Garten-Piep-Schau

Wie stark macht der wankelmütige Winter aktuell den Vögeln zu schaffen? Amsel, Drossel, Fink und Zeisig haben sich gut angepasst: Mal balzen sie wie im Frühjahr und bei Frost fliegen sie in mildere Regionen.

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Der Naturschutzbund hatte dazu aufgerufen, Zahl und Art der Vögel zu notieren, die sich in einer Stunde am Futterhäuschen zeigen. Der Erlenzeisig wurde im Vergleich zum Vorjahr viermal häufiger gemeldet.  Foto: 

Wenn die Amsel zu singen beginnt und der Kleiber immer öfter Streit mit seinem Nachbarn hat, dann ist das ein Zeichen dafür, dass der Frühling im Anmarsch ist. Meistens zumindest. Denn auch in den vergangenen ungewöhnlich milden Winter-Wochen legten so manche Vögel bereits ein typisches Frühlingsverhalten an den Tag. Macht es den Vögeln, die im Herbst nicht in den Süden geflogen sind, zu schaffen, dass sich der Winter plötzlich doch von seiner glitzernd weißen und frostigen Seite zeigt? "Der meteorologisch ungewöhnliche Winter hat die Vogelwelt nicht verwirrt", sagt der ehrenamtliche Ornithologe Stefan Bosch vom Naturschutzbund (Nabu).

Zeigten die Vögel in der vergangenen Woche bei milden Temperaturen schon Anflüge von Balzverhalten, so reagieren sie jetzt auf den Wintereinbruch ebenso flexibel. Die Frühlingsgefühle sind wieder vorbei und wem es arg zu kalt wird, der zieht einfach um. "Winterflucht" nennen das die Vogelkundler: Wenn in einer Region besonders dicht Schnee liegt, und es nicht mehr genug Futter gibt, ziehen die Tiere weiter. Das ist für sie generell nichts Neues. "Vögel müssen ja seit Jahrmillionen flexibel sein", sagt Bosch. Dabei seien zwei Faktoren wichtig: Die Temperatur - also das "Wohlfühlklima" - müsse stimmen und das Nahrungsangebot.

Mit einem ausgesuchten Nahrungsangebot locken Futterhäuschen viele Vögel in die Gärten. Der Nabu hatte deshalb dazu aufgerufen, Zahl und Art der Vögel zu notieren, die sich innerhalb einer Stunde am Futterhäuschen zeigen. Bis gestern konnten Vogelbeobachter aus ganz Deutschland ihre Ergebnisse aus der "Stunde der Wintervögel" dem Nabu melden. Aus Baden-Württemberg haben rund 7500 Menschen bei der Aktion mitgemacht. Sie haben insgesamt mehr als 211.000 Vögel gezählt.

Am häufigsten war der Haussperling in den Gärten zu Gast, gleich gefolgt in der Liste von der Kohlmeise und der Blaumeise. Auf Platz vier bis sechs landeten Feldsperling, Amsel und Buchfink. Der Senkrechtstarter dieses Winters landete auf Platz neun der häufigsten Arten: Der Erlenzeisig, ein kleiner gelbgrüner Fink, wurde im Vergleich zum Vorjahr viermal häufiger gemeldet. "Da macht sich offenbar auch in den Gärten bemerkbar, dass diese Art seit Oktober verstärkt aus Nord- und Osteuropa nach Mitteleuropa einfliegt - obwohl sie keine typische Gartenart ist und nur gelegentlich ans Futterhäuschen kommt", sagt Bosch. Bei typischen Wintergästen im Garten wie Schwanzmeise (Platz 16), Gimpel (Platz 20) oder Tannenmeise (Platz 24) zeichnet sich aus Sicht des Vogelexperten ein erfreulicher Trend ab. Der farbenfrohe Stieglitz, Vogel des Jahres 2016, wurde nur aus zehn Prozent der Gärten gemeldet. Sorgen macht den Naturschützern der Grünfink, dessen Bestand erneut abnimmt.

Aus den Angaben der Vogelzähler könne man interessante wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen, sagt Bosch. Daher werden die Daten zentral in Berlin gesammelt und ausgewertet. Sie werden mit den Daten aus den vergangenen zehn Jahren verglichen.

Welche Bedingungen macht einer bestimmten Vogelart besonders zu schaffen? Welche reagiert besonders flexibel auf Veränderungen? Die Ergebnisse aus den Zählungen können auch helfen, Schwankungen in den Vogelbeständen nachzuvollziehen. Dazu sind allerdings Ergebnisse aus einem noch längeren Zeitraum nötig. "Wie das geht, haben uns ja schon die Vogelkundler aus dem angloamerikanischen Raum vorgemacht", sagt Bosch. In den USA beispielsweise gibt es solche Vogelzählungen durch Laien in großem Maßstab bereits seit langem, den "Christmas Bird Count" zum Beispiel seit gut 115 Jahren.

Ein plötzlicher Kälteeinbruch wie in dieser Woche macht Amsel, Drossel, Finken und Meisen also eher wenig aus. Nur extreme Winter schaden den Tieren, wenn (wie Anfang der 1960er-Jahre) so lange Frost und Schnee herrschen, dass die Gewässer lange zugefroren sind. "Damals ist der Eisvogelbestand extrem zusammengebrochen", sagt Bosch. Doch selbst dieser Einbruch gleiche sich über die Jahre wieder aus, sagt der Experte.

Lieber ein Futtersilo statt ein schmuckes Häuschen

Wintereinbruch Sollte man den Vögeln Meisenknödel, Kerne und Sämereien servieren, um sie bei Frost durch den Winter zu bringen? Bei geschlossener Schneedecke reicht es, wenn man moderat zufüttert, sagt der Nabu-Ornithologe Stefan Bosch. Allerdings sollte man nur Futtergeräte anbringen, in denen sich das Futter nicht mit dem Vogelkot vermischt, etwa Futtersilos, in denen die Körner nachrutschen. So verringert sich zum Beispiel das Risiko von Krankheitsübertragungen.

Katzenfrei Der Futterspender für die Vögel sollte mit mindestens zwei Meter Abstand zur nächsten Glasscheibe an einer übersichtlichen Stelle angebracht werden, damit sich keine Katzen anschleichen und die Vögel angreifen können.

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