Ein autarkes Haus aus Müll

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Es gibt nicht wenige, die finden, dass es in dem kleinen Weiler Tempelhof gerade zugeht wie in einem Ameisenhaufen. Dass dem so ist, liegt an den vielen Menschen, die am Bau des ersten „Earthships“ in Deutschland beteiligt sind. Da sind vor allem die 55 Freiwilligen aus 17 Nationen zu nennen, die lediglich für Kost und Logis arbeiten. Der Arbeitstag beginnt für viele schon morgens gegen 6 Uhr, alternativ mit Qigong oder einem Kurs für korrekte Körperhaltung. Acht Instruktoren geben Anleitungen. „Viele sind keine Handwerker, sie haben einfach Lust, bei einem coolen Projekt dabei zu sein“, so sagt es Roman Huber, Vorstand der Stiftung Schloss Tempelhof und Bauherr. Das Bauvorhaben nennt sich: „Experimentelles Wohnen am Tempelhof mit einem Versorgungsgebäude (Earthship) und 14 Aufenthaltsräumen“. Die Kosten liegen bei rund 300.000 Euro. Ende Oktober soll der Rohbau fertig sein, Ende November der Innenausbau.

Vor fünf Jahren hat die Gemeinschaft Tempelhof den gleichnamigen Weiler bei Kreßberg (Kreis Schwäbisch Hall) gekauft und ist dort eingezogen. Anfangs fürchtete mancher gar, da sei eine Sekte eingezogen, heute ist die Gemeinschaft anerkannt – und aus der Idee, eine nachhaltige „Vision vom gemeinsamen Leben“ umzusetzen, ist längst gelebte Realität geworden. Was damals mit ein paar Leuten aus München begann, ist mittlerweile zu einer Art Kibbuz mit weit mehr als 100 Bewohnern geworden. Es geht um Solidarität, Verantwortung und Nachhaltigkeit – dazu gehört auch, neue Formen von Gemeinschaft auszuprobieren.
 


Hier kommt das Earthship ins Spiel: Es soll auf einem Stock bis zu 25 Leuten Platz bieten – und als Gemeinschaftsraum fungieren. Es gibt Küche, Duschen, Toiletten, Wohnzimmer, Esszimmer und ein Gewächshaus, das alle nutzen können. Individuelle Zimmer und Schlafräume bieten die Jurten und Bauwagen, die in Hufeisenform drumherum stehen. Gebaut wird das Earthship aus natürlichen Materialien – und Zivilisationsabfällen. So bestehen die Wände etwa aus gestapelten Autoreifen, die mit Erde verdichtet werden. Das Haus versorgt sich dank Regenwasser-Aufbereitung selbst, braucht keinen Wasseranschluss, kein Stromnetz, keine Heizung. Für die Genehmigung brauchte es allerdings einen Anschluss an die Kanalisation.

Auch der Erfinder des Konzepts packt beim Bauen selbst mit an: Architekt Michael Reynolds kommt aus den USA und hat schon viele solcher Häuser gebaut; in der Wüste New Mexicos bewohnt er selbst eins. Wer Reynolds – lange graue Haare, Rauschebart, Cowboyhut, kariertes Hemd – sieht, wie er mit dem Vorschlaghammer die Erde in Reifen verdichtet, hat nicht das Gefühl, vor einem 70-Jährigen zu stehen. „Es ist schön, hier zu sein“, sagt Reynolds. Weltweit gibt es tausende seiner Häuser, in Deutschland – offiziell – noch keines.

Reynolds hat einen langen Kampf gegen die Behörden und für seine Idee hinter sich. In den 70ern galt er als Spinner, Mitte der 90er entzog man ihm sogar die Lizenz als Architekt. „Wir testen Waffen, Medikamente, Atombomben“, sagt Reynolds. „Warum dürfen wir keine Häuser testen?“ Den Durchbruch schaffte er erst, als er in Katastrophengebieten Häuser aus Trümmern baute. Heute vermietet er Earthships an Touristen, führt eine Akademie, hält Vorträge, bietet Pläne und Bücher zum Nachbauen an. Ein Dokumentarfilm namens „Garbage Warrior“ wurde über ihn gedreht.

Auf der Baustelle herrscht ein besonderer „Spirit“, das spürt man, das sieht man, das sagen alle. „Das liegt an den Drogen“, sagt Reynolds und lacht. Ein Scherz, na klar. Er hat seine Erfahrung gemacht, vieles ausprobiert, aber das war einmal. Im Ernst: „Es“, sagt Reynolds, „hat uns gefunden“, und: „Es gibt genug Leute, die keine Atomkraftwerke mehr wollen und die wissen wollen, wie es anders geht.“ Dass sich so viele Freiwillige bei ihm melden, sieht er als „Geschenk“.

Ein Feierabend-Bier darf bei einigen nicht fehlen, obwohl man bei diesem Anblick etwas anderes vermuten könnte. Neben den 1000 Altreifen haben die Tempelhofer 10.000 Flaschen gesammelt, die als Ziegel verwendet werden. Dafür klapperten sie im 20-Kilometer-Umkreis sämtliche Bars und Restaurants ab. Besucher fragten sich schon: „Was saufen die hier so viel?!“ Roman Huber geriet nicht in Erklärungsnot: „Gott sei Dank war die Baustelle schon am Laufen.“

 

Prinzip Selbstversorgung

Entstehung
Auf dem Gelände des Weilers Tempelhof bei Kreßberg war bis 2006 eine Einrichtung für geistig und körperlich Behinderte zuhause, danach stand es jahrelang leer – bis eine Initiative aus München darauf aufmerksam wurde. Auf dem 31 Hektar großen Areal stehen 15 Gebäude, die Gemeinschaft bewirtschaftet landwirtschaftliche Flächen und hält Kleinvieh – hauptsächlich zur Selbstversorgung

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