Einsteins Geburtshaus - ein Stück jüdischer Geschichte

Albert Einsteins Geburtshaus wurde im Dezember 1944 zerbombt. Der Keller, auf dem das Haus in der Nähe des Ulmer Bahnhofs stand, blieb erhalten. Ulmer Juden hatten das Haus 1871 errichten lassen.

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Nur der Keller blieb vom Haus Bahnhofstraße 20, Geburtshaus von Albert Einstein. Die Fundamente wurden ausgegraben - für kurze Zeit. Foto: Lars Schwerdtfeger

Das Ulmer Grundstück Bahnhofstraße 20 ist prominent: Albert Einsteins Geburtshaus stand hier. Bevor mit dem Bau eines Einkaufszentrums begonnen wird, forschen Archäologen im Untergrund. Steffen Killinger vom Landesamt für Denkmalpflege und sein Team haben an der Bahnhofstraße 20 die Grundmauern freigelegt. Nach den Untersuchungen wird das Loch wieder zugeschüttet.

Das 1871 von den jüdischen Kaufleuten Joseph Weil und Kosman Erlanger erbaute Haus erzählt ein Stück Geschichte der Juden, die im 19. Jahrhundert wieder in Ulm Fuß fassten, aus dem sie 1499 vertrieben worden waren. Zu den ersten, die sich in Ulm ansiedelten, gehörten die Söhne des Isak Erlanger aus Kappel bei Bad Buchau: Emanuel, Kosman, Salomon und Moses. 1860 hatten alle vier Brüder das Ulmer Bürgerrecht erworben.

Kosman Erlanger war es, der mit dem späteren Bauunternehmer Joseph Weil das dreistöckige Wohnhaus mit Waschhaus an der damals noch neuen Bahnhofstraße hochziehen ließ. Weil, Jahrgang 1819 und damit fünf Jahre älter als Erlanger, war 1869 von Laupheim nach Ulm gezogen. Seine Mutter war eine geborene Lämmle; auch Kosman Erlangers erste Frau war eine Lämmle aus Laupheim.

Die Erlangers und die Einsteins dürften sich gut gekannt haben, zumal beide aus Buchau stammten. So wird es kein Zufall gewesen sein, dass das Ehepaar Hermann und Pauline Einstein 1878 in das neue Haus zog. Zuvor hatten die Einsteins am Münsterplatz gewohnt. Hermanns Mutter Helene war 1870 von Buchau nach Ulm gezogen, er selber kurz danach gefolgt. Er arbeitete als Teilhaber in einer Bettfedernhandlung. Im August 1876 heirateten Hermann Einstein und Pauline Koch, die aus Jebenhausen bei Göppingen stammte, am 14. März 1879 kam ihr erstes Kind Albert zur Welt.

Es war die Zeit, in der die jüdische Gemeinde in Ulm so weit erstarkt war, dass sie am Weinhof eine Synagoge erbaut hatte. 1873 war sie eingeweiht worden war - unter feierlicher Beteiligung der Stadt- und Staatsbehörden. Längst gehörten die Juden zum Ulmer Bürgertum - das freilich nicht gänzlich frei war von antisemitischen Tendenzen.

Schreckliches mussten die Ulmer Juden 60 Jahre später erleben, als die Nazis an die Macht kamen. Josef Kurz aus Illertissen, Jahrgang 1940, und seine Kusine Ingrid Fritz aus Ulm berichten, wie es damals mit dem Haus weiterging. Kurz hat seine erste Lebenszeit im Haus Bahnhofstraße 20 verbracht, das mittlerweile seinem Großvater Max Engel gehörte. Der hatte zunächst - schon vor dem Ersten Weltkrieg - vom damaligen Besitzer Max Erlanger, dem Großneffen des einen Bauherrn, die Wirtschaft im Erdgeschoss der Bahnhofstraße 20 gepachtet.

Mitte der 1920er-Jahre bezog die Familie Engel die Wohnung über der Wirtschaft. In der Weltwirtschaftskrise begannen Max Engel, seine Ehefrau Josephine und ihre Angestellten, im Lokal, das sehr gut lief, eine Armenspeisung einzurichten. Bedürftige konnten sich jeden Tag gratis einen Teller Suppe abholen. "Es sind immer mehr geworden", sagt Ingrid Fritz. Auch nach 1933, als die Nazis an die Macht kamen. Die begannen aber schnell, das Zusammenleben zwischen Christen und Juden, das in der Bahnhofstraße 20 problemlos funktionierte, zu zerstören.

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 machte der braune Mob auch in Ulm Jagd auf Juden. Max Erlanger, der jüdische Hausbesitzer, ahnte, was kommen würde, legte seine Orden und Ehrenzeichen an, mit denen er als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet worden war, und erwartete das Rollkommando. Das hatte sich vor Max Engels Wirtschaft versammelt, um den im zweiten Stock wohnenden Erlanger zu holen.

Engel wollte seinen jüdischen Nachbarn und Vermieter schützen, versperrte den Nazis den Weg, wurde aber zusammengeschlagen und anschließend selber durch die Straße geschleppt. Dieser Vorfall hat ihn zutiefst traumatisiert. Er wurde immer depressiver und hat sich wegen des Drucks, der auf ihm lastete, am 25. November 1942 erschossen. Er war erst 56 Jahre alt.

Engel hinterließ seiner Frau Josephine das Haus Bahnhofstraße 20, das er zuvor den Erlangers, die Ulm 1940 verließen, abgekauft hatte. Dafür hatte er sein Haus in der Schillerstraße verkauft. Ironie des Schicksals: Das Haus in der Schillerstraße blieb in der Bombennacht vom 17. Dezember 1944 unversehrt. Das Haus Bahnhofstraße 20 wurde dagegen zerstört.

Unter den Menschen, die sich ins Kellergewölbe geflüchtet hatten, waren Max Engels Witwe Josephine und seine hochschwangere Schwiegertochter, die bei diesem Angriff den Tod fand.

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