Ein Schlössle in 36 Teilen

Zum Saisonstart 2018 soll es im Freilichtmuseum Vogtsbauernhof die neue Attraktion sein: das "Effringer Schlössle". Das Gebäude wurde in Wildberg abgebaut und wird bis zum Herbst in Balingen restauriert.

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    "Effringer Schlössle": Zersägt, verpackt und nach Balingen transportiert. Foto: 
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    Das "Effringer Schlössle" wird derzeit in der 900 Quadratmeter großen Halle restauriert. Foto: 
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    Im Herbst soll es ins Freilichtmuseum nach Gutach kommen. Foto: 
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Die kleine Gruppe steht etwas verloren in dem riesigen Raum, den die vier Außenwände des Obergeschosses bilden. Die Grundfläche des "Effringer Schlössles" beträgt 18 auf 11 Meter. Die Wände sind 3,40 Meter hoch. Da die Zwischenwände noch nicht aufgestellt sind, wirkt der Raum sehr groß. Noch sind die tonnenschweren Teile nicht ausgepackt. Sie stecken in der Verpackung aus Holz, Stahl und Folie, in der sie im vergangenen Jahr von Effringen, einem Stadtteil von Wildberg (Kreis Calw), in den Balinger Stadtteil Weilstetten und dort in die Restaurierungshalle der Firma JaKo Baudenkmalpflege verfrachtet wurden.

Margit Langer und Svenja Klammt vom Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof in Gutach im Ortenaukreis sind an diesem Tag zu Besuch in der Halle, um nach dem "Effringer Schlössle" zu schauen. Denn zum Saisonstart 2018 soll es dort die neue Attraktion sein. Bislang kann das Museum, das den Anspruch erhebt, den Schwarzwald zu präsentieren, kein einziges Gebäude aus dem Nordschwarzwald zeigen. Bislang sind nur Gebäude aus dem südlichen und mittleren Schwarzwald zu sehen. Mit dem "Effringer Schlössle" soll sich das ändern. Zwei weitere Hofanlagen sollen im Lauf der Jahre folgen.

Das Schlössle bringt Besonderheiten mit sich: Mit seinem Baujahr 1406 wird es eines der ältesten Gebäude in einem deutschen Freilichtmuseum sein. Zudem wird es das einzige ehemals herrschaftliche Anwesen in einem baden-württembergischen Freilichtmuseum sein.

Das massiv gemauerte, zweigeschossige Sandsteingebäude hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Es war herrschaftlicher Wohnsitz, Pfarrhof und schließlich Bauernhof mit großräumigen Stallungen. Bis 1972 hat Dietmar Gauß darin gewohnt. Heute lebt er in einem Haus auf dem Nachbargrundstück. Seiner Frau Ellen hat er es zu verdanken, dass er seine Freizeit nicht mehr in den Erhalt des Hauses stecken muss. Sie hat im Freilichtmuseum in Gutach angerufen und das Haus angeboten. Seit November ist es abgebaut.

Die Firma JaKo hat es in 36 Teile zersägt, verpackt und nach Weilstetten transportiert. "Diese Methode hat den Vorteil, dass die Wände komplett erhalten bleiben - mit Tapeten und Verputz", sagt Hubert Maucher, der das Projekt für JaKo leitet. In der 900 Quadratmeter großen Halle werden die rund 20 Tonnen schweren Teile, nach Stockwerken getrennt, wieder zusammengefügt und restauriert, - um dann für den Transport ins Freilichtmuseum erneut zerlegt zu werden.

Um zu wissen, welches Wandstück wohin gehört, wurden die 36 Teile in Plänen aufgelistet und nummeriert. Ebenso unzählige kleinere Teile des Hauses, wie der Pflasterboden aus dem Erdgeschoss, das Treppenhaus, die Dachziegel, der Kamin, Teile der Küche. In Regalen lagern Massen von Hölzern. In Drahtboxen liegen Steine, die im Haus verbaut waren - und wieder werden. Die Halle ist voll mit Einzelteilen, die blaue Nummern tragen. "Das alles wird wie ein großes Puzzle wieder zusammengesetzt", sagt Architektin Sarah Michalik.

Aktuell werden in Weilstetten die Außen- und Zwischenwände wieder aufgebaut und für die Restaurierung vorbereitet. Die des Obergeschosses stehen bereits. Das Erdgeschoss stehe zu zwei Dritteln, sagt Maucher. Der Gewölbekeller ist in Effringen geblieben. "Der wurde erst nachträglich eingebaut, stammt aus dem 18. Jahrhundert", sagt Margit Langer. Deshalb und weil der Aufwand zu groß gewesen wäre, ihn auch zu versetzen, wurde er zurückgelassen.

Bis zum Herbst soll das Gebäude restauriert sein. In Rot an der Rot (Kreis Biberach), wo JaKo seinen Hauptsitz hat, arbeiten bereits sechs Schreiner an den Türen, Fenstern, am Fachwerk und allen anderen Holzteilen des Hauses. Außerdem sind dort Maler, Gipser, Zimmerer und Restauratoren am Werk. Das Schlössle, das drohte zu verfallen, soll wie neu werden.

"Wir werden es im Stil der 1970er Jahre einrichten", kündigt Margit Langer an. Dafür bekommt sie Unterstützung von Dietmar Gauß, der bis 1972 darin gewohnt hat. "In ihm haben wir einen wichtigen Zeitzeugen. Das ist ein großer Glücksfall." Sie freut sich schon jetzt darauf, wenn das Schlössle auf der Erweiterungsfläche des Museums aufgebaut wird und auf den Moment, wenn die Familie Gauß "ihr" Schlössle zum ersten Mal im Freilichtmuseum wiedersieht.

Land unterstützt die Hausversetzung

Per Webcam dabei Die Firma JaKo Baudenkmalpflege hat in ihrer Restaurierungshalle in Balingen-Weilstetten eine Webcam installiert. So können Interessierte rund um die Uhr im Internet beobachten, wie die Wiederaufbau- und Restaurierungsarbeiten am "Effringer Schlössle" vorangehen.

Geld vom Land Die Versetzung des "Effringer Schlössles" von Wildberg im Kreis Calw ins Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof in Gutach kostet 3,55 Millionen Euro. Das Wissenschaftsministerium hat einen Zuschuss in Höhe von 1,75 Millionen Euro zugesagt. Die verbleibenden 1,8 Millionen Euro werden je zur Hälfte über Eigenmittel des Freilichtmuseums und über eine Eigenkapitalerhöhung durch den Ortenaukreis finanziert.

 

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