Doping-Kommission tritt nach Streit mit der Uni Freiburg zurück

Veritabler Showdown an der Uni Freiburg: Die Doping-Kommission sieht ihre Unabhängigkeit in Gefahr und tritt zurück. Der angegriffene Rektor weist alle Vorwürfe zurück und droht seinerseits mit einer Klage. Mit einem Kommentar von Helen Weible

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  • Das Archivbild zeigt den deutschen Radprofi Jan Ullrich vom Team Telekom im Jahr 1998 bei einem Belastungstest in der Uniklinik Freiburg. Später wurde die Verwicklung der Uniklinik in die Doping-Affäre im Radsport aufgedeckt. 1/3
    Das Archivbild zeigt den deutschen Radprofi Jan Ullrich vom Team Telekom im Jahr 1998 bei einem Belastungstest in der Uniklinik Freiburg. Später wurde die Verwicklung der Uniklinik in die Doping-Affäre im Radsport aufgedeckt. Foto: 
  • Die Vorsitzende der Evaluierungs-Kommission Sportmedizin Freiburg, Letizia Paoli, aufgenommen am 23.10.2015 in Nürnberg (Bayern) am Rande eines Internationalen Doping-Symposiums. 2/3
    Die Vorsitzende der Evaluierungs-Kommission Sportmedizin Freiburg, Letizia Paoli, aufgenommen am 23.10.2015 in Nürnberg (Bayern) am Rande eines Internationalen Doping-Symposiums. Foto: 
  • Der Freiburger Universitäts-Rektor Hans-Jochen Schiewer, aufgenommen am 25.02.2015 in Stuttgart (Baden-Württemberg) bei einer Pressekonferenz nach dem Schlichtungstreffen zur Doping-Kommission Freiburg. 3/3
    Der Freiburger Universitäts-Rektor Hans-Jochen Schiewer, aufgenommen am 25.02.2015 in Stuttgart (Baden-Württemberg) bei einer Pressekonferenz nach dem Schlichtungstreffen zur Doping-Kommission Freiburg. Foto: 
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Erst Unstimmigkeiten, dann der Eklat gefolgt von einer jahrelangen Schlammschlacht. Und nun, nach neun Jahren, der finale Paukenschlag: Die Doping-Kommission der Freiburger Universität ist am Dienstag unter Protest zurückgetreten. Sie beklagte, dass sie nicht unabhängig arbeiten dürfe. Schuld daran sei die Uni. Deren Leitung wies den Vorwurf prompt zurück.

Die „Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin“ sieht ihre Unabhängigkeit durch Rektor Hans-Jochen Schiewer eingeschränkt. Das Gremium war im Jahr 2007 ins Leben gerufen worden, um die Geschichte der skandalumwitterten Freiburger Sportmedizin unter ihren Ex-Professoren Joseph Keul und Armin Klümper zu ergründen. Freiburg war über vier Jahrzehnte das Zentrum des Dopings in der Bundesrepublik.

Fünf der sechs Wissenschaftler wandten sich am Dienstag mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit. „Im Sinne einer wahrhaftigen Aufklärung können wir keine Kompromisse bei der uns garantierten uneingeschränkten Unabhängigkeit der Kommission eingehen“ schrieben Hans Hoppeler (Schweiz), Gerhard Treutlein (Heidelberg), Perikles Simon (Mainz), Fritz Sörgel (Nürnberg) und Hellmut Mahler (Düsseldorf). Sie lobten das Engagement ihrer Vorsitzenden Letizia Paoli von der belgischen Uni Leuven und dankten ihr „für das Vertrauen und die hervorragende gemeinsame Arbeit“.

