Sommerserie „Widerstand“: Für eine bessere Tierhaltung und Landwirtschaft

Ernst Hermann Maier setzt sich seit Jahrzehnten für das Wohl seiner Tiere ein. Fast hätte er deswegen seinen Hof verloren.

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Ernst Hermann Maier in der überdachten Futterstelle auf der Weide in Ostdorf.  Foto: 

Ernst Hermann Maier steigt über den Zaun. Dutzende Rinder stehen  an der überdachten Futterstelle mitten auf einer Weide beieinander. Seine Kühe und Bullen, die hier zusammen leben, schauen ihn gelassen aus großen dunklen Augen an. Ein Kälbchen kommt neugierig heran. Ein riesiger Bulle liegt entspannt wiederkäuend im Stroh. Es ist ruhig. Hier ein Schmatzen, dort ein Schnaufen, das Rascheln des Strohs – mehr nicht.  Es gibt viel Platz auf der weitläufigen Weide. Auf ihr verbringen die Tiere Sommer wie Winter, hier kommen die Kälber zur Welt und dürfen bei ihren Müttern bleiben. Die Tiere schlachtet Maier möglichst stressfrei vor Ort. „Uria“ hat er seine freie Rinder-Herde und diese außergewöhnliche Form der Nutztierhaltung genannt. Der Name bezieht sich auf den ausgestorbenen Auerochsen Ur.

Maier will mit seiner Viehhaltung zu den Ursprüngen der Rinder zurück und eine Alternative zur Massentierhaltung aufzeigen. Er selbst wird  deshalb auch „der Rinderflüsterer“ genannt. Mit aller Konsequenz geht Maier seinen alternativen Weg. Fast immer hat er ein Gerichtsverfahren am laufen.

Im Ort Ostdorf, der heute mit seinen 1500 Bewohnern zu Balingen im Zollernalbkreis gehört, hatte Maier 1965 den Hof seines Vaters  übernommen. Ein halbes Dutzend Milchkühe und 15 Mastschweine gehörten dazu. Maier hatte gerade eine Ausbildung als Landwirt gemacht. Er zog ein Geschäft mit dem Verkauf landwirtschaftlicher Maschinen auf. Dabei wurden die Milchkühe zum Problem. Sie wollten zu festen Zeiten gemolken werden. Maier stieg auf Mutterkuhhaltung um. Dafür gab es Prämien.

Weder Strick noch Stall

Im Frühjahr führte er seine  Tiere auf die Weide: „Das gab es damals nicht mehr bei uns im Dorf“, sagt er. Doch im Winter war die Stall-Haltung der Tiere sehr aufwendig: „Neun Stunden brauchte es, um die 25 Tiere zu versorgen.“ Das ging gut, solange Maiers Vater mit anpackte. Doch nach dessen Tod wusste sich Maier nicht anders zu helfen, als die Tiere den Winter über auf der Weide zu lassen. „Im Dorf hat man gesagt: ‚Jetzt hat es ihm völlig den Zünder rausgehauen!‘“, erinnert er sich. Bitterkalt sei der erste Winter draußen sei gewesen.  „Die Tiere haben Winterfell bekommen, und die Kälber haben beim ersten Schnee wie verrückt rumgetobt.“ In diesem Moment sei Uria entstanden. „Wir waren die, die den Rindern die Freiheit wiedergegeben haben“, sagt er.

Die Tiere, die bereits draußen geboren waren, kannten weder Strick noch Stall. Sie für den Abtransport zum Schlachten in einen Viehanhänger zu bekommen, war entsprechend  schwierig. Im Oktober 1986 versuchte Maier zusammen mit zwei anderen Männern, den Bullen Axel zu verladen. „Das war unmöglich und wurde bald lebensgefährlich“, erinnert sich Maier. Nach zwei Stunden gaben die Männer auf. Der  Metzgermeister holte schließlich das Bolzenschuss-Gerät und tötete das Tier vor Ort. „Da habe ich mir geschworen: Bei mir kommt kein Tier mehr lebend in den Schlachthof.“

Maier stellte einen Antrag auf Schießerlaubnis. Abgelehnt. Die Erlaubnis würde einen Präzedenzfall schaffen, hieß es. Maier zog vors Verwaltungsgericht in Sigmaringen – und gewann. Doch in zweiter und dritter Instanz unterlag er.  Als eine neue EU-Richtlinie in Kraft trat, klagte Maier erneut in Sigmaringen gegen die Stadt Balingen. „Es dauerte letztlich 13 Jahre, bis auch das zweite Verfahren durch war, und mir ging langsam das Geld aus“, sagt er. Durch fehlende Schlachtungen kam zu wenig Geld rein. Maier hatte „alles reingeschmissen“, sich seine Lebensversicherung auszahlen lassen und sein Grundvermögen, den Hof, belastet.

