Die Schäferei auf der Schwäbischen Alb ist stark unter Druck

Schafe pflegen die mageren Wiesen der Schwäbischen Alb. Doch die Schäferei dort hat mit vielen Problemen zu kämpfen. Eine Messe in Münsingen zeigte Ansätze für Wege aus der Dauerkrise.

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Schäfer Christian Stotz mit seiner Herde auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Münsingen: Gerade Wanderschäfer haben es immer schwerer. Foto: dpa

IF !VML]Border-Collie Sammy nähert sich der Gruppe Schafe schleichend, den Kopf nah am Boden. "Platz!", auf Befehl duckt sich der Hütehund ins Gras. Die Schafe verlangsamen den Schritt, lassen Sammy nicht aus den Augen. Der springt schon wieder los, um die Tiere weiter zu treiben. Ein Zusammenspiel von Hüter, Hund und Herde - für die Messe-Besucher ein Schauspiel, das sie draußen auf der Alb immer seltener beobachten können. Schäferei, wie sie auf der Messe "Slow Schaf" am Wochenende im Alten Lager des ehemaligen Truppenübungsplatzes Münsingen gezeigt wurde, ist in der Krise. Gründe gibt es zuhauf: Die Wolle ist kaum etwas wert, die Fleischpreise fielen zwischenzeitlich bedenklich. Flächen für Herbst- und Winterweiden rund um die Alb werden weniger - etwa wegen des Anbaus von Energiepflanzen.

Kaum einer will noch Schäfer werden: harte Arbeit, 60- bis 70-Stundenwochen, Gehälter oft unter dem Hartz-IV-Satz. Der Schafreport Baden-Württemberg 2011 weist einen Durchschnitts-Stundenlohn von 4,74 Euro aus. "Es gibt Schäfer, die leben am Existenzminimum", sagt Bärbel Stotz, die mit Mann und Sohn in Münsingen einen der größten Betriebe auf der Alb führt. Drei Herden, alle weit über der Rentabilitäts-Grenze von 500 Mutterschafen, hüten sie und ihre Mitarbeiter. Nur noch ein Drittel der Tiere ist mit Wanderschäfern unterwegs. Auch da stellt sich die Frage, ob die Tiere bald im Stall überwintern sollen.

"Die Zukunft der Schäfer hängt davon ab, was die Gesellschaft will", sagt Stotz. Und da scheint sich etwas zu tun. Das Interesse wächst an der Schaf-Messe, die nun zum zweiten Mal stattfand. 13 000 Besucher schätzen die Messemacher. 30 Aussteller stellten sich auf der Slow-Schaf vor - von Krisenstimmung war nichts zu spüren.

"Bei den Verbrauchern rennen wir offene Türen ein", sagt Veronika Kraiser. Sie führt mit ihrem Mann in Gächingen (