Eine Lehrerin aus dem Südwesten fliegt zu den Sternen

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    Die umgebaute Boeing 747 mit geöffneter Teleskop-Klappe bei einem Flug über der Mojave-Wüste in Kalifornien. Foto: 
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    Hildrun Bäzner-Zehender durfte zwei Mal mit Sofia mitfliegen. Foto: 
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Sofia und Hildrun kennen sich schon lange. Hildrun hat Sofia bereits besucht, als die 2011 zum ersten Mal in Stuttgart war. Sie ist sogar vorbeigekommen, als Sofia sich in Hamburg ordentlich durchchecken lassen musste. Das war zwei Jahre später – bei einem D-Check. Dabei werden Flugzeuge komplett zerlegt und wieder zusammengebaut. Sofia, das ist eine zu einer fliegenden Sternwarte umgebaute Boeing 747 SP, ein verkürzter Jumbo Jet. Und Hildrun ist Hildrun Bäzner-Zehender, 64 Jahre alt und pensionierte Astronomie-Lehrerin aus Althengstett (Kreis Calw).

Nach den beiden ersten Treffen haben sich Sofia und Hildrun Mitte Februar wieder getroffen – diesmal in Palmdale, nördlich von Los Angeles in Kalifornien. Bäzner-Zehender, die, obwohl in Rente, an der Warte in Weil der Stadt Kindern die Sterne näher bringt, war eine von vier deutschen Lehrern, die im Februar mit dem umgebauten Riesen-Flieger zu zwei Wissenschaftsflügen starten durften. Sie begleiteten Forscher, die an Bord der Maschine mit einem im Heck installierten Teleskop die Entstehung von Sternen und Sternbildern untersuchen. Oder atomaren Sauerstoff in der Mars-Atmosphäre. Oder die Schattenbedeckung des Pluto.

Ob beim Leiter der Mission, bei den Wissenschaftlern, überall waren die vier Lehrer dabei. Sogar im Cockpit durften sie zeitweise sitzen und dem Funk der Piloten lauschen, erzählt Bäzner-Zehender. An zwei aufeinander folgenden Tagen waren sie an Bord. Zwei Mal knapp zehn Stunden: Abflug am Abend, Rückkehr mitten in der Nacht. Von Palmdale raus auf den Pazifik in Richtung Hawaii und auf zuvor festgelegten Routen zurück nach Palmdale, am zweiten Tag dann Richtung Norden. Vorbei etwa an IC 59, einer Gaswolke im Sternenbild Kassiopeia; vorbei an der Whirlpool-Galaxie; vorbei an Orion. „Orion ist eines meiner Lieblingsobjekte“, sagt Bäzner-Zehender.

Sofia, das steht für „Stratosphären-Observatorium für Infrarot-Astronomie“ und ist ein Gemeinschaftsprojekt der US-Raumfahrtbehörde Nasa sowie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Das „Deutsche Sofia-Institut“ (DSI) der Uni Stuttgart koordiniert dabei seit 2004 den Betrieb für das DLR.

Der umgebaute Jet kann auf bis zu 14 000 Meter aufsteigen, höher als Passagierflugzeuge. Oberhalb von „99,9 Prozent des Wasserdampfes der Erdatmosphäre“ können die Forscher so im Vergleich zu einem stationären Teleskop auf der Erde klarere Beobachtungen im langwelligen Infrarot-Bereich machen, sagt Dörte Mehlert vom DSI.

Und im Vergleich zur Sternenbeobachtung aus der Luft, also via Satellit? „Die fliegen schon mit veralteter Technik los, sind meist nicht nachrüstbar oder nach einer gewissen Zeit nicht mehr zu nutzen“, sagt Mehlert. Auf dem Teleskop hingegen können acht verschiedene Instrumente für unterschiedliche Untersuchungszwecke montiert werden.

Beeindruckt von der Präzision

Am Boden hat Sofia noch einen weiteren Auftrag: Junge Menschen für Astronomie begeistern. Unter anderem eben über die mitreisenden Pädagogen, die als Multiplikatoren ihre Eindrücke in den Unterricht einfließen lassen können. Oder wie Hildrun Bäzner-Zehender in ihre monatlichen Treffen an der Sternwarte. „Überprüfen können wir das nur schwer“, sagt Mehlert. „Aber wir sind überzeugt, dass es den Unterricht lebhafter macht.“ Etwas, das Bäzner-Zehender bestätigt: Im Treffen nach der Rückkehr wollte sie den Kindern gleich von der Reise berichten.

Etwa davon, dass man an Bord „rückwärts sitzt“, von den „Konsolen“ mit den Daten der Wissenschaftler und davon, dass man für den Notfall immer eine mobile Sauerstoffmaske mit sich rumträgt. Besonders beeindruckt aber hätten sie die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die unglaubliche Präzision. „Es ist toll zu sehen, wie die wissenschaftlichen Daten erhoben werden.“

Für sie habe sich ein Lebens­traum erfüllt, sagt Bäzner-Zehender. Im September 2016 hatte sie sich beworben, im Dezember kam die Zusage. Ein kurzer Zeitraum gemessen an der Dauer der Beziehung von Sofia und Hildrun. Denn die Anfänge lägen 15 Jahre zurück. Über eine Veranstaltung der Uni Stuttgart erfuhr sie von dem Projekt – und meldete wenig später ihre Schule, das Johannes-Kepler Gymnasium in Weil der Stadt, als „Sofia-Schule“ an. Und 15 Jahre später hieß es: „Endlich kannst du damit abheben.“

Zusammenschluss Die fliegende Sternwarte ist ein Projekt, das von der US-Raumfahrtbehörde Nasa und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zusammen durchgeführt wird. Auf deutscher Seite wurde 2004 zur Koordinierung an der Uni Stuttgart das Deutsche Sofia-Institut (DSI) gegründet. Dort arbeiten 45 Mitarbeiter. Von US-Seite kommen rund 80 Prozent der Finanzmittel, die übrigen 20 aus Deutschland. Entsprechend verteilen sich auch die Forschungszeiten der jährlich 140 Flüge. Hier wird das Projekt von Bund, Land und Uni Stuttgart getragen.

Technik Während die Nasa den Jet umgebaut hat, lag der Bau des 17 Tonnen schweren Teleskops in deutscher Verantwortung. Es besteht aus drei Spiegeln, der Primärspiegel hat einen Durchmesser von 2,7 Metern. Gegen die Vibrationen stabilisiert wird es unter anderem von Luftfedern.

Ehrung Friederike Graf, Doktorandin der Uni Stuttgart, wird mit dem Amelia-Earhart-Preis ausgezeichnet. Graf forscht an der Bildübertragung im Rahmen des Sofia-Projekts. Die Auszeichnung ist mit 10.000 Dollar dotiert.

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