Die Zwangsversteigerung lief bereits, als er in zweiter Instanz vor dem Verwaltungsgerichtshof in Mannheim im August 2000 mit seiner Klage erfolgreich war. Für Oktober war der zweite Versteigerungstermin angesetzt. Die Familie hatte eine Frist von drei Wochen, um ihren Hof zu retten.  Innerhalb von zwei Wochen kam eine halbe Million Mark zusammen. „Es kamen Leute aus dem Nichts“, sagt Maier –  vermutlich auf einen Leserbrief hin: Ein Unbekannter legte 500 Mark auf den Tisch und ging wieder. Ein Paar aus Norddeutschland stellte 20 000 Mark zur Verfügung. „Da ist ein richtiges Wunder geschehen“, sagt Maier.

1995 baute er die erste Schlachtbox – eine spezielle Konstruktion, um die Tiere auf der Weide zu töten. Die Box war weltweit einzigartig. Doch 2004 verabschiedete die EU eine neue Hygieneverordnung, nach der Tiere nur noch lebend in den Schlachthof geliefert werden sollten. „Plötzlich war es wieder wie 1986“, sagt Maier. Das Absurde war: Über eine Kooperation mit Universitätswissenschaftlern flossen EU-Gelder in die Entwicklung seines neuen Schlachtbox-Prototyps.

Maier erhielt schließlich auch die offizielle Erlaubnis für die Box. Doch kaum war dieses Thema erledigt, kam 2012 eine anonyme Anzeige wegen fehlender Ohrmarken bei seinen Rindern. „Wir hatten nie Ohrmarken. Den Schwachsinn machen wir nicht mit“, sagt er. Seine Tiere tragen Mikrochips. Beamte überprüften auf die Anzeige hin alle 273 Tiere einzeln in den beiden Uria-Betrieben, die seit Jahren von Maiers Tochter und Sohn geführt werden. Den Kampf um die Ohrmarken führt Maier seit Ende der 90er. Damals wurden  Zwangsgelder verhängt, die konnte er nicht zahlen, ihm drohte Zwangshaft. „Da bin ich erkrankt. Dass man bei so einem Stress krank wird, das kann man doch verstehen, oder?“ Maiers Augen blitzen bei dieser rhetorischen Frage.

Woher nimmt er die Kraft für diese zähen Auseinandersetzungen? „Wir hatten von allen Seiten Druck. Das ist super, dann kann man nicht umfallen“, sagt der 75-Jährige und lacht. Dann wird er ernster:  „Wenn man den Kopf einzieht, funktioniert das natürlich nicht. Man muss die Antennen auf Empfang stellen“, sagt er. „Da ist eine unbändige Energie – nicht immer, aber wenn es darauf ankommt.“

1995 hat Ernst Hermann Maier den Verein Uria „zur Förderung einer neuen Art der Tierhaltung“ gegründet. Heute hat Uria mehr als 1000 Unterstützer. Der Verein setzt sich für die tierschonende Schlachtung vor Ort auf der Weide ein. Er finanziert teilweise auch die Gerichtsverfahren – etwa im Fall des Ohrmarken-Prozesses.

Der zweite aktuelle Prozess betrifft die EU-Fördermittel, die an die Uria-Betriebe gingen. Durch Maiers „vorsätzlichen Verstoß“ gegen die Verordnung über Ohrmarken wurden ihm die Mittel aberkannt.  Das Verfahren läuft seit 2013. Das Verwaltungsgericht hatte bereits für  Maier entschieden, doch das Regierungspräsidium ging in Berufung, sodass der Fall derzeit beim Verwaltungsgerichtshof in Mannheim anhängig ist. del

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