Experte rät: Weg mit den Ernährungstipps

Wir haben Angst vor Dioxin-Eiern oder Ehec-Sprossen. Doch auch von scheinbar harmlosen Stoffen und sogar Vitaminen kann Gefahr ausgehen, sagt Hans-Ulrich Grimm. Er rät: Weg mit den Ernährungstipps.

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Der Journalist und Autor Hans-Ulrich Grimm inmitten der Nahrungsmittel, vor denen er warnt: Fertigprodukte.  Foto: 

Was halten Sie von Ernährungstipps, nach denen sich Millionen Menschen richten, etwa dem fettarmen Essen?
HANS-ULRICH GRIMM: Sie nützen nichts, vermiesen einem aber das Leben. Und sie entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage. Der berühmte Harvard-Professor Walter Willett hat schon vor zehn Jahren alle Studien zu diesem Thema durchforstet. Das Ergebnis: Fettarme Ernährung hat nullkommanull positive Effekte. Im Gegenteil: Es nützt dem Herzen nicht, ist eher ungesund, die Leute werden nicht schlanker, es steigt sogar das Risiko von Unfruchtbarkeit bei Frauen.

Aber Ratschläge wie der Obst-und-Gemüse-Tipp "Fünf am Tag", das klingt doch vernünftig?
GRIMM: Das klingt auch gut, steht aber wissenschaftlich auf tönernen Füßen. Alle Lebewesen können sich ohne Ernährungsberater ernähren. Sie suchen sich instinktmäßig in der Natur, was ihrer Art gemäß ist, der Löwe die Antilope, das Huhn ein Korn. Auch beim Menschen sagt einem der Körper instinktiv, was er gerade braucht. Der Körper besteht aus zwei Millionen verschiedenen Substanzen, die alle sieben Jahre komplett erneuert werden müssen. Kein Ernährungsberater kann wissen, welche dieser Substanzen sie gerade brauchen.

Aber wenn man nun immer Lust auf Hamburger und Schokolade hat?
GRIMM: Dann ist in der Tat etwas schiefgelaufen. Es scheint, nach neuesten Studien, eine Art Fast-Food-Sucht zu geben. Das liegt an den Inhaltsstoffen. Wer jeden Tag Lust auf Heroin hat, bei dem stimmt auch etwas nicht. Wenn sie manipulierte Nahrung zu sich nehmen und bestimmte Mengen Fett, Zucker oder künstliche Inhaltsstoffe überschreiten, dann sind Ihre hormonellen Nahrungsaufnahme-Mechanismen außer Kraft gesetzt.

Kann man ungesunde Ernährung, etwa durch Vitaminpräparate ausgleichen?
GRIMM: Das ist ein großer Irrtum. Es besteht die Gefahr, dass man seinem Körper eher schadet. Zwar beteuern die Hersteller, ihre Produkte seien sicher. Aber Wissenschaftler und sogar unser regierungsamtliches Risiko-Institut warnen eher davor. Nachgewiesen ist: Vitamine im Übermaß können zu frühzeitigem Ableben führen. Ich habe auf der Basis wissenschaftlicher Daten errechnet, dass es in Deutschland mehr Vitamintote als Verkehrstote gibt.

Das müssen Sie erklären. Zu viele Vitamine sind gesundheitsschädlich?
GRIMM: Niemand weiß wirklich, was Gesundheit eigentlich ist. Es gibt keine wissenschaftliche Definition dafür. Deswegen gehen alle von irgendwelchen Normwerten aus. Aber wenn man seinen Körper auf Normwerte trimmt, muss das nicht unbedingt gesund sein. Es kann sein, dass man eine Überdosis in sich hineinkippt.

Dann ist Ernährungswissenschaft Unsinn?
GRIMM: Keineswegs. Aber diese Disziplin hat sich vor allem der Aufgabe verschrieben, den Leuten was zu empfehlen. Kein Archäologe würde mir empfehlen, dass ich lieber zu den ägyptischen Pyramiden anstatt zum Kolosseum nach Rom gehen soll. Die forschen einfach. Es müsste natürlich erforscht werden, wie die echte Nahrung auf den Menschen wirkt. Ich fänds auch mal interessant herauszufinden, was an einer Sauce Bolognese gesund ist. Aber das ist wissenschaftlich völlig ungeklärt. Zu kompliziert, sagte mir der Präsident des Bundesforschungsinstituts für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe, des Max-Rubner-Instituts.

Die Lebensmittelkontrolleure auf Länderebene sind doch unabhängig von der Industrie.
GRIMM: Ja, aber der Verbraucherschutz bewegt sich auf dem Niveau des 19. Jahrhunderts. Die Kontrolleure schauen, ob in den Bäckereien Kakerlaken rumlaufen oder echtes Gift im Essen ist. Was die Belastung der Menschen mit Zusatzstoffen und Chemie angeht, da fehlen uns völlig die Strukturen. Wenn in einem Gläschen Babybrei Gift gefunden wird, ist das sofort akut schädlich. Die Zusatzstoffe sind erst ab einer gewissen Menge schädlich. Aber niemand weiß beispielsweise, wie viel E223 die Kinder in Deutschland zu sich nehmen.

Was ist gefährlich an E223?
GRIMM: Natriummetabisulfit ist ein Zusatzstoff, der unter anderem in Pfanni-Kartoffelpüree vorkommt und der im Darm bestimmte Arten von Bakterien wachsen lässt, die die Darmwand durchlöchern. Dadurch gelangen Schadstoffe und Bakterien leichter in den Körper.

Warum untersucht niemand die Mengen, die wir zu uns nehmen?
GRIMM: Das müsste auf Bundesebene passieren. Es gab vor über 15 Jahren einen Vorstoß der EU, das zu untersuchen. Deutschland sträubt sich mit Händen und Füßen dagegen, irgendwelche Daten zu erheben. Das müsste eigentlich das Max-Rubner-Institut machen. Aber der Präsident hat mir gesagt, dass er nicht zuständig sei. Vor zwei Jahren haben sie eine Verzehrstudie gemacht, um zu erheben, wie viel Kartoffeln, Nüsse, Hülsenfrüchte die Deutschen essen. Aber welche und wie viele Zusatzstoffe wir zu uns nehmen, wurde nicht untersucht.
 

Zur Person

Hans-Ulrich Grimm betreibt mit einem Team aus Wissenschaftlern und Journalisten den Ernährungsinformationsdienst "Dr. Watson - Der Food Detektiv". Dort findet sich unter anderem eine Datenbank, die Herkunft, Verwendung und Risiken aller Zusatzstoffe auflistet. Grimm gilt als Experte für moderne Ernährung, Lebensmittel und Verbraucherthemen in Deutschland. Er lebt in Stuttgart, arbeitet dort als freier Journalist und ist Autor zahlreicher Bücher über industriell produzierte Nahrungsmittel. Sein neues Buch heißt "Vom Verzehr wird abgeraten".

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