Eruption der Gewalt

Was als friedliches Treffen von rund 40 000 Kurden in Mannheim begann, eskalierte binnen Minuten zur blutigen Massenrandale. Nun werfen sich Polizei und Veranstalter gegenseitig Versagen vor.

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Vermummte Teilnehmer auf dem Festgelände in Mannheim: Bei schweren Ausschreitungen wurden 80 Polizisten verletzt. Foto: dpa

Es hätte eine bunte Werbeveranstaltung für ein freies Kurdistan werden sollen. Doch das kurdische Kulturfestival in Mannheim endete am Samstagnachmittag mit einer Explosion der Gewalt. Deren Bilanz: 80 verletzte Polizisten, 31 Festnahmen und 13 demolierte Einsatzwagen. Veranstalter und Polizei schieben sich gegenseitig die Schuld an der Eskalation zu.

Dabei hatten die etwa 700 Einsatzkräfte der Polizei bis gegen 16 Uhr einen ruhigen Tag erlebt. Drinnen auf dem Messegelände sammelten sich seit den Morgenstunden Kurden aus ganz Europa und suchten frühzeitig einen der wenigen schattigen Plätze auf dem tristen Areal. Das Gros der Leute, die seit den frühen Morgenstunden in über 200 Bussen aus allen Himmelsrichtungen ankommt, steht zwangsläufig stundenlang in der prallen Hitze. Die rot-gelb-grünen Kopfbedeckungen nutzen letztlich auch nicht viel und so leiden sie stumm für ihre "Sache" - ebenso wie die Polizisten, die bei Temperaturen um die 30 Grad Celsius in ihren Kampfmonturen schwitzen.

Das angeblich kulturell motivierte Miteinander der Generationen zwischen dutzenden Dönerständen ist natürlich von Anfang an eine rein politische Veranstaltung. Musik gibt es zwar auch, aber die Tonschärfe der Redner macht selbst Sprachunkundigen schnell klar: Hier geht es um mehr als ein fröhliches Samstagspicknick. Freiheit für ihren inhaftierte Führer Öcalan, nieder mit der Unterdrückung durch die Türken und Selbstbestimmung für Kurdistan, fordern die Redner in ihren Parolen. Vor der Bühne wehen zahlreiche Fahnen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Dabei hatten der private Sicherheitsdienst und kurdische Ordner dutzende Fahnen beschlagnahmt. Die Polizei allerdings will nicht direkt auf dem Gelände eingreifen.

Doch der Streit um eine Fahne bringt am Ende die Welle der Gewalt ins Rollen: Als spätnachmittags Ordnungskräfte des Veranstalters am Einlass versuchen, einem 14-jährigen Hitzkopf die Fahne zu entreißen und die Polizei um Hilfe bitten, bricht ein Tumult aus. Die Kurden betrachten den Eingriff der Polizei offenbar als Provokation. "Explosionsartig" - so Mannheims Polizeipressesprecher Martin Boll - habe sich urplötzlich Gewalt entladen. Flaschen fliegen aus allen Richtungen auf die Polizisten, Steine werden aus Straßenbahnhaltestellen gerissen und auf flüchtende Beamte geworfen. Ein Polizist erleidet Rippenbrüche. In erster Linie Jugendliche und Heranwachsende beteiligen sich laut Polizei an der Randale. Angefeuert von älteren, passiven Kurden heizt sich die Stimmung immer weiter auf. "Wir hatten trotz Pfefferspray nicht den Hauch einer Chance", die Lage friedlich zu entschärfen, beschreibt der Mannheimer Polizeisprecher die kriegsähnlichen Zustände. "Einen derartigen Gewaltausbruch habe ich in 30 Jahren Polizeiarbeit nicht erlebt."

Über eine Stunde stehen sich 2000 gewalttätige oder gewaltbereite Kurden und 700 Polizisten gegenüber, liefern sich im wahrsten Sinne des Wortes Territorialgefechte. Erst als die Ordnungshüter die Straßenbahnhaltestelle zurückerobern und den Nachschub an Pflastersteinen unterbinden, verlieren die Randalierer allmählich das Interesse. Auch das Mannheimer Uniklinikum kann gegen 18 Uhr die Alarmstufe 1 abblasen. 40 Ärzte und 60 Sanitäter hatten sich in der Notaufnahme bereit gehalten. Dass sie am Ende "nur" zwei schwerverletzte Polizisten behandeln müssen, wirkt fast wie ein Wunder.

Der Veranstalter bedauerte gestern unserer Zeitung gegenüber die Randale und die Verletzten. "Allerdings trägt die Polizei, die völlig überfordert war und selbst provoziert hat, ebenfalls einen Teil der Verantwortung", so Pressesprecherin Gökay Akbulut. Wenn Polizisten einem Schüler mit Gewalt seine Fahne entrissen, sei das unverhältnismäßig. Zwar habe auch der Dachverband bei der Organisation in Mannheim Fehler gemacht, aber: "Wir haben schon Festivals mit noch mehr Menschen reibungslos über die Bühne gebracht, und nie kam es zu Ausschreitungen dieser Art. Da muss sich die Mannheimer Polizei schon fragen lassen, was sie falsch gemacht hat."

Innenminister Reinhold Gall (SPD) sprach hingegen von "grundloser Gewalt gegen die Polizei" und kündigte Konsequenzen an. Die Veranstalter seien ihrerseits "heillos überfordert" gewesen.

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