Eine Stuttgarterin ist professionelle Postkartenschreiberin

|

„Wetter gut, Essen lecker.“ So lesen sich die meisten Postkarten. Die von Sabine Rieker sind anders. „Danke fürs Sein ganz allgemein“, ist darauf zu lesen, oder „Für mich bist du ein Alltagsheld“. Die Stuttgarterin ist Postkartenschreiberin – und was andere im Urlaub tun, macht sie hauptberuflich.

„Die meisten bekommen gerne Postkarten, aber schreiben nicht gerne welche“, sagt die 30-Jährige. Bei ihr sei das anders. „Ich tobe mich schon im Adressfeld aus und gestalte das schön.“ Fast überflüssig zu erwähnen, dass sie Briefmarken nicht in das dafür vorgesehene Kästchen klebt. „Durch das verschnörkelte Adressfeld sind sie auch mal einen Tag länger unterwegs.“ Eine ganze Rolle mit Marken trägt sie immer bei sich, wie sie sagt. Die Wände im Flur ihrer WG sind mit Postkarten beklebt.

Aber wer beauftragt jemanden, ihm eine Postkarte zu schreiben – und ist bereit, Geld dafür auszugeben? Begonnen, erzählt Rieker, hat alles in Bonn, wo sie damals wohnte. Um auszumisten, habe sie in einem Café gesammelte Postkarten an Freunde und Bekannte geschrieben – auch an den Besitzer des Cafés. Der wünschte sich ein Abo: „Du schreibst mir Postkarten und ich gebe dir etwas dafür“, sagt sie. Zunächst sei sie mit Cappuccino bezahlt worden oder mit einer Essenseinladung. „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass sich damit Geld verdienen lässt.“ Studiert hat Rieker Germanstik und Kunstgeschichte. Inzwischen veranstaltet sie Postkarten-Lesungen – und Menschen zahlen ihr auch mal 50 Euro für eine Karte. „Es gibt bis heute keinen Festpreis“, sagt sie.

Fester Auftraggeber sei etwa eine Segelschule. Teilnehmer eines Segelkurses bekommen von ihr personalisierte Erinnerungspostkarten. Auch Ferienhäuser zum Schreiben habe sie schon angeboten bekommen. Viele bestellten eine Postkarte für sich selbst, aber auch Freunde und Familie würden häufig damit bedacht. Rieker macht das hauptberuflich, vier bis fünf Stunden am Tag, wie sie sagt.

Etwa 210 Millionen Postkarten werden nach Zahlen der Post jährlich befördert, davon 57 Millionen in den drei Sommermonaten. Rieker selbst kommt nach eingenen Schätzungen auf 1800 im vergangenen Jahr, in dem sie so richtig mit dem Schreiben losgelegt hat. Aber wie schreibt man nun eine gute Postkarte? „Empfänger sagen mir, dass sie merken: Du hast mir an einer bestimmten Stelle zugehört, du nimmst dir Zeit für mich“, sagt die Fachfrau, die sich sogar auf ihr WG-Zimmer mit einer Postkarte beworben hat.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo