Friedensnobelpreis strahlt bis Villingen

Die Kampagne ICAN, die sich für eine atomwaffenfreie Welt einsetzt, erhält am Sonntag den Friedensnobelpreis. Der Arzt Helmut Lohrer aus Villingen wird mitjubeln.

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Helmut Lohrer (rechts) präsentiert das IPPNW-Logo vor dem Eingangstor des Atomwaffen-Stützpunkts Büchel im Hunsrück.  Foto: 

Wenn Helmut Lohrer in Fahrt ist, kann ihn so schnell nichts bremsen. Seit 30 Jahren kämpft  der Allgemeinmediziner aus Villingen mit viel Leidenschaft, noch mehr Herzblut und der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW „für die Verhütung des Atomkriegs“. Vor zehn Jahren haben Ärzte der IPPNW die Kampagne ICAN gestartet, die von fast 500 Organisationen in 101 Ländern getragen wird. Mit ihr setzen sich Menschen auf der ganzen Welt für eine atomwaffenfreie Welt  ein. ICAN wird am Sonntag in Oslo mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Helmut Lohrer  fährt hin, um mit seinen Mitstreitern zu feiern. Doch für den 54-Jährigen gab es in diesem Jahr einen noch viel größeren Erfolg als den Friedensnobelpreis: Das ist der UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen. Den haben am 7. Juli 122  UN-Staaten beschlossen.

ICAN informiert über die humanitären Folgen eines Atomkrieges, sagt Lohrer. Konkretes Beispiel: Würden nur 100 der 15.000 Atomwaffen, die es weltweit gibt, zum Einsatz kommen, käme es aufgrund der daraus folgenden Klimaveränderung zu einer weltweiten Hungersnot mit ein bis zwei Milliarden Toten. „Den meisten ist das katastrophale Ausmaß der Folgen nicht klar“, sagt Lohrer. Deshalb hat er  sich vor mehr als 30 Jahren entschieden, dabei mitzuhelfen, die Menschen darüber aufzuklären.

Es war während seines Medizinstudiums, als er auf die ärztliche Friedensorganisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/Ärzte in sozialer Verantwortung“ (IPPNW) aufmerksam wurde. Als 1986 der 6. Weltkongress der IPPNW in Köln stattfand, fuhr Erstsemester Lohrer hin. Das Thema packte ihn, und er wurde Mitglied in der IPPNW. „Ich war in der Zeit der Nachrüstungs-Debatte Anfang der 80er schon als Schüler bei den Demos in Mutlangen, Bonn und Stuttgart dabei.“ Später verweigerte er den Bundeswehr-Dienst, setzt sich bis heute konsequent gegen Waffen und Krieg ein.

Lohrer ist seit Jahren Mitglied des deutschen und internationalen Vorstands von IPPNW. Im Rahmen seiner Arbeit dort hat er unter anderem den Ärzte-Kongress gegen Kleinwaffen und den Handel damit organisiert, der 2013 in Villingen-Schwenningen stattfand. Damals wurde er von Referenten und Kongress-Teilnehmern, die aus der ganzen Welt anreisten, gefragt, warum er sie ans Ende der Welt schicke. Antwort: „Weil hier die Waffen produziert werden.“

Die Kampagne ICAN ist entstanden, nachdem die damals fünf Atomwaffen-Staaten 2005 während einer Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag  im Streit auseinander gegangen waren. Nach diesem Desaster habe der Präsident der  IPPNW, der Gynäkologe Ron McCoy aus Malaysia, angeregt: „Wir brauchen eine neue Kampagne!“ Die wurde am 30. April 2007 in Wien gestartet.

Australische Ärzte der IPPNW, Bill Williams und Tilman Ruff, reisten danach um die Welt, um Unterstützer für die Kampagne zu gewinnen. Mit Erfolg. Eine der Partnerorganisationen ist „Majors for Peace“. Darin ist Rupert Kubon, Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen, Mitglied. „Sobald ich ihn treffe, werde ich ihm zum Friedensnobelpreis gratulieren“, sagt Mediziner Lohrer.

Um mit ICAN voran zu kommen, wurde im März 2013 das erste Forum der Zivilgesellschaft zur Abschaffung von Atomwaffen veranstaltet. Daran schloss sich eine Staatenkonferenz zu den humanitären Folgen einer Atomwaffen-Explosion an. Als Forum und Konferenz 2014 in Wien stattfanden, tauchte die Frage auf, ob Abrüstungs-Verhandlungen auf UN-Ebene Erfolg haben könnten. Eine Umfrage unter den Mitgliedsstaaten ergab die überraschende Antwort „Ja“, sagt Lohrer. Deshalb beschloss im Oktober 2016 die Mehrheit der UN-Staaten, in Verhandlungen über ein Atomwaffen-Verbot einzutreten. Die waren so erfolgreich, dass am 7. Juli 122 Staaten beschlossen, einen UN-Vertrag abzuschließen. Den haben laut Lohrer bis heute 34 Staaten unterschrieben. Er müsse noch von den Parlamenten ratifiziert werden. „Erst dann tritt er in Kraft.“

„Dieser Vertrag ist für mich wichtiger als der Friedens­nobelpreis“, sagt Helmut Lohrer. Damit möchte er dessen Wert und Ausstrahlung aber nicht mindern. „Der Preis bringt für unsere Arbeit einen neuen Aufmerksamkeits-Schub.“ Denn Lohrer wird nicht müde, den Menschen deutlich zu machen: „Die einzige Möglichkeit, einen Atomkrieg zu überleben, ist, dass er gar nicht stattfindet.“

Die Kampagne ICAN erhält am Sonntag in der City Hall in Oslo den Friedensnobelpreis. ICAN ist eine internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen. Sie wird aktuell von 468 Organisationen aus 101 Ländern getragen.

Beatrice Fihn und Setsuko Thurlow werden den Friedensnobelpreis in Empfang nehmen. Beatrice Fihn leitet das Büro von ICAN in Genf. Setsuko Thurlow hat den Atombomben-Abwurf auf Hiroshima 1945 überlebt. wal

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