Frust über Zugausfälle: Fassungslos im Pendlerzug

|

Das Vorhaben ist eigentlich ganz einfach: Es soll vom Wohnort in Salach (Kreis Göppingen) nach Ulm gehen. Start ist um 8:12 Uhr mit der Regionalbahn (RB) 19215 bis Geislingen/Steige. Dort um 8:29 Uhr angekommen, bleibt genügend Zeit, um 8.40 Uhr auf den schnelleren Interregio-Express (IRE) 4209 zum Arbeitsplatz nach Ulm umzusteigen. Die RB muss in Geislingen einen 20-minütigen Zwangsstopp einlegen und käme deutlich später am Ziel an.

Soweit die Theorie. In Salach hat die RB am Donnerstag bereits zehn Minuten Verspätung. In Süßen der erste Zwangsstopp: Überholung. Ein Fernverkehrszug rauscht vorbei. Die Pendler im Bummelzug blicken auf ihre Uhren, Verunsicherung macht sich breit. Reicht es, den IRE in Geislingen zu erreichen? Kurz nach dem letzten Zwischenhalt wird der Zug auf ein Nebengleis geleitet. Ein Intercity darf überholen. Die Uhr tickt. Darf gleich auch der IRE vorbei? Nein: Es geht weiter. Die Erleichterung währt aber nur kurz. Rund 200 Meter vor dem Geislinger Bahnsteig stoppt der Zug erneut. Der IRE fährt vorbei. Die Pendler in der RB  schauen fassungslos hinterher.

„Auf Entwicklungsland-Niveau“

Zugausfälle, Verspätungen, verdreckte Züge, Durcheinander: Wer derzeit auf Pendlerstrecken wie der Filstalbahn rund um Stuttgart unterwegs ist, kann einiges erleben. Das belegen auch Zuschriften, die unsere Zeitung erreicht haben. „Die Bahn fährt derzeit auf der Filstalstrecke auf Entwicklungsland-Niveau“ heißt es in einem Brief, in dem eine Vielzahl von Zugausfällen  dokumentiert sind. Schon seit Oktober sind die Probleme so massiv, dass die Bahn bereits Millionenstrafen an das Land zahlen musste. Zum Jahreswechsel hat sich die Situation erneut verschärft. Laut einer Erhebung des Verkehrsministeriums waren Anfang Dezember im Land 165 Züge im Nahverkehr ausgefallen. In der letzten Woche des Jahres 2016 fielen einem Sprecher von DB Regio zufolge insgesamt 256 Züge aus – 122 komplett und 134 auf Teilstrecken. In der ersten Woche des Jahres 2017 stieg die Zahl auf 330 an, dabei dabei fielen 175 Züge komplett aus, 155 auf Teilen der Strecke.

Das Land sieht klare Managementfehler bei der Bahn: Neben „erheblichen Rückständen“ bei der Instandhaltung der Fahrzeuge sei die Personalplanung über die Feiertage fehlerhaft gewesen. Die DB Regio führt hingegen eine „Krankheitswelle“  an. Weniger stark ins Gewicht fielen die „mehreren Hundert“ neuen Wagen aus anderen Bundesländern, die noch nicht in Betrieb seien, weil die Technik noch überprüft werde.

Seit Oktober muss die DB Regio wöchentlich beim Land zum Rapport. Im November hatte sie eine Taskforce eingerichtet, verbessert hat sich aus Sicht etwa des Fahrgastverbandes Pro Bahn nicht viel.  „Es ist ein Dauerzustand momentan“, sagt der Landesvorsitzende Stefan Buhl. So sieht es auch Matthias Lieb, Landesvorsitzender des Verkehrs­clubs Deutschland (VCD): „Alleine in der ersten Woche des neuen Jahres sind mehr als drei Prozent der DB-Nahverkehrszüge in Baden-Württemberg ausgefallen – das ist ein neuer Negativrekord.“ Vor allem betroffen seien die Region Stuttgart und dort die Pendlerzüge, wie auch Zahlen des Verkehrsministeriums belegen. „Wie möchte man Autofahrer zum Umstieg auf den Zug animieren, wenn der Zug gar nicht fährt?“, fragt Lieb in Bezug auf Feinstaubalarme in Stuttgart.

Weniger Geld für die Bahn

Bei der DB Regio aber sieht man sich „auf einem guten Weg“, da sich die personelle Situation entspannt habe und Personal aus anderen Bundesländern geworben werde. Bis 22. Januar bietet die Bahn ihren Kunden an, auf den Strecken von Stuttgart nach Karls­ruhe, Aalen sowie eingeschränkt auch nach Göppingen kostenlos auf Intercity- sowie Eurocity-Züge umsteigen zu können. Bis dahin kostet jeder ausfallende Zug sie Geld. „Fährt ein Zug gar nicht, bekommt DB Regio etwa 15 Euro je Kilometer abgezogen“, sagt ein Ministeriumssprecher. Ist Fahrzeug- oder Personalmangel die Ursache, verdoppele sich der Abzug. Im Dezember wurden so mehr als fünf Millionen Euro fällig.

