Fall Henri: Mutter fühlt sich vom Kultusministerium im Stich gelassen

Der elfjährige Henri hat das Down-Syndrom. Trotzdem will er mit den Freunden aufs Gymnasium gehen. Die Schule lehnt das ab. Mutter Kirsten Ehrhardt fühlt sich nun mitten in einem Kulturkampf ums Gymnasium. Ein Interview von Ute Gallbronner

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Frau Ehrhardt, haben Sie damit gerechnet, dass der Wunsch, Henri ans örtliche Gymnasium zu schicken eine derartige Aufregung auslöst?
KIRSTEN EHRHARDT: Ehrlich gesagt, finde ich diesen Aufschrei unangemessen laut, fast absurd. Wir wollen einfach nur, dass unser Sohn mit seinen Freunden an der Schule glücklich werden kann.

Was bedeutet Inklusion für Sie?
EHRHARDT: Wir wollten schon immer in einer gemeinsamen Welt leben, auch wenn wir zwei verschiedene Kinder haben. Wir wollen keine zweite Welt für Henri, in der sich alles um Förderung, Therapie, Sonderbehandlung dreht. Dazu gehört für mich, dass er nicht mit dem Schulbus irgendwohin gefahren wird, sondern dass er mit den Nachbarskindern zur Schule aufbricht. Das ist dann eine soziale Gemeinschaft, die Kindern mit Behinderungen nicht verwehrt werden darf.

Hat das in der Grundschule reibungslos funktioniert?
EHRHARDT: Henri geht in die Schillerschule in Walldorf in die erste inklusive Klasse, die es im Rahmen des Schulversuches im Land gegeben hat. Einfach war es trotzdem nicht. Aber wir hatten vor allem einen Rektor, der die Überzeugung vertritt, dass alle Kinder, die in Walldorf wohnen, auch in Walldorf zur Schule gehen sollen. Er ist für alles offen. Mein Sohn hat hier vier glückliche Jahre verbracht.

Welche personellen Voraussetzungen hat die Klasse?
EHRHARDT: Wir haben eine komplette Doppelbesetzung, das heißt einen Grundschullehrer und einen Sonderpädagogen. Außerdem haben wir eine Sonderschule, die diesen Weg, auch jetzt ans Gymnasium, voll und ganz unterstützt. Das ist nicht immer so.

Wie ist es dann weitergegangen?
EHRHARDT: Der Ablauf ist festgelegt. Das Schulamt schaut, welche Kinder mit Förderbedarf gemeinsam weiter an welche Schule gehen sollen. Und das ist in unserem Fall das Gymnasium. Unser toller Sonderpädagoge soll mit 26 Stunden mit den drei Kindern aus der alten Grundschulklasse mitgehen. Aber offenbar hatte auch das Schulamt die zunächst bekundete Offenheit der Direktorin falsch eingeschätzt.

Die beiden anderen Kinder will die Schule also aufnehmen?
EHRHARDT: Es sind körperbehinderte Kinder, die können sie nicht ablehnen. Aber wenn Henri nicht mitgeht, bekommen sie nicht die umfassende Begleitung, die sie bis jetzt durch den Sonderpädagogen haben und die sie, aus Sicht der Eltern und des Schulamts, brauchen. Da wird eine Riesenchance vergeben. Wir hoffen, dass Kultusminister Stoch sich endlich dazu äußert.

Stoch warnt davor, Henri als "symbolischer Fall" zu betrachten. . .
EHRHARDT: Ich finde es von Tag zu Tag unerträglicher, dass uns das Kultusministerium im Feuer stehen lässt. Wir setzen doch nur um, was im neuen Schulgesetz zur Inklusion stehen soll, und wenn das kommt, braucht es keine Zustimmung der Schulkonferenz mehr. Stoch will den Ball flach halten, aber der hüpft schon durch ganz Deutschland, und zwar ziemlich hoch. Wenn ein Gymnasium sagen darf: Inklusion ja, aber bitte keinen zieldifferenten Unterricht bei uns, also Kinder mit Behinderung in A- und B-Klasse trennt, kommen bald die Realschulen, und so weiter. Dann werden Kinder wie Henri durchgereicht. Am Ende bleibt die Gemeinschaftsschule, die dann zur neuen Sonderschule wird. Das kann nicht im Interesse der Landesregierung sein.

Das Hauptargument der Kritiker ist, dass der Abstand von Henri zu den Gymnasiasten viel zu groß sei und er frustriert würde. Wie sehen Sie das?
EHRHARDT: Der Abstand ist immer da, egal an welcher Schulart. Der Sonderpädagoge muss zieldifferenziert unterrichten, das war bisher auch so. Die Kinder in seiner Klasse wissen aber genau, wenn Henri einen kleinen Text vorliest oder in einem Diktat einzelne Wörter schreibt, dann muss er sich dafür sehr anstrengen. Und das schätzen sie wert - anders als viele Erwachsene! Sie sind völlig normal zu ihm. Dazu gehört auch, dass sie mal mit ihm streiten oder ihn schimpfen. Sie nehmen ihn ernst, so wie er ist.

Gegen Henris Aufnahme haben sich auch Eltern und Lehrer am Walldorfer Gymnasium ausgesprochen. . .
EHRHARDT: Es hat sich hier leider ein Kulturkampf entwickelt mit dem Grundtenor: Das Gymnasium muss Gymnasium bleiben. Die Grundangst vieler Eltern ist, dass ihr eigenes Kind zu kurz kommt. Als ob das Down-Syndrom abfärben würde. Viele wollen nicht sehen, dass Inklusion funktioniert, auch an Gymnasien. Es gibt genug Fakten, die das belegen. Einige Gymnasien haben sich gemeldet, die sagen: Kommt, und schaut es euch an!

Wie fühlen Sie sich dabei?
EHRHARDT: Mein Mann und ich freuen uns über die Unterstützung der Online-Petition und die Mut machenden Kommentare. Aber ich finde es anstrengend, dass Leute uns sagen wollen, was das Beste für Henri ist. Aber wir diskutieren gern mit jedem. Allerdings auf sachlicher Ebene, und die wird im Schutze der Anonymität des Internet oft verlassen. Was sich da zum Teil abspielt, ist widerlich.

Der Fall Henri

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