Dschungelcamp auf der Alb

Im Camp gibt es nur das Nötigste. Zwölf Männer, der Jüngste 22, der Älteste 40 Jahre alt, sitzen um ihr Lagerfeuer. Sie alle wollen ein Abenteuer erleben - in der Wildnis im Laichinger Wald.

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Marcel Bauer, der Jüngste der Gruppe, futtert Brennnesseln und Giersch. Seine Schlafhütte hat er aus Wald-Materialien gebaut: Äste und Laub. Foto: Isabella Hafner

Sie haben Hunger, sie sind vom Regen durchnässt. 199 Euro haben die zwölf Männer für ein Wochenende Überleben-Lernen mit Survivaltrainer Lars Konarek hingelegt. Lastwagenfahrer Thomas Maurer aus Hörhausen hat das Wochenende zum 40. Geburtstag geschenkt bekommen. Die restlichen elf haben sich selbst angemeldet. Viele schauen sich regelmäßig die Survivalsendung "Abenteuer Wildnis" mit Bear Grylds an und wollten es selbst versuchen. Sie kommen aus Bonn, Duisburg, Gießen und dem Raum Stuttgart.

Einer der Freiwilligen ist Manager Tofas Florinas, 32. "Wir haben eine Krise, ich muss schauen, wie ich überlebe", sagt er ironisch. Spartaner nennen ihn seine Leidensgenossen, seit er sich als Grieche "geoutet" hat. Spartanische Verhältnisse müsste er ihrer Meinung nach gewohnt sein. Samstag, 11 Uhr. Florinas schlürft seinen Frühstückskaffee, frisch gebrüht über dem Feuer. Er besteht aus gerösteten Löwenzahnwurzeln. In den vergangenen 24 Stunden hat er nur eine Kräutersuppe in den Bauch bekommen. Und eine Karotte.

Schnell ist den Männern klar geworden, dass Überlebenstraining mehr heißt, als ein Wochenende ohne Handy, Internet, Fußball, Duschen, Zähneputzen, leckeres Essen zu verbringen - und ohne Partner oder Partnerin. Trainer Konarek legt Wert darauf, realistische Überlebenssituationen zu simulieren. "Die Teilnehmer sollen lernen, wie es ist, wenn der Körper komplett fertig ist." Sprich: Wie es ist, Hunger zu haben, Durst zu haben, zu frieren. Gleich zu Beginn mussten sie Laub zwischen Körper und Kleidung stopfen: eine Isoliermethode.

Auch das Wetter befolgt die Regieanweisungen: Nach einer Woche mit 30 Grad, öffnete der Himmel prompt in der ersten Camp-Nacht seine Schleusen. Von drei Uhr an schüttete es in Strömen. Temperatursturz. "Zuhause habe ich ein Wasserbett", sagt Philipp Lieske, 28, aus Gerlingen. "Das hatte ich heute Nacht auch. Nur: Das Wasser kam von oben statt von unten." Die Männer schliefen in kleinen Zelten, die sie am Tag zuvor fünf Stunden lang mit Ästen und Laub gebaut hatten. Bei Philipp Lieske hat"s reingeregnet. Hinter ihm liegt eine schlaflose Nacht. "Ich habe ein halbe Stunde gedöst. Nur Marcel hat geschlafen."

Fröstelnd sitzen alle ums Feuer. Über Stecken dampfen schwarze Socken über dem Feuer. Mark Tscherwitschke, 30, aus Bonn trocknet sie. "Ich freue mich auf morgen 14 Uhr, wenns vorbei ist. Meine ganze Kleidung ist nass." Doch noch sind flotte Sprüche im Camp keine Mangelware. "Die Socken waren vorher weiß, oder?", ruft einer. Ein anderer: "Ich glaube, die sind durch!"

Konarek kennt die psychologischen Kurven in seinen Seminaren. "Es ist eine einzige Berg- und Talfahrt." Seit sechs Jahren ist er hauptberuflicher Survivaltrainer. Gelernt hat er Herrenausstatter, danach war er sechs Jahre in einem militärischen Spezialverband. "Die Jungs sind schon richtig am Kämpfen." "Das Wort männlich fällt unter den Jungs sehr oft", sagt Lieske. "Ich streue das Wort immer wieder ein, um ihr Selbstwertgefühl zu stärken", sagt Konarek.

Notreserven hat niemand dabei. "Lars könnte eine Rucksackkontrolle machen", beteuert einer. Stattdessen hat man sich darauf geeinigt, im Notfall den Jüngsten zu verspeisen: den 22-jährigen Marcel aus Sindelfingen. "Der hat das zarteste Fleisch und ernährt sich gesund", erklärt Philipp Lieske und lacht. Er zeigt mit dem Kopf weg von der Lagerstelle in den Wald. Marcel streunt dort umher, pflückt Blätter und schiebt sie sich in den Mund - überwiegend Giersch und Brennnesseln. Mineralstoffbomben, hat Konarek während der Pflanzenführung am Morgen erklärt.

Nun findet Konarek aber, die Männer sollten Fleisch zwischen die Zähne bekommen. Ein Crashkurs zu essbaren und nicht essbaren Waldtieren soll helfen. Das Team lernt, dass das Einatmen der Härchen einer Prozessionsspinnerraupe einen Schock verursachen kann, dass Regenwürmer "superekelhaft" schmecken und als Weichtiere wegen Parasiten hoch erhitzt werden müssen. Und: "Der Regenwurm ist wie ein Kondom - zwanzig Prozent Wurm, 80 Prozent Erde." Konarek erzählt, wie er einmal eine rohe Schnecke gegessen hat. "Zwei Wochen hatte ich Schleim zwischen den Zähnen, musste zum Zahnarzt. Wenn ihr mal ne Frau loswerden wollt. . ." Als wahres Geschmackserlebnis preist er geröstete Schwarzkäferlarven an, Froschfleisch schmecke nach Hähnchen, die Hautdrüsen von Kröten sind giftig. Dann kommt er zum Tagesgericht: Heuschrecken. "Superlecker und der beste Proteinlieferant." Er rät, sie mit einem T-Shirt zu fangen.

Konarek packt eine Plastikbox mit Heuschrecken aus, Lkw-Fahrer Maurer im Bundeswehroutfit erschrickt, weigert sich. Andreas Büllenbach auch. "Ich bin Pazifist!", merkt der 32-jährige Geschäftsführer aus dem Raum Stuttgart an. Auch er trägt Camouflage. Die anderen dagegen widmen sich der Zubereitung: Heuschreckenkopf mit den Gedärmen vom Körper abdrehen, Körper aufspießen, grillen. "Mmmmh, lecker!" ist zu hören. Auch Maurer überwindet sich.

14 Uhr. Lars Konarek ruft: "Jungs, Lageänderung! Ihr habt gesagt, ihr wollt es männlich. Jetzt kriegt ihr es. Wir verbringen die Nacht woanders. Wechsel zum Standort X." Irritierte Gesichter. Offen stehende Münder. Konarek unterdrückt ein Grinsen. Was er nicht verrät: "Ich baue die jetzt psychisch ab. Den Männern steht ein Fußmarsch bevor, bei dem ich ihnen heftige Szenarien erzähle. Ich bin der Guide, die haben keine anderen Infos, da läuft das Kopfkino." Ihnen kündigt er an: "Die Zustände werden sich rapide verschlechtern - das ist typisch für Überlebenssituationen. Glaubt mir, es geht noch schlimmer. Euch erwartet eine echte Challenge.".

Kurze Zeit später stehen alle vor der Überhanghöhle "Hohler Stein". Staunen. Hinter vorgehaltener Hand erklärt Konarek: "Ich wecke jetzt die Neugierde, danach geht"s wieder runter." Die Männer sollen die Höhle erkunden. Acht bis elf Grad hat es hier, "jetzt gehts noch, aber die feuchte Kälte kriecht langsam unter die Kleidung", weiß der Trainer. Komplett irritiert sehen die Männer wenig später ihren Guide an. Thomas Maurer ruft: "Da wird man ja krank!" Teils widerwillig folgen sie der Anweisung, ihren Oberkörper frei zu machen. Sie sollen lernen, mit Kälte umzugehen. "Verschränkt eure Arme und nehmt Schutzhaltung ein. So geht wenig Energie verloren. Wärmt euch gegenseitig." Wieder Irritation. "Baut nun euren Liegeplatz, ihr übernachtet ja hier." Kopfschütteln. Auf dem Boden liegt überall Geröll . . .

15 Minuten vergehen. Dann Erleichterung und ein Lob von Konarek. Die Nacht dürfen sie all doch in ihrem Dschungelcamp verbringen.

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