Dieseldiebe plündern Tanks

Kein Tank ist vor Dieseldieben sicher. Bei illegaler Beschaffung des immer teurer werdenden Sprits schlagen die Täter an stark befahrenen Straßen ebenso zu wie auf einsamen Waldwegen.

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Auf dieser Baustelle in Ulm stahlen unbekannte Dieseldiebe am Wochenende etwa 1000 Liter Diesel aus sechs Baufahrzeugen - kein Einzelfall, wie Polizeistellen im ganzen Land berichten. Foto: Matthias Kessler

Zum Standardrepertoire der Polizeisprecher gehören Meldungen über Dieseldiebstähle. Gestern berichtete die Polizeidirektion in Schwäbisch Hall über 400 gestohlene Liter aus einem Bagger, die Kollegen in Aalen hatten es gleichfalls mit leer gesaugten Baggern zu tun, 60 Liter in Essingen, 150 Liter in Ellwangen. In Burladingen (Zollernalbkreis) verschwanden mehrere 100 Liter auch aus einem Bagger. In Ulm fehlten in zehn Baufahrzeugen weit über 1000 Liter. In Machtolsheim (Alb-Donau-Kreis) wurde an einem Lastwagen gleich der ganze Tank abgeschraubt.

Steigende Preise machen Kraftstoff zur lukrativen Beute. Schon am 3. April hieß es in einer Mitteilung der Polizeidirektion Reutlingen: "Aufgrund der zurzeit hohen Spritpreise treiben vermehrt Kraftstoffdiebe ihr Unwesen." Am selben Tag stand im Bericht der Polizeidirektion Offenburg: "Seit geraumer Zeit mussten immer wieder nächtliche Dieseldiebstähle, hauptsächlich an großen Baustellen oder Lkw-Abstellplätzen, registriert werden." Geändert hat sich seither nichts, wie die Lektüre von mehreren 100 Polizeiberichten beweist. Dort sind auch zwei Meldungen aus Denzlingen und Laichingen archiviert, die in die Kategorie "Nomen est omen" fallen: Die Tatorte lagen in der Rudolf-Diesel-Straße.

Im Visier der Dieseldiebe sind hauptsächlich Lastwagen, deren Tanks mehrere 100 Liter fassen. Tatorte sind häufig Baustellen, wo auch Bagger, Raupen, Walzen, Radlader und mobile Tankstellen um ihren kostbaren Inhalt erleichtert werden. Die meisten Täter "schläucheln" den Diesel in Kanister, professionell agierende Banden nutzen Pumpen. Beutezüge werden erleichtert, wenn Tankdeckel nicht abgeschlossen sind. Doch selbst Schlösser und spezielle Abschlauchsperren können sie nicht stoppen. In Karlsruhe wurde in den Behälter mit einem Meißel ein Loch geschlagen. Wem das nötige Werkzeug fehlt, der zwickt - wie in Hohberg-Hofweier im Ortenaukreis Ende August geschehen - die Zuleitung ab.

An stark befahrenen Autobahnen schlagen die Spritdiebe ebenso zu wie auf einsamen Waldwegen, wo Holzrückemaschinen abgestellt sind. Auch Bauernhöfe werden nicht verschont, wenn dort Traktoren oder Mähdrescher mit vollen Tanks stehen. Oft werden schlafende Trucker am morgendlichen Fortkommen gehindert, weil nachts die Mobilitätsflüssigkeit geraubt worden ist. Das passiert auf dem Parkplatz an der A 6 bei Öhringen genauso wie an der A 81 bei Empfingen.

In der Statistik fallen zwei Schwerpunkte auf. Das ist einmal das Ulmer Industriegebiet Donautal, wo seit Jahresbeginn mehrere tausend Liter aus Lkw-Tanks gestohlen wurden. Außerdem hat die Polizeidirektion in Biberach mehr als die meisten Kollegen mit derlei Delikten zu tun. Ob Kirchdorf oder Riedlingen, ob Biberach, Burgrieden oder Berkheim, ob Schwendi oder Bad Schussenried, in Unlingen, Ochsenhausen und Oggelshausen - überall geht der Dieselklau um.

Mitunter werden Diebe auf frischer Tat geschnappt. Eher selten, wie in Lahr, handelt es sich um junge Einheimische. Meist jedoch stammen die Tankanzapfer aus Polen oder Rumänien. So hatte sich ein 38-jähriger Rumäne im Hohenlohekreis als Subunternehmer niedergelassen. Den Kraftstoff für seine Fahrzeuge hoffte er auf einer Baustelle neben der A 6 zu bekommen, wohin er mit elf Kanistern angerückt war. Als Aufpasser die Polizei alarmierten, versteckte er sich in einer Erdmulde. "Im Dreck liegend, mit dem Gesicht nach unten", heißt es in der Pressemeldung.

Mit wenigen hundert Litern hat sich eine zwölfköpfige Bande nicht begnügt. In großem Stil hat sie die Raffinerie in Karlsruhe bestohlen. Allein in diesem Jahr seien mindestens 350 000 Liter "herausgeschmuggelt und gewinnbringend abgesetzt" worden, gab die Staatsanwaltschaft am 14. August bekannt. Bescheidener, aber ebenfalls dreist ging eine Familie im Ostalbkreis vor: Eine Frau stoppte auf einem Feldweg einen Traktorfahrer und verwickelte den 19-Jährigen in ein Gespräch, während ein kräftiger Mann unverfroren Diesel in zwei 50-Liter-Kanister füllte. Damit das verdutzte Opfer nicht flüchten konnte, hatte sich ein Kind vor den Schlepper gestellt.

Die Polizeidirektion Aalen hat auch den absurdesten Fall von Dieselraub protokolliert. Demnach hat ein 22-jähriger Fiatfahrer auf einem Bauernhof zehn Liter aus einem Fass gepumpt. Er habe befürchtet, wegen Spritmangels liegen zu bleiben, erklärte er den Polizisten, die ihn rasch ermitteln konnten. Dass sein Auto mit Benzin angetrieben wird, sei ihm "völlig egal" gewesen.

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