Gegen den Schlussstrich: „Nazi-Jäger“ legt Buch vor

Ein „Nazi-Jäger“ zieht Bilanz: Kurt Schrimm hat als Staatsanwalt über 30 Jahre Nazi-Verbrechen aufgearbeitet. Jetzt legt er sein Buch vor.

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  • Umgeben von Aktenbergen war Kurt Schrimm bei der Zentralstelle zur Aufklärung von Nazi-Verbrechen über Jahrzehnte.  1/2
    Umgeben von Aktenbergen war Kurt Schrimm bei der Zentralstelle zur Aufklärung von Nazi-Verbrechen über Jahrzehnte. Foto: 
  • Kurt Schrimm: Die Schuld, die nie vergeht (400 Seiten, Heyne-­Verlag, 22 Euro).  2/2
    Kurt Schrimm: Die Schuld, die nie vergeht (400 Seiten, Heyne-­Verlag, 22 Euro). Foto: 
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Wie ein roter Faden zieht sich ein gravierender Irrtum durch den beruflichen Lebensweg von Kurt Schrimm (68). Ob ab 1982 als Staatsanwalt in Stuttgart oder von 2000 bis 2015 als Chef der Zentralen Ermittlungsbehörde in Ludwigsburg – wann immer dem Juristen eine neue Zuständigkeit für Nazi-Verbrechen anvertraut wurde, stets glaubten Kollegen, „in drei, vier Jahren redet niemand mehr darüber“. Fast drei Jahrzehnte befasste sich der wackere Schwabe mit dem „Räderwerk einer Mordmaschinerie bisher nicht gekannten Ausmaßes“. Seine Erfahrungen, Erlebnisse und Einschätzungen hat er jetzt in dem Buch „Schuld, die nicht vergeht“ (Heyne-Verlag) zusammengefasst.

Den größten Erfolg sieht der „Nazi-Jäger“ – das Wort hört er nicht gerne – in der Umwandlung der Zentralstelle zur modernen Behörde. Zuvor hätten dort „alte Männer vor sich hingewurstelt“. Der Verzicht auf die Anklagekompetenz sei ein großer Fehler gewesen. Örtlich zuständige Staatsanwaltschaften, denen Material („40 Ordner“) überlassen wurde, hätten immer wieder ganz vorne anfangen müssen. Dabei sei viel Sand ins Getriebe geraten. Anfangs habe auch gegen eine allgemeine „Schlussstrich-Mentalität“ angekämpft werden müssen.

Neuland betreten

Bei der Aufklärung sei Neuland betreten worden, für die niemand geschult worden sei, „weder Polizei noch Staatsanwaltschaft“. Es sei um „Formen von Organisationsverbrechen“ gegangen, „zu deren Aufklärung allgemein-kriminologische Erkenntnisse und Lebenserfahrungen nicht ausreichten“. Verlangt worden seien stattdessen „Kenntnisse um Befehlswege und Organisationsstrukturen, von soziologischen und politischen Hintergründen“.

Eine systematische Strafverfolgung sei anfangs, als „halb Europa noch in Trümmern lag“, gar nicht möglich gewesen, weshalb es „im Grunde mehr oder weniger dem Zufall überlassen blieb, welche Täter vor Gericht gestellt werden konnten“. Als dann die Zentralstelle existierte, sei sie von Behörden in anderen Ländern kaum unterstützt worden. Diese, etwa die Generalstaatsanwaltschaft der DDR, trügen, „ein gerütteltes Maß an Schuld an der lückenhaften Strafverfolgung“.

Keiner der Beschuldigten oder Angeklagten habe Reue gezeigt. Es habe den Überzeugungstäter gegeben, der wieder so handeln würde. Oder den Mitläufer, die überwiegende Mehrheit, der eben die Befehle ausgeführt habe. Eine dritte Kategorie seien Menschen, bei denen nicht herausgefunden werden konnte, warum sie überhaupt zum Mörder oder Gehilfen geworden seien.

Auch im Ruhestand hadert Schrimm mit einer Lücke bei der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Dass ausgerechnet Staatsanwälte und Richter, die an „Todesurteilen wegen Nichtigkeiten“ beteiligt gewesen seien, straffrei davon gekommen sind, sei ein Fehler: „Ich bedauere, dass uns diese Leute durch die Lappen gegangen sind.“ Gerne hätte er die 2008 erfolgte Wende bei der Rechtsprechung viel früher erlebt. Seither wird auch verurteilt, wer nicht direkt am Massenmord beteiligt war, sondern durch seinen Einsatz das Todessystem stützte. Zuvor seien etwa 6000 Auschwitz-Aufseher der Bestrafung entgangen.

Schrimm, der erst nach der Ausbildung zum Steuerinspektor seine „Neigung zum Strafrecht“ entdeckte, versteht seine Berufung nach Ludwigsburg als Chance, an der „historischen Aufklärung eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte“ mitzuwirken. Für seine Arbeit habe ihn die Begegnung mit einer Jüdin in New York im Juli 1989 geprägt. Die SS hatte ihre elf Geschwister und die Eltern ermordet. Jetzt sollte die 72-Jährige als Zeugin angehört werden.  „Auf den Tag, dass sich ein offizieller Vertreter des deutschen Staates bei mir meldet und sich für das interessiert, was in jenen Tagen geschehen ist, habe ich über vierzig Jahre gewartet“, sagte sie dem hartnäckigen Ermittler, „ich hatte Angst, dass sich in Deutschland niemand mehr für unser Schicksal interessiert.“

Die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen hat seit 1958 über 7600 Vorermittlungen geführt. Dabei ging es oft um viele Beschuldigte und mehrere Straftaten. Die 18.397 Verfahren wegen NS-Verbrechen wurden entweder von der Zentralstelle eingeleitet oder basierten auf deren Recherchen.

Von 1967 bis 1971, der Zeit der größten Arbeitsbelastung, waren 49 Staatsanwälte und Richter, tätig. Heute gehören zur Mannschaft von Jens Rommel sieben Dezernenten. Nach dem nicht absehbaren Ende soll dort ein „Ort des Gedenkens, der Mahnung und der Aufklärung“  entstehen. hgf

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