Ende einer Ära

Diese Grabung im Sommer noch - dann gibt der Tübinger Professor Ernst Pernicka die Leitung bei der Erforschung der türkischen Ruinenstadt Troja ab. Ein Amerikaner folgt nach. Eine Zäsur nach 24 Jahren.

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Professor Ernst Pernicka in den Ruinen von Troja. Bei den Grabungen unter seiner Leitung wurde unter anderem ein Stadttor entdeckt. Foto: Manfred Grohe

2006 übernahm Professor Ernst Pernicka die Leitung der Ausgrabungen in Troja. "Aus Pflichtgefühl", wie der 62-jährige Tübinger Archäologe bekannte. Er wollte das Lebenswerk seines Kollegen und Freundes Manfred Korfmann fortsetzen. Korfmann war 2005 an Krebs gestorben - so plötzlich, dass er sein Projekt Troja nicht abschließen konnte. Als Spezialist für Archäometallurgie und Archäometrie war Pernicka nicht der geborene Nachfolger. Aber im Lauf der Jahre hat sich der Professor bei den Frühgeschichtlern Respekt verschafft. Und der Wiener Pernicka fand Geschmack an der diffizilen Aufgabe. Stellt doch die bronzezeitliche Ruinenstadt am Eingang der Dardanellen die Wissenschaft vor die komplexesten Probleme der Archäologie.

Jetzt aber sieht Pernicka seinen hauptsächlichen Auftrag, die Auswertung der Grabungen der Uni Tübingen seit 1988, als weitgehend erledigt an. Sechs Bände mit den Ergebnissen der Grabung sollen bis 2015 erscheinen, der erste mit der Methodik und der Grabungsgeschichte voraussichtlich noch in diesem Jahr. Pernicka, der außerdem Chef des Curt-Engelhorn-Zentrums Archäometrie bei den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim ist, will sich aber jetzt schon entlasten. Die 25. Grabung unter Tübinger Ägide in Troja von Juli bis Anfang September 2012 wird er noch beaufsichtigen. Dann gibt er die Leitung dieses prestigeträchtigen wissenschaftlichen Projekts ab, eine weitere Lizenz bei den türkischen Antikenbehörden wird er nicht mehr beantragen. Die Uni Tübingen wird sich dann zwar nicht völlig aus Troja zurückziehen. Aber ihre Wissenschaftler werden am wohl populärsten archäologischen Ort der Welt nicht mehr die erste Geige spielen. Was sie 24 Jahre lang taten - länger als sonst jemand zuvor.

Ein Nachfolger für Pernicka ist schon ausgeguckt. Den Stab übernimmt der US-Amerikaner William Aylward, ein klassischer Archäologe von der Universität Wisconsin-Madison. Aylward ist Schüler von Professor Brian Rose, mit dem Korfmann und Pernicka lange zusammengearbeitet haben, Korfmann als Experte der Bronzezeit, Rose als klassischer Archäologe. Aylward selbst forscht in Troja seit 1996, wobei er sich den Überbleibseln der griechischen und römischen Stadt widmete. Er wird der zweite Amerikaner als Grabungsleiter in Troja sein. Vor ihm hatte Carl William Blegen (Universität Cincinnati) von 1932 bis 1939 in Troja gegraben.

Als Korfmann 1988 anfing, verfügte er über ein internationales Team mit bis zu 100 Experten und bis zu 80 Grabungsarbeitern. Er bewegte viel Erde, stellte aber die wissenschaftliche Auswertung zurück. Korfmann berichtete zwar jedes Jahr in der Schriftenreihe "Studia Troica" über die Grabungen, lieferte dabei aber nur Momentaufnahmen mit vorläufiger Interpretation ab. Es fehlte die Zusammenfassung, auf die sich die Wissenschaft zukünftig stützen kann. Diese Arbeit leistet nun Pernicka mit seinen Kollegen Peter Jablonka und Brian Rose als Mitherausgeber der Schriftenreihe.

Während der vergangenen sechs Kampagnen hielt Pernicka stets auch ein kleines Grabungsprogramm aufrecht. So untersuchte er den weiteren Verlauf des Verteidigungsgrabens um die bronzezeitliche Unterstadt. Diese Arbeit habe bestätigt, dass Troja zwischen dem 15. und 12. Jahrhundert vor Christus über 30 Hektar Stadtfläche verfügte und damit mit Knossos die größte Siedlung westlich des Orients war. Von der These Korfmanns, Troja sei eine internationale Handelsstadt gewesen, rückte Pernicka ab. Nach seiner Ansicht war Troja zur Bronzezeit eine Metropole mit einigen Tausend Bewohnern, die über das Gebiet am Ostufer der Dardanellen und des südlichen Marmarameers herrschte. Der wirtschaftliche Erfolg basierte auf der Textilerzeugung. Daraufhin deuten die massenhaften Funde von Spinnwirteln und Purpurschnecken hin, die zum Färben der Stoffe benutzt wurden. Außerdem war Troja wohl stark in der Zucht von Pferden, den "Panzern" der Bronzezeit. Das schließt Pernicka aus den vielen gefundenen Pferdeknochen

Für größere Grabungen fehlte Pernicka aber das Geld. 2009 lief die Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft aus, weitere Anträge nahm die DFG nicht mehr an. Weil bei privaten Sponsoren das Geld auch nicht mehr so locker saß, erschöpften sich die Mittel der Tübinger Troja-Stiftung. Bei der Universitätsleitung fand Pernicka nach eigenen Aussagen nicht die erhoffte Unterstützung, insbesondere im personellen Bereich.

Diesen Sommer gräbt Pernicka an der Nordwest-Seite der Zitadelle, wo er außerhalb der Burgmauer bereits auf Reste von Häusern aus der Zeit von Troja II (2550 - 2200 vor Christus) gestoßen ist. Das Besondere daran ist, dass dies belegt, dass bereits 2400 vor Christus eine Unterstadt bestand.

Künftig gilt der Schwerpunkt der Forschungen der griechischen und römischen Phase der Siedlung. Das ist auch im Interesse der türkischen Behörden, weil in diesen Schichten eher kapitale Funde zu erwarten sind als in den bronzezeitlichen Horizonten. Die Amerikaner werden auf dem Gelände der antiken Agora schürfen, dem zentralen, von Säulen gesäumten Versammlungs- und Marktplatz.

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