Flut von Einwendungen

Nach sechs Jahren Planungszeit hat das Landratsamt Waldshut die Planfeststellungs-Unterlagen für das Pumpspeicherkraftwerk Atdorf offengelegt. Es ist zu erwarten, dass das eine Flut von Einwendungen auslöst.

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In unmittelbarer Nähe des Hornbergbeckens I bei Herrischried will die Schluchseewerk AG für fast zwei Milliarden Euro das Hornbergbecken II bauen.  Foto: 

Wenn die Schluchseewerk AG die Baugenehmigung für das Pumpspeicherkraftwerk Atdorf schon hätte, würde sie es vermutlich nicht bauen. Die Experten sind sich einig, dass derzeit mit dem Betrieb von Pumpspeicherkraftwerken, in denen Strom gespeichert wird, nichts zu verdienen ist. Wie die Lage in zehn oder mehr Jahren ist, weiß niemand. Deshalb verfolgt die Schluchseewerk AG das umstrittene Projekt im Hotzenwald im Auftrag der ENBW weiter, wohl wissend, dass es noch ein weiter Weg ist bis zum Planfeststellungsbeschluss. Sobald der rechtskräftig ist, kann das Kraftwerk gebaut werden.

Möglich, dass dann schon das Jahr 2030 oder später geschrieben wird. In der Zeit kann sich auf dem Strommarkt viel verändern. Darauf hofft die ENBW. Sie ist davon überzeugt, "dass mit dieser starken Zunahme der erneuerbaren Energien und damit einer entsprechend fluktuierenden Leistung im Markt der Speicherung von Strom in all seinen Facetten - und damit auch Pumpspeicherkraftwerken - eine wachsende Bedeutung zukommen wird", informiert die Pressestelle des Unternehmens. Deshalb werde das Projekt weiter verfolgt. Die ENBW hat in die bisherigen Planungen 70 Millionen Euro investiert.

Aktueller Stand des Genehmigungsverfahrens ist, dass bis Ende Mai in den 21 betroffenen Gemeinden die Planfeststellungs-Unterlagen ausliegen. Dabei handelt es sich um 124 Aktenordner mit 19.000 Textseiten und 1400 Plänen. Damit Grundstückseigentümer, Interessierte und Gegner sich nicht durch diesen Papierwust arbeiten müssen, hat das Landratsamt Waldshut vier Infoveranstaltungen angeboten, sagt Jörg Gantzer, der die Projektarbeitsgruppe PSW Atdorf leitet. Darin sind das Landratsamt Waldshut und das Regierungspräsidium Freiburg vertreten.

Der Inhalt von 80 der 124 Ordner befasst sich mit dem Thema Umwelt. Kein Wunder, denn das Kraftwerk Atdorf wird, wenn es denn je gebaut wird, das größte Europas. Beide Becken sollen neun Millionen Kubikmeter Wasser speichern können. Für das Oberbecken, Hornbergbecken II, müsste ein Berg abgetragen, für das Unterbecken ein Tal aufgefüllt werden.

Für den Bau werden nach Auskunft von Peter Steinbeck, Sprecher der Schluchseewerk AG, 180 Hektar Fläche benötigt. "Dafür gibt es auf 1200 Hektar Fläche Ausgleichsmaßnahmen", betont er. Die Flächen verteilen sich auf 3800 Flurstücke. Davon sollen 2654 Flurstücke als Ausgleichsflächen dienen. Auf 1220 Flurstücken soll das Kraftwerk entstehen. Obwohl das gesetzlich nicht vorgeschrieben ist, hat die Schluchseewerk AG alle Flächenbesitzer angeschrieben und darauf aufmerksam gemacht, dass die Unterlagen ausliegen.

Transparenz war der Firma während des Verfahrens wichtig - und soll es bleiben. Es wurden Runde Tische, Workshops und Infoveranstaltungen angeboten. Der Widerstand hat sich trotzdem gehalten - von Naturschützern, Grundstückseigentümern und besorgten Bürgern. Klaus Stöcklin, Sprecher der Bürgerinitiative Atdorf (BI), hat angekündigt, gegen jede Einzelheit des Projekts Einwendungen sowie Sammeleinwendungen von Mitgliedern der BI einzureichen. Auch viele Grundstücksbesitzer werden sich melden. Es ist zu erwarten, dass über das Landratsamt eine Flut von Einwendungen hereinbricht. Sind die erörtert und abgearbeitet, kann vermutlich 2018 der Planfeststellungsbeschluss ergehen, schätzt Jörg Gantzer.

Dagegen wird die BI auf jeden Fall klagen. Das kündigt Stöcklin jetzt schon an. Damit schickt er das Projekt auf einen jahrelangen Weg durch die Instanzen: Verwaltungsgericht Freiburg, Verwaltungsgerichtshof Mannheim und Bundesverwaltungsgericht. "Es gibt keinerlei Gerichtsbeschlüsse zu Pumpspeicherkraftwerken. Atdorf wird zum Präzendenzfall werden", sagt Gantzer. Er schätzt, dass frühestens 2025, eher später, ein rechtskräftiger Beschluss vorliegt. Dann hat die ENBW fünf Jahre Zeit sich zu überlegen, ob sie das Kraftwerk baut. Danach läuft die Baugenehmigung ab.

Suche nach Stabilität

Stromspeicher So funktioniert ein Pumpspeicherkraftwerk: Wenn viel Strom, zum Beispiel aus Wind, Sonne und Wasser zur Verfügung steht und wenig benötigt wird, wird damit das Wasser vom unteren Becken in das obere gepumpt. In Starklastzeiten, wenn viel Strom benötigt wird, wird das Wasser durch Rohre den Berg hinunter geschickt und treibt dabei Turbinen an, die Strom produzieren. Bis 2030 sollen bundesweit 50 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen stammen. Da der Wind nicht immer weht und die Sonne nicht immer scheint, werden Speichermöglichkeiten gesucht, um die Stabilität im Netz zu gewährleisten. Ob Pumpspeicherkraftwerke eine Lösung sind, ist umstritten.

 

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