere Böden und unser Klima hier ist, der Saatgutverkauf verboten ist.“ Mammel, der seinen Freund am Tag des offenen Gartens besucht hat, durchsucht die Samen-Kartei derweil nach dem von seiner Frau bestellten „ewigen Kohl“, und ruft zum Abschied in die Runde: „Wenn Sie im Urlaub irgendwo hinkommen und Linsen finden: Bringen Sie sie mit!“

Regionale Initiativen

Einfalt Von 30 000 essbaren Pflanzen ernähren laut Studien rund 30 Arten und 150 Sorten die gesamte Weltbevölkerung. Viele Gemüse und Kräuter sind fast ganz verschwunden. Als wichtigste Ursache gilt der Einzug der maschinellen Ernte im 20. Jahrhundert.

Projekte „Genbänkle“ ist nicht die einzige Initiative zur Rettung alter Sorten im Land. Das Projekt Filderkraut  versucht, Spitzkraut-Sorten zu erhalten. Die „Arche des Geschmacks“ der Slow-Food-Stiftung für Biodiversität geht ähnlich vor wie „Genbänkle“, jedoch international. „Transition Town“ Esslingen setzt sich ebenfalls für regionale Biodiversität ein. Der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) hat in Baden-Württemberg keine Regionalgruppe.  Weitere Infos: www.genbaenkle.de

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