Fakten-Check zu Schorndorf: Was wirklich passierte, woher Fehlinfos kamen

Fatale Fehlerkette: Nach den Übergriffen in Schorndorf kursierten viele Falschmeldungen und Missverständnise. Ein Fakten-Check der Ereignisse auf dem Stadtfest.

|
Die Polizei im Schlossgarten in Schorndorf.  Foto: 

In Schorndorf herrschte tagelang Ausnahmezustand, sagt Oberbürgermeister Matthias Klopfer. Dabei spricht er aber nicht von den Ereignissen beim Stadtfest „Schorndorfer Woche“ – sondern von der medialen Aufmerksamkeit, die jene nach sich zogen. Bis über die Bundesgrenzen hinaus berichteten Medien von der „Krawallnacht“. Die Nächte des Wochenendes sind nun, knapp eine Woche danach, weitestgehend aufgearbeitet.

Wie wurde eine Meldung zum Selbstläufer? Ursprung der medialen Welle war eine unglücklich formulierte Polizeimeldung – die prompt von der größten deutschen Nachrichtenagentur dpa falsch interpretiert wurde. Um 16.24 Uhr am Sonntag hatte die Polizei eine Mitteilung zu der Randale abgegeben. Darin findet sich die Formulierung, im Schlosspark hätten sich in der Nacht zum Sonntag ungefähr 1000 Jugendliche und junge Erwachsene versammelt. Etwa eine halbe Stunde später berichtete die dpa: „In der Nacht zum Sonntag versammelten sich laut Polizei bis zu 1000 junge Leute im Schlosspark und randalierten.“ Das hatte die Polizei so aber nie geschrieben – es wurde aber so verstanden.

Was geschah dann? Die Nachricht verselbständigte sich am Montagmorgen – vor allem in Internetmedien. Da dpa in der Regel als zuverlässige Quelle gilt, unterblieben  oft Nachfragen vor Ort. Rechtskonservative Online-Portale zogen vorschnell Vergleiche zur Silvesternacht in Köln und zu Ausschreitungen in Hamburg, von „Einwanderermob“ war teils die Rede. Medien in ganz Deutschland und im Ausland griffen die dpa-Meldung auf. Dabei spielte auch eine Rolle, dass die Polizei fälschlicherweise berichtet hatte, es habe sich bei den 1000 Menschen im Park zum größten Teil um Menschen mit Migrationshintergrund gehandelt. Dies wurde später korrigiert.

Was war wirklich geschehen? Zum einen kam es im Schlosspark, unweit des Festgeländes, ab 22 Uhr zu Flaschenwürfen und Krawallen. Kurz nach 1 Uhr sollte dann ein 20 Jahre alter Deutscher nach einer Körperverletzung gegen einen Mit-Feiernden festgenommen werden. Eine größere Gruppe von 100 (nicht 1000) Personen, wie die Polizei mitteilt „überwiegend mit Migrationshintergrund“, solidarisierte sich mit dem 20-Jährigen und ging die Polizei an.  Die Beamten mussten sich zurückziehen und Verstärkung anfordern. Zum anderen kam es auf dem übrigen Festgelände, teilweise bereits am Freitag, zu mehreren Anzeigen wegen sexueller Belästigungen junger Frauen. In sechs Fällen wird ermittelt, in vier davon gegen Unbekannt. In zwei Fällen wurden Asylbewerber aus Schorndorf als Tatverdächtige ausgemacht. Insgesamt wurden 53 Straftaten während des viertägigen Festes zur Anzeige gebracht – doppelt so viele wie in den Vorjahren.

Wer sind die Opfer? Die von den sexuellen Übergriffen betroffenen Frauen waren eine 25-Jährige aus Ingolstadt sowie eine 17-jährige Österreicherin. Beide wurden laut Polizei am Gesäß begrapscht. Bei der Randale im Park hatte es keine verletzten Polizisten gegeben, so Polizeipräsident Roland Eisele.

Zogen randalierende Gruppen durch die Stadt? „Weiter zogen im Verlaufe der Nacht mehrere Gruppierungen mit circa 30 bis 50 Personen durch die Innenstadt“, hieß es in der ersten Mitteilung der Polizei. Nun korrigiert Eisele: Es habe zwar Zeugenaussagen gegeben, nach denen solche Gruppen mit Waffen und Schreckschusspistolen bewaffnet durch die Stadt gezogen seien. Bestätigt werden konnten die Hinweise aber nicht.

Wo wurden Fehler gemacht? Sowohl Polizei als auch die Stadt Schorndorf gestanden Fehler beim Umgang mit den Feiernden ein. Der Schlossplatz hätte wie in den Vorjahren früher geräumt werden müssen. Als man mit der Räumung des Platzes begann, seien die Jugendlichen deutlich alkoholisiert gewesen. „Stadt und Polizei hätten frühzeitiger und intensiver die Situation im Schlosspark beobachten und daraus die entsprechenden Konsequenzen ziehen müssen. Deeskalierend, aber klar“, resümiert Klopfer.

Was ist noch unklar? In allen angezeigten Fällen sexueller Belästigung wird noch ermittelt. Außerdem gibt es bislang keine konkreten Hinweise auf die randalierenden Täter im Schlosspark. Die Angriffe auf Mitfeiernde und auf Polizisten seien großteils aus der Anonymität der Gruppe heraus geschehen, so Eisele.

Eine Chronologie der Ereignisse lesen Sie hier...

Parlament Auch der Landtag befasste sich gestern mit den Ereignissen. Die AfD hatte eine Debatte beantragt. Titel: „Schorndorfer Stadtfest: Die ,Kölner Silvesternacht‘ ist in der schwäbischen Provinz angekommen“. AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen machte Migranten und die Asylpolitik des Bundes für die Vorkommnisse verantwortlich. Die Redner der anderen Fraktionen sowie die Minister Thomas Strobl (CDU) und Manne Lucha (Grüne) kritisierten die AfD und forderten einen sachlichen Umgang. hab

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung
Kommentieren

Kommentare

21.07.2017 08:55 Uhr

Was wirklich passierte

ist, das "Feste" und "Veranstaltungen" von "...Jugendliche und junge Erwachsene..." zunehmens missbraucht werden, um Randale zu machen. Auch sogenannte Abi-Streiche sind immer öfter nicht anderes, als sinnlose Sachbeschädigung. Und ja, 100 von 1000 sind nicht alle, aber dennoch 100 zu viel. Erst recht wenn man ehrlicher weise, die sogenannten Mitläufer/innen noch dazu rechnet.

Für mich gehört auf öffentlichen Plätzen und den Eingangsbereichen zu Veranstaltungen grundsätzlich eine Kameraüberwachung. Dann hat man wenigstens die Möglichkeit Täter eindeutig zu indentifizieren und ihnen anschließend eine Rechnung zukommen zu lassen.

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ulmer Innenstadthandel klagt über Gewalt und Drogen

Bei Regen und Kälte ist nur wenig zu sehen von den unhaltbaren Zuständen, die einige Geschäftsleute auf der Bahnhofstraße beklagen. Doch es gibt sie, auch wenn es derzeit eher entspannt zugeht. weiter lesen