Engstinger Stinkbrühe: Silo ohne Genehmigung

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Wie groß der Schaden ist, den die Havarie einer Biogasanlage in Engstingen (Kreis Reutlingen) am Mittwoch verursacht hat, ist immer noch nicht klar – doch er ist groß. Eine übelriechende Welle von 1,5 Millionen Litern Gärsubstrat war ausgelaufen. Straßen und untere Geschosse mehrerer Häuser in dem Gewerbegebiet wurden geflutet, darunter auch ein Hotel, das nun schließen musste.

Derzeit ermittelt die Polizei, wie es zur Havarie kommen konnte. Für die Beamten vor Ort ist das durch die Verschmutzungen und vor allem wegen des Gestanks keine leichte Aufgabe. „Ich gehe davon aus, dass es nicht so schnell Ergebnisse geben wird“, sagt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Reutlingen.

Für den Betreiber könnte es ungemütlich werden: Am Donnerstagabend hatte Landrat Thomas Reumann bekanntgegeben, dass die Firma das Silo gar nicht hätte füllen dürfen. Die Anlage ist seit 2007 in Betrieb. Im November 2015 genehmigte das Landratsamt den Bau eines neuen Silos, an dem bei der Abnahme im Herbst jedoch Mängel festgestellt worden waren. Diese seien nicht behoben, der Behälter aber offensichtlich trotzdem befüllt worden. Durch ein gebrochenes Rohr schließlich sei die üble Brühe ausgelaufen.

Unfälle sind selten

Wird an Biogasanlagen chronisch geschlampt? Die Überprüfung der knapp 900 Biogas-Anlagen im Land sei eine Daueraufgabe, sagt ein Sprecher des Landesumweltministeriums. Da der Gewerbeaufsicht vermehrt Mängel aufgefallen waren, hatte das Ministerium bereits zwischen 2013 und 2015 schwerpunktmäßige Kontrollen im Land angesetzt. Sie zeigten: Jede zweite Anlage hat Mängel. Demnach führten Anlagenbetreiber häufig bauliche oder leistungssteigernde Änderungen durch, die vorab nicht genehmigt waren. Bei jeder vierten Anlage gab es offensichtliche Mängel hinsichtlich wasserrechtlicher Anforderungen – vor allem überfüllte, undichte oder fehlende Fahrsilos. Elf Prozent der Anlagen wiesen grobe Bauschäden auf, knapp sieben Prozent Mängel im Explosionsschutz. Gravierende Gefahren sahen die Experten jedoch nicht: Viele Mängel seien zudem nur formale gewesen.

Schwerwiegende Unfälle wie nun in Engstingen kommen nicht häufig vor  – der letzte größere Vorfall ereignete sich 2007 in Riedlingen (Kreis Biberach), wo eine Anlage explodierte. Handlungsbedarf sieht das Umweltministerium nicht. Zumal es im Fall Engstingen bisher keine Anhaltspunkte gibt, dass unzureichende Regeln den Unfall begünstigt hätten. Vielmehr scheine es sich um einen Verstoß gegen die Vorschriften zu handeln.

Der BUND Regionalverband Neckar-Alb weist darauf hin, dass Fließgewässer  und deren Fauna durch die giftige Gärbrühe bedroht sein können. Diese floss überwiegend über versiegelte Gewerbeflächen und konnte abgepumpt werden. Hinzu kommt: Die Anlage steht in einem Trinkwasserschutzgebiet. Ein Teil des Substrats ist zudem in ein Flüsschen gelangt. Das Landratsamt lässt nun Wasserproben entnehmen.

Barbara Lupp vom BUND kritisiert, dass die Sicherheitsstandards für Biogasanlagen deutlich niedriger angesetzt sind als bei anderen wassergefährdenden Stoffen. In Engstingen bestand das Gärmaterial aus Lebensmittelresten. Das Substrat unterscheide sich laut Lupp nicht wesentlich von Gülle: Der Anteil an Ammonium, Ammoniak und Nitrat sei ähnlich hoch.

Fast die Hälfte der Biogas-Anlagen im Land sind im Regierungsbezirk Tübingen. Für die Überwachung und Kontrolle der Anlagen sind überwiegend die Landratsämter zuständig. Dennoch will das Regierungspräsidium nun möglichen Handlungsbedarf diskutieren: „Was können wir tun, um die Anlagen noch sicherer zu machen? Das wird bei uns Thema sein“, sagt Pressereferent Simon Kistner. Doch auch dazu müsse zunächst geklärt werden, wie genau es zu dem Unfall kommen konnte.

Ein Teil der Brühe war in das Flüsschen Seckach gelang. Das Landratsamt Reutlingen lässt deshalb zwei Mal täglich Trinkwasserproben entnehmen. Diese zeigten bisher keine Auffälligkeiten. Die Seckach mündet in Trochtelfingen in die Lauchert. Das ausgetretene Gärsubstrat in der Lauchert befand sich nach Auskunft des Landratsamtes gestern in der Nähe von Veringenstadt. Die Gesamtzahl an verendeten Fischen wurde mit 25 Tieren angegeben. Erste Auswertungen der Wasserproben hier zeigten, dass kein weiträumiges Fischsterben zu erwarten sei. Vorsichtshalber wurde ein Überwachungs- und Alarmierungsplan für die Lauchert erstellt. del

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