Geschichte: Die Auswanderungswelle aus Württemberg 1817

Warum in aller Welt flüchten immer mehr Menschen aus Württemberg? Im Sommer 1817 will König Wilhelm I. die Auswanderungswelle stoppen. Mit wenig Erfolg.

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Geselliges Beisammensein? Von wegen. Die Auswanderer auf den Decks der Schiffe nach Amerika wurden zusammengepfercht.  Foto: 

Sommer 1817: Der württembergische König Wilhelm I. ist  im höchsten Maße beunruhigt. Immer mehr Menschen  wollen sein Land verlassen und sich jenseits des Atlantiks in Amerika ansiedeln. Was sie zu diesem Schritt treibt, ist dem Landesherrn  ein Rätsel.

Der menschliche Aderlass schwächt das Volksvermögen, das der  Regent, noch  kein Jahr auf dem Thron, durch  die Modernisierung der Landwirtschaft eigentlich zu steigern hoffte. Die zunehmende Auswanderung und der Verlust an Arbeitskräften dämpfen diese Anstrengungen erheblich.

Bereits Ende April standen rund 700 Auswanderungswillige am Heilbronner Hafen. Der Andrang ließ auch in den  folgenden  Wochen nicht nach. Alle hatten und haben dasselbe  Ziel: auf Neckar und Rhein nach Rotterdam und von dort ins gelobte Land Amerika.

Diesen Schwund an Landeskindern soll nun der 27-jährige Friedrich List,  Rechnungsrat im  Stuttgarter Finanzministerium, stoppen. Er wird nach Heilbronn entsandt, um die Auswanderer „wo möglich durch angemessene Belehrung von ihrem Vorhaben zurückzubringen“. So steht es in der Instruktion des Innenministers.

Erfolge wird der Beamte keine erzielen. Stattdessen liefert er anschauliche Berichte darüber, warum es die Auswanderer in Württemberg nicht mehr aushalten.  „Wenn ich die Gemütsstimmung der Auswanderer berücksichtige“, schreibt List, „so finde ich die Grundursache der Auswanderung: Übelbehagen, ...,  Mangel an Freiheit in ihren bisherigen Verhältnissen als Staats- und Gemeindebürger“.

Am Wegzug einfach so gehindert werden kann  niemand. Das Recht dazu verbürgt ein  Zugeständnis des Fürsten aus dem Jahr 1514, das immer noch gilt: Herzog Ulrich hatte einst als Gegenleistung für die Übernahme seiner immensen Schulden durch die Untertanen  den „freien Zug“ gewähren müssen.

Vor Ort im Heilbronner Hafen muss List gegen die Werber und Agenten ankämpfen, die bei Unentschlossenen letzte Zweifel ausräumen und dafür eine Kopfprämie erhalten. Werbeschriften schildern die Verhältnisse jenseits des großen Teiches in den schönsten Farben und versichern, die Überfahrt auf den meist überfüllten Schiffen sei völlig ungefährlich.

Hunger und Unterdrückung

Während früher oft so genannte religiöse Schwärmer das Land verlassen haben, sind jetzt wirtschaftliche Not und  politische Unterdrückung  ausschlaggebend. Das zeigt die Ursachenforschung durch Friedrich List im Heilbronner Hafen deutlich. Missernten im Sommer 1816 haben zu einer Ernährungskrise geführt, an manchen Orten gibt es Brotkrawalle. Noch gravierender sind wetterunabhängige Dauerprobleme: unerschwingliche Steuern, Schikanen durch Amtspersonen, überhöhte Schreibergebühren, Missstände im Gerichtswesen, Jagd- und Wildschäden.

Obwohl die Überfahrt  teuer ist und die von Plantagenbesitzern jenseits des großen Teiches oft vorgestreckten Kosten unter unmenschlichen Bedingungen abgearbeitet werden müssen – das Wort von „weißen Sklaven“ macht die Runde –, lässt sich kaum jemand von der risikoreichen Überfahrt abhalten. Weinsberger Bürger klagen, dass sie an keine Besserung zuhause glauben: „Sie wollen lieber Sklaven in Amerika sein als Bürger in Weinsberg“, notiert List.

Dabei  sind die Neuankömmlinge nicht überall willkommen, wie Berichte aus Amerika zeigen: „Es kommen nun in diesen Jahren unter den viel Tausenden Kolonisten viele freche, verkehrte und unruhige Köpfe mit herein, die in Europa weder Gott noch der Welt und geistlichen Obrigkeiten haben Gehorsam leisten wollen.“ Auf der anderen Seite war bereits 1816 in einer Zeitung in Massachusetts  eine geradezu prophetische Äußerung zu lesen: „Die Auswanderung ist ein Vorgang von solchem Ausmaß, dass sie für die Lebensweise der Menschheit ein neues Zeitalter einleitet. Jede Familie wird, derjenigen Abrahams gleich, danach Ausschau halten, auf welchem Teil der bewohnbaren Erde sie sich niederlässt, um den Ort zu finden, wo die Lebensgewohnheiten den Wünschen am ehesten entsprechen.“

Die Befragung der Auswanderer im Auftrag der Regierung durch Friedrich List hatte Folgen. Sein Untersuchungsbericht trug dazu bei, dass  noch im Jahr 1817 von König Wilhelm I. die Einrichtung einer staatswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Tübingen beschlossen wurde. Man wollte den künftigen Staatsdienern  eine solide wissenschaftliche Bildung sowie rechtswissenschaftliche Grundlagen vermitteln. Damit sollten, das war zumindest die Absicht,  die Misswirtschaft und die Korruption in der Landesverwaltung beseitigt werden.

Auf den Lehrstuhl der Staatsverwaltungspraxis wurde Friedrich List berufen. Königin Katharina ihrerseits versuchte 1818  mit der Gründung der „Württembergischen Spar-Casse“ und diverser Wohltätigkeitseinrichtungen die soziale Not der Bevölkerung zu lindern. wf

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