Pro Schulwerktag fahren laut Verkehrsministerium im Regionalverkehr der Bahn (ohne S-Bahn, Fernverkehr, Stadtbahnen) auf der Strecke Stuttgart – Aalen etwa 17 000 Menschen. Auf der Strecke Stuttgart – Ulm über Göppingen und Geislingen sind es 27 000, auf Stuttgart – Karlsruhe etwa 22 000 Fahrgäste. tk

Kommentieren

Kommentare

14.01.2017 19:16 Uhr

VCD fordert Entschädigungen für Pendler

(...) Seit Wochen seien im ganzen Land viele Fahrgäste und Pendler auf ihrer täglichen Fahrt mit der Regionalbahn extrem von Zugausfällen, Verspätungen und weiteren Unregelmäßigkeiten betroffen, bemängelt der Verkehrsclub Deutschland (VCD) in Baden-Württemberg. Dabei würden viele Menschen gerne mit der Bahn fahren, sie sei bequem und meistens zuverlässig. Außerdem entlaste die Bahn den Autoverkehr in den Ballungszentren und trage zu einer besseren Luft bei, so der Verkehrsclub weiter.

Derzeit muss die Deutsche Bahn AG aufgrund unpünktlicher Züge Strafgelder an das Land bezahlen. Das reicht dem Verkehrsclub jedoch nicht. Pendler würden trotzdem jedes Jahr mehr für ihre Fahrkarte bezahlen, während die Züge immer unpünktlicher werden oder sogar ganz ausfallen. "Es ist heute preiswerter für die Bahn, unpünktlich zu sein als alle Maßnahmen zu ergreifen, um pünktlich zu sein - und der Fahrgast leidet darunter", kritisierte Matthias Lieb, VCD-Landesvorsitzender.

Der VCD fordert deshalb von der Bahn bis zu zehn Prozent Fahrtkosten-Rückerstattung für verspätete Regional- und S-Bahn-Züge in der Region Stuttgart. Ein entsprechendes Konzept stellte der VCD in Stuttgart vor. Danach sollen Fahrgäste bei einer Pünktlichkeitsquote von weniger als 95 Prozent Entschädigungen fällig werden. (...)

http://www.swr.de/landesschau-aktuell/bw/stuttgart/stuttgart-regionalbahnen-zugausfaelle-verspaetungen-vcd-unterschriftensammlung/-/id=1592/did=18634112/nid=1592/10qy6e2/

Antworten Kommentar melden

14.01.2017 19:08 Uhr

Auch im Unterland regt sich Unmut

Wegen S21 bleibt Heilbronn auf Dauer im Bahnschatten. (...) Das Milliardengrab Stuttgart 21 blockiert seit Jahren wichtige Ausbauten in der Region und bringt für Fahrgäste und Pendler aus dem Norden keinerlei Vorteile. Darauf weist das "Ak­ti­ons­bünd­nis Heil­bron­ner gegen S21“ aus Anlass einer Pressemitteilung von CDU-Landeschef und MdB Thomas Strobl hin.

„Offenbar hat Herr Strobl schon lange keinen Nahverkehrszug mehr von innen gesehen,“ sagt Stadt- und Regionalrat Wolf Theilacker. „Sonst wüsste er vielleicht, dass es für Fahrgäste und Pendler in der Region wichtigere Dinge gibt als schnelle Bahnverbindungen nach Ulm oder zum Stuttgarter Flughafen.“

Es sei bei solch einer verfehlten Politik kein Wunder, dass Heilbronn auf Dauer vom Schienenfernverkehr abgehängt bleibe. „Heilbronn liegt seit Jahren im Bahnschatten, und der Schatten wird durch Stuttgart 21 noch länger“ stellt Silke Ortwein fest, Sprecherin des Aktionsbündnisses. „Fehlende Kapazitäten zur Abwicklung des Zugverkehrs aus Richtung Norden werden die Region beim Schienenverkehr um Jahre zurückwerfen.“

Wegen des begrenzten Tunnelbahnhofes können künftig weniger Züge nach Stuttgart fahren als heute. Mit dem Zerstörungswerk am bislang funktionierenden Stuttgarter Hauptbahnhof habe sich schon heute die Situation merklich verschlechtert.

Darauf weist Hans-Martin Sauter hin, Vorstand im ökologischen Verkehrsclub Deutschland VCD: „Das Stuttgarter S-Bahn-System funktioniert nicht mehr zuverlässig, die Wege haben sich deutlich verlängert, immer öfter verpassen Fahrgäste wichtige Anschlüsse. Immer öfter werden Züge aus Heilbronn in Bietigheim enden müssen.“

Was Herr Strobl stets verschweigt: Kein Zug fährt wegen Stuttgart 21 schneller von Heilbronn nach Stuttgart. Die stets propagierten Fahrzeitverkürzungen kommen nur durch die Neubaustrecke nach Ulm südlich von Stuttgart zustande. (...)

https://stadtbahn.wordpress.com/2014/03/26/wegen-s21-bleibt-heilbronn-auf-dauer-im-bahnschatten/

Antworten Kommentar melden

14.01.2017 00:22 Uhr

auch auf der Brenztal fallen ständig Züge aus!

das Zwangs-Angebot der Bahn, daß Reisende künftig bei Ausfall von Nahverkehrszügen auch IC oder ICE nutzen können, bringt leider nur den Pendlern von Großstadt zu Großstadt was - dazwischen gibt es leider NIX außer kalte Füße! Nicht mal mehr Warteräume ... Danke Frau Merkel für diese besch..... Politik!

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Verspätungen und Zugausfälle: Qualitätsmängel bei der Bahn

Pendler können ein Lied davon singen: Die Bahn hat mit Qualitätsmängeln zu kämpfen. Immer wieder fallen Züge aus oder kommen zu spät.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Frauenbüro: Ulmer Bäder als „grapschfreie Zone“

Frauenbüro und Kooperationspartner ermutigen Kinder und Jugendliche, sich gegen Glotzer und Gaffer zu wehren. Die Mitarbeiter werden geschult und sensibilisiert. weiter lesen