Ulmer Autorin schreibt Jugendroman mit Siebtklässlern

Hauptsache spannend: Die Buchautorin Renate Hartwig erarbeitet mit Siebtklässlern des Pforzheimer Hilda-Gymnasiums über ein Schuljahr hinweg einen Jugendroman.

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  • Renate Hartwig (links) und ihre Mitarbeiter haben das Manuskript fertiggestellt. Nun erklärt Kunstlehrer Florian Adler (rechts) die Technik, mit der die Ilustrationen entstehen. 1/2
    Renate Hartwig (links) und ihre Mitarbeiter haben das Manuskript fertiggestellt. Nun erklärt Kunstlehrer Florian Adler (rechts) die Technik, mit der die Ilustrationen entstehen. Foto: 
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Buchcover des Jugendromans von Renate Hartwig: Mit Schülern gemeinsam geschrieben. 2/2
    Buchcover des Jugendromans von Renate Hartwig: Mit Schülern gemeinsam geschrieben. Foto: 
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Kann man mit pubertierenden Pennälern einen Roman schreiben? In der Schule? Im ganz normalen Unterricht? Ist diese Generation nicht auf 140 Zeichen gebucht? Auf WhatsApp-Gezwitscher,  Stakkato-Sätze, wahlweise ohne Subjekt oder Prädikat?  Man kann vielleicht nicht. Renate Hartwig, Autorin aus Nersingen bei Ulm, liebt solche Herausforderungen.  Ein Schuljahr lang hat sie viele  Montagnachmittage im Pforzheimer Hilda-Gymnasium verbracht und 25 Siebtklässler auf eine „Reise zwischen zwei Buchdeckeln“ mitgenommen.

Wohin sollte diese gehen? Schlagworte bildeten den Auftakt des Projekts. „Lasst Eure Phantasie fliegen“, riet Hartwig den Schülern. Zu klären war, was für ein Roman entstehen und welche Themen die fiktive Geschichte umfassen sollte.   Von A wie Ausgrenzung über F=falsche Freunde bis T wie Thriller reichten die Vorschläge. Klasse und  Autorin einigten sich auf 21 Schlüsselbegriffe für die Story.  Nun stand ein Gerüst, und Renate Hartwig begann es mit 28 Kapiteln zu füllen.

 Jeden Schulmontag brachte sie ein Kapitel mit und las es vor. Eine  Debatte über Ereignisse und Personen, ihre Charaktere, ihr Verhalten schloss sich an. „Wieso heißt der Olaf?“ Der Name des Roman-Protagonisten missfiel den Jugendlichen. Doch Renate Hartwig hatte ihn mit Bedacht gewählt. Unter den 1000 Schülern des Gymnasiums gab es keinen Olaf. Und da er erst spät einsieht, wohin seine Aufwiegelei im Roman führt, sollten unpassende Identitäten vermieden werden.

Dafür debattierten die 12- und 13-Jährigen intensiv über Olafs Strategien, andere für sich einzunehmen, einzuspannen und sich durchzusetzen, verglichen Figuren mit lebenden Personen, identifizierten Parallelen in den Rollen, die sie im Klassengefüge einnehmen. Sie plädierten lange für einen offenen Schluss, konnten sich aber auch da gegen die Autorin nicht durchsetzen.  Sie halfen ihr jedoch mit Detailwissen über technische Vorgänge,  suchten aus einem knappen Dutzend Vorschlägen den Titel des Buches aus. Sie illustrierten jedes Kapitel mit Druckwerken.

„Einsturzgefährdet“  ist halb Kriminal-, halb Gesellschaftsroman. Er spielt in der fiktiven Stadt Plochen, könnte sich aber in Pforzheim oder Plochingen zutragen. Es geht um eine Drogentote, die zuvor nie als Konsumentin aufgefallen war und an einem ungewöhnlichen Ort gefunden wird. Ein mysteriöses Unglück zwingt die Stadt, für Schüler einer Werkrealschule Ersatzräume zu finden. Im Gymnasium wehren sich Jugendliche, angefixt von einer anonymen Internet-Gruppe, gegen die Aufnahme der „Hauptschüler“. Rasch scheinen tiefe Gräben zwischen Jugendlichen aufzubrechen. Die Freundschaft zweier Schülerinnen zerbricht daran. Im Gymnasium herrscht ganz dicke Luft. Parallel dazu ermittelt ein erfahrener Hauptkommissar den Mordfall und klärt einen Teil der Vorkommnisse auf.

„Wir haben der Welt da draußen gezeigt, dass Siebtklässler viel mehr können als Kurznachrichten auf WhatsApp“, fasst Renate Hartwig das Ergebnis des Projekts zusammen. Von Disziplinproblemen mit einer „schwierigen Klasse“ kann sie nichts berichten. Die Offenheit, mit der ihr die Schüler begegneten, hat sie überrascht. Warum?  „Ich habe sie ernst genommen“, sagt Hartwig.

Dem 13-jährigen Paolino gefiel, dass die Klasse mitentscheiden konnte, was es für ein Buch (Gruselgeschichte, Krimi, Liebesroman) werden sollte, wie die Story weitergehen konnte und die Debatten, „welche Themen noch reinzubringen“ waren. Ein Schuss Science-Fiction hätte ihm zugesagt. „Doch das passte dann nicht mehr.“ Hauptsache spannend. Leonie (13), eher Fantasy-Fan, spricht von einer „coolen Erfahrung, mitzuentscheiden, wie sich eine Geschichte entwickelt und „das Ergebnis jetzt lesen zu können“. Die Lektüre könnte Gleichaltrige anstiften, mal nicht aufs Display zu starren, sondern die Augen zwischen Buchdeckeln auf Wanderschaft zu schicken.

Als Sponsoren des Jugendro­mans, von dem 1000 Exemplare gedruckt sind, wurden die Esslinger Stiftung, die Daimler AG, die Stiftung Würth und die Pforzheimer Saacke GmbH gewonnen. Renate Hartwig sucht jetzt Firmen, die je 30 Bücher finanzieren, um sie an Schulen in ihrer Region zu geben. Kontakt: www.directverlag.de

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