Funde einer Nazi-Grabung kehren heim

Das Pfahlbaumuseum Unteruhldingen gibt 9000 steinzeitliche Keramikfunde aus Thessalien an Griechenland zurück. Sie waren vor 70 Jahren unter fragwürdigen Umständen nach Deutschland gekommen.

|
8000 Jahre alte Fundstücke aus Griechenland mit NS-Papieren, in der Nazizeit nach Deutschland gebracht. Jetzt wird das Kulturgut wieder zurückgegeben. Foto: dpa

Einen rechtlichen Anspruch auf die Scherben hat Griechenland nach Darstellung von Museumschef Gunter Schöbel nicht. Doch moralische Gründe sprächen dafür, die Keramik auszuhändigen. Die Übergabe werde wohl noch in diesem Jahr erfolgen, sagte Schöbel. In die Rückgabe-Aktion mit einbezogen sind das Auswärtige Amt in Berlin und das Wissenschaftsministerium in Stuttgart.

Die Scherben stammen ursprünglich aus einer archäologischen Grabung deutscher Archäologen in der frühsteinzeitlichen Siedlung bei Velestino, einer Stadt zwischen Volos und Laris in Thessalien. Die Wissenschaftler waren im Auftrag des "Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg" unterwegs. Den NS-Beauftragten ging es darum, Belege für die germanische Hochkultur und ihr großes Siedlungsgebiet zu finden. Damit wollte das Nazi-Regime die eigene Überlegenheit und Besitzansprüche auf Territorien in den Nachbarländern legitimieren.

Einer der eifrigsten NS-Archäologen war der aus Siebenbürgen stammende Hans Reinerth, der seine wissenschaftliche Laufbahn an der Universität Tübingen begonnen hatte, dort aber nach Querelen keinen Lehrstuhl erhielt. Reinerth trat 1932 in die NSDAP ein und stellte sich ganz in den Dienst der völkischen Kulturpolitik Hitlers.

Auf der Suche nach der Ausbreitung des "nordischen Rechteckhauses" grub Reinerth 1941 auch in Velestino, offenbar mit der formalen Erlaubnis der Behörden im von der Wehrmacht besetzten Land. Ein Teil der Funde blieb in Griechenland, den anderen Teil brachte Reinerth zur Auswertung nach Berlin. Im Bombenkrieg wurde das Amt für Vorgeschichte samt einer Vielzahl von Objekten nach Salem (heute Bodenseekreis) ausgelagert. Dort wurden die Kisten 1946 von den französischen Besatzern angetroffen und unter die Vermögenskontrolle des Landes Württemberg-Hohenzollern gestellt. Nach einer weiteren Odyssee - unter anderem lagerten die Kisten auf der Bühne des Schlosses von Bad Buchau am Federsee - landeten die Scherben aus Thessalien schließlich im Museum des rekonstruierten Pfahldorfs in Unteruhldingen am Bodensee. Dort war Reinerth bis zu seinem Tod 1990 wissenschaftlicher Leiter. Nach dem Krieg war Reinerth wegen seiner Nazi-Vergangenheit der Professorentitel zunächst aberkannt worden. 1953 erhielt er ihn zurück.

Schöbel zufolge wurden die Steinzeit-Scherben im Pfahlbaumuseum in den vergangenen 20 Jahren nach und nach aufgearbeitet. Bei dieser Forschung geht es um ganz andere Ziele. Die Wissenschaftler versuchen, die Siedlungsgeschichte Thessaliens in der Steinzeit zu rekonstruieren. Schöbel will die Ergebnisse der Aufarbeitung bald publizieren.

Die 8000 Jahre alten Tonscherben, darunter auch farbig bemalte, waren in Seiten der NS-Zeitung "Völkischer Beobachter" eingeschlagen. "So konnten wir sie unmöglich zurückgeben", sagte Schöbel. Inzwischen sind die Objekte säuberlich verpackt worden. Ein Lieferwagen reicht aus, um die Kisten abzutransportieren.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Gibt es weiße Weihnachten?

In der Adventszeit ist es die Fragen aller Fragen: Gibt es weiße Weihnachten? Die Antwort ist klar: vielleicht! weiter lesen