Feilschen nach Amoklauf ist beendet

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Einschusslöcher in der Scheibe eines Autohauses in Wendlingen: Der Amoklauf von Winnenden und Wendlingen ist juristisch aufgearbeitet.  Foto: 

Die 15. Zivilkammer des Landgerichts Stuttgart wollte sich heute  erneut mit den finanziellen Folgen des Amoklaufs von Winnenden und Wendlingen befassen. Es wäre um die Regressforderung der Unfallkasse Baden-Württemberg (UKBW) gegen den Vater des jugendlichen Täters gegangen. 717.000 Euro hatte die UKBW zuletzt verlangt. Behandlungskosten bis zu Ausgaben für Beerdigungen sollten abgegolten sein. Aber der Termin wurde abgesagt. „Der Prozess ist erledigt, die beiden Parteien haben sich geeinigt“, sagte Gerichtssprecher Bernhard Schabel der SÜDWEST PRESSE. Jörg K. (58) habe sich verpflichtet, 500.000 Euro zu bezahlen.

Diesem Vergleich ging ein mehrjähriges Feilschen um die Folgekosten des schlimmsten Verbrechens in der Geschichte Baden-Württembergs voraus. In einem ersten Anlauf sollten die Eltern des 17-jährigen Schülers, der am 11. März 2009 in Winnenden und Wendlingen 15 Menschen erschoss und letztlich sich selber tötete, nur 50 000 Euro bezahlen. Damals, im November 2014, sagte Richter Schendzielorz über die Vermögensverhältnisse der Familie: „Was wirtschaftlich bei den Beklagten zu holen ist, steht in den Sternen.“  Die Unfallkasse ging immer davon aus, dass das Ehepaar weitaus wohlhabender ist, als es vor Gericht habe glauben machen wollen.

Die Mutter wurde zwischenzeitlich von jeder Verpflichtung zu Schadenersatz befreit – ihr war ein schuldhaftes Verhalten nicht nachzuweisen. Damit stand allein der Vater in der Pflicht, weil er die Tatwaffe ungesichert in seinem Kleiderschrank aufbewahrt hatte. Der Sportschütze war vom Landgericht Stuttgart am 1. Februar 2013 deshalb zu einer anderthalbjährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden.

Die Unfallkasse hatte nach dem Amoklauf bis zu 15 Mitarbeiter und fast ein Dutzend Traumapsychologen an die Tatorte geschickt. An jenem Mittwoch im März 2009 wurden auch elf Personen teilweise  sehr schwer verletzt.

Im Laufe der Prozesse erhöhte sich der Betrag, den Jörg K. bezahlen sollte, auf 130.000 Euro. Damit war er im März 2015 aber nicht einverstanden, wollte allenfalls 70.000 Euro aufbringen. Im November 2016 sollte erneut über den Fall verhandelt werden, der Termin war jedoch auf den heutigen Freitag verschoben worden – morgen jährt sich der Amoklauf zum achten Mal. Wäre der Vergleich nicht zustande gekommen, hätten für eine aufwendige Beweisaufnahme rund zwei Dutzend teilweise noch immer traumatisierte Geschädigte als Zeugen gehört werden müssen. Was den Ausschlag für den doch noch vereinbarten Vergleich gegeben hat, konnte der Gerichtssprecher nicht sagen.

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