Erster Zivilprozess nach dem Amoklauf in Winnenden

Weil die Stadt Winnenden millionenschwere Schadenersatzforderungen gegen den Vater des Amokläufers von 2009 stellt, müssen 50 direkt betroffene Angehörige von Opfern weiter auf ihr Geld warten.

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Tatort Wendlingen: Ihr Ehemann ist in diesem Autohaus erschossen worden, die Witwe klagt im ersten von sechs Zivilprozessen auf Schadenersatz. Foto: dpa

"Das dauert alles viel zu lang", sagt der Anwalt, seine Mandantin "will irgendwann ein Ende sehen". Vier Jahre nach dem Amoklauf an einer Winnender Schule, bei dem 15 Menschen den Tod gefunden hatten, begann gestern ein erster Zivilprozess in Stuttgart. Fünf weitere Verfahren sind vor dem Landgericht anhängig, in keinem Fall geht es ums große Geld.

Rund 80 000 Euro in dreistelligen Monatsbeträgen fordert die Frau für sich und ihre beiden Kinder. Die waren acht und elf Jahre alt, als ihr Vater, Kunde in einem Autohaus in Wendlingen, im Kugelhagel starb. Er war eines der letzten Opfer, das Tim K. auf der Flucht erschoss, bevor sich der 17-Jährige schließlich mit einem Kopfschuss das Leben nahm.

Die Frau selbst ist nicht persönlich erschienen, sie fürchte den "Medienrummel". Gleiches gilt für Tim K.s Vater, der die Pistole samt einem Teil der Munition offen in der Wohnung hatte liegen lassen und dafür im Februar rechtskräftig verurteilt worden ist. Aber von Rummel keine Spur, Saal 156 des Stuttgarter Landgerichts bleibt weitgehend leer.

Die entscheidenden Verhandlungen spielen sich denn auch hinter den Kulissen ab, dieser Zivilprozess ist nur ein Zeichen wachsender Ungeduld. Die Allianz verhandelt mit allen direkt betroffenen Angehörigen, die Schadenersatzansprüche geltend machen. Sie ist dabei offensichtlich auch sehr weit gekommen, sagt Erik Silcher, einer von K.s Anwälten. "Es finden regelmäßig sehr fruchtbare Gespräche statt."

Über einzelne Summen habe man Stillschweigen vereinbart, aber vielleicht sei man ja in zwei bis drei Monaten zu einem außergerichtlichen Abschluss in der Lage. Prinzipiell sollen alle Angehörigen vergleichbar abgefunden werden, für alle diese Forderungen reiche die Versicherungssumme auch aus.

Wäre da nicht die Stadt Winnenden. Sie fordert bis zu 14 Millionen Euro Schadenersatz - im Interesse aller Steuerzahler, die für die Aufarbeitung des Amoklaufes vom Einsatz der Rettungsmannschaften bis zum Umbau des Schulgebäudes haften. Diese Summe indes sprengt jenen Höchstbetrag, mit dem der Vater des Amokläufers versichert ist. Aber selbst hier, sagt Silcher, ist man in den stillen Verhandlungen weit gediehen: "Bei der Stadt Winnenden fehlt ein Punkt, dann könnte es ruck-zuck gehen."

Das Landgericht hat das Verfahren sofort unterbrochen, weil Ferienzeit ist, die Parteien weiter außergerichtlich verhandeln wollen und weil die Vertreter der Klägerin nacharbeiten müssen. So ist ungeklärt, welchen Beruf die Witwe des erschossenen Autokäufers ausübt, welche Ausbildung sie genoss und was ihr künftig zugemutet werden könnte an Erziehungs- und Ausbildungskosten ihrer beiden Kinder. Klar hingegen ist, dass am 25. September die drei Richter ihre Entscheidung verkünden wollen, gegen die dann immer noch Berufung möglich wäre. Könnte jedoch auch sein, dass vorher eine allgemeine Vergleichsregelung gefunden wird, die alle Opfer zufrieden stellt. Vorausgesetzt ist allerdings, dass die Stadt Winnenden einlenkt.

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