Eine Fortsetzung „der fast abgeschlossenen Kommissionsarbeit“ sei unter den derzeitigen Bedingungen unmöglich, hieß es. Auch die seit Monaten unternommenen Bemühungen von Paoli um den Erhalt der Unabhängigkeit der Kommission seien „leider immer wieder abgewiesen worden“. Offen blieb am Dienstag, ob Paoli dem Rücktritt ihrer Kollegen folgt. Es ist nach Informationen der SÜDWEST PRESSE aber davon auszugehen, dass sie ihre Arbeit ebenfalls niederlegt.

Die Kommissionsmitglieder hatten ihren Rücktritt schon in einem Schreiben vom 25. Februar an Schiewer angedroht. Der interne, fünfseitige Brief liegt dieser Zeitung vor. Darin warfen sie Schiewer vor, für das Scheitern verantwortlich zu sein: „Sie, Rektor Schiewer, tragen (. . .) auf Grund der von Ihnen persönlich entzogenen vollen Unabhängigkeit der Kommission nicht nur die Verantwortung für unseren unausweichlichen Rücktritt. Sie tragen zudem die Verantwortung für das Scheitern der historischen Aufgabe, Licht ins Dunkel der Freiburger und der deutschen Dopingvergangenheit zu bringen.“

Die Uni reagierte mit einer dreiseitigen Mitteilung. Sie sprach von einem „Rücktritt ohne Grund“ und erklärte: „Die wissenschaftliche Aufklärungsarbeit muss weitergehen.“ Sie wolle die bisherigen Aufklärungsergebnisse „sichern und öffentlich machen“ und werde dazu, wie schon 2014 angekündigt, „eine neue Forschungsstelle zu Sportmedizin und Doping schaffen“.

Schiewer bedaure „das offenbar ergebnislose Ende der Arbeit von Professorin Letizia Paoli“. Die Uni habe bis zuletzt an die Bereitschaft der Kommission „zu einer konstruktiven und sachorientierten Zusammenarbeit appelliert“. Der Rücktritt sei „verantwortungslos“. Paoli, so Schiewer, habe auf mehrere Gesprächsangebote nicht reagiert.

Schiewer fügte hinzu, die Uni habe „die wissenschaftliche und inhaltliche Unabhängigkeit (. . .) zu keinem Zeitpunkt eingeschränkt oder auch nur in Frage gestellt“. Paoli greift der Rektor scharf an. Sie habe die Geschäftsordnung der Kommission eigenmächtig geändert. Dies sei ohne Zustimmung der Uni nicht erlaubt gewesen. Schiewer drohte ihr mit einer Klage.

Nach Informationen dieser Zeitung liegen der Uni bislang sieben Einzel-Gutachten von Kommissionsmitgliedern vor – darunter fünf, die gegen den Willen des Gremiums übergeben worden waren. Verfasst haben sie die im Streit mit Paoli ausgeschiedenen Ex-Kommissionsmitglieder Andreas Singler und Heinz Schöch. Wie die Uni auf Anfrage mitgeteilt hatte, dauere die juristische Prüfung der Gutachten an. Noch sei also offen, ob und wann sie publiziert werden können.

Die Uniklinik Freiburg erklärte am Dienstag, sie bedaure ebenfalls, dass es der Kommission „trotz des wiederholten Entgegenkommens seitens des Klinikums und der Universität nicht gelungen ist, einen Abschlussbericht vorzulegen“. Die Arbeit der Kommission habe „weit über eine Million Euro an öffentlichen Geldern des Universitätsklinikums“ gekostet.

Dagmar Freitag (SPD), Vorsitzende im Sportausschuss des Bundestages, kritisierte die Auflösung der Doping-Kommission. Gleichzeitig setzte die Sportpolitikerin Hoffnung in die Ankündigung der Kommissionsmitglieder, ihre Sicht der Dinge in einer gesonderten Publikation zu veröffentlichen.

Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Michael Vesper, bedauerte, „dass die Uniklinik und die Kommission nicht zusammengefunden haben, um die Doping-Vergangenheit der Freiburger Uniklinik endgültig aufzuklären“. Es sei „eine verpasste Gelegenheit“.

Der Heidelberger Doping-Bekämpfer Werner Franke, bis 2012 Mitglied der Kommission, sagte: „Die Uni hat immer ein dreckiges Spiel getrieben. Sie hat Akten versteckt, in Landesarchiven, irgendwelchen Schränken oder in Privatwohnungen von Mitarbeitern. Da sind groteske Sachen passiert.“

Eklats, Ultimaten, Vorwürfe: Eine Chronologie

Juni 2007: Die Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin wird gegründet. Sie soll nach dem Dopingskandal beim Radsport-Team Telekom die gesamte Geschichte der Freiburger Sportmedizin untersuchen.

Januar 2013: Der Streit beginnt: Rüdiger Siewert, Leitender Ärztlicher Direktor der Uniklinik Freiburg, wirft der Kommissionsvorsitzenden Letizia Paoli Untätigkeit vor. Paoli wirft der Uni vor, die Arbeit der Kommission zu behindern – ein Muster, das sich in den kommenden Jahren mehrfach wiederholt. Beklagt werden manipulierte oder verweigerte Akten und Falschinformationen.

September 2013: Vorläufige Einigung: Der Abschlussbericht soll im Mai 2014 vorliegen.

Mai 2014: Die Kommission kann den Termin nicht einhalten, erneut beklagt Paoli massive Behinderungen.

Februar 2015: Auf einem „Friedensgipfel“ wird ein neuer Fahrplan vereinbart. Neuer Termin für den Abschluss: Ende 2015. Wenig später sorgt ein Alleingang des Kommissionsmitglieds Andreas Singler für einen Skandal: Er veröffentlicht Details eines Berichts, in dem Fußball-Bundesligist VfB Stuttgart Anabolikadoping in den 80er Jahren vorgeworfen wird. Später tritt Singler zurück, die Vorwürfe werden letztlich nie aufgeklärt. Wenig später werden auch Grabenkämpfe innerhalb der Kommission öffentlich.

Januar 2016: Die Kommission findet Hinweise auf einen neuen Forschungsskandal: Es geht um „erhebliche wissenschaftliche Mängel“ bei Dissertationen, Habilitationen sowie Fachpublikationen.

Kommentar von Helen Weible: Doping - Gegenseitig blockiert

Niederlage im Dopingkampf. Die Kommission, die in der sportmedizinischen Abteilung der Universität Freiburg mit der dopingbelasteten Vergangenheit aufräumen sollte, löst sich nach neun Jahren auf. Was an abschließenden Ergebnissen bleibt, ist unbefriedigend und zeigt, wie schwierig der Weg zu lückenloser Aufklärung ist. Auf alle Beteiligten wirft das jähe Ende ein schlechtes Licht. Auf die Stadt im Breisgau, auf die Hochschule und auf die Kommission selbst. Alle Parteien haben sich jahrelang gegenseitig in ihrer Arbeit blockiert.

Akten wurden den Wissenschaftlern nicht zugänglich gemacht, ihre Unabhängigkeit vom Unirektorat nicht gewahrt. Aber auch intern gab es immer wieder Zerwürfnisse und unterschiedliche Interpretationen des Arbeitsauftrags. Was schließlich vor einem Jahr zum Alleingang des Mitglieds Andreas Singler führte. Er ließ mit den Zwischenberichten zum Anabolikadoping bei den Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart und dem SC Freiburg mehr an die Öffentlichkeit geraten, als der resoluten Vorsitzenden Letizia Paoli lieb war.

Die italienische Kriminologin wollte mehrmals zurücktreten. Die Kommission drohte schon früher auseinanderzubrechen. Das Gremium scheiterte im Kollektiv. Jetzt hilft nur mehr Geduld. Unbequeme Fakten bleiben weiter unter Verschluss - schade für den sauberen Teil des deutschen Sports, der diese Transparenz verdient hätte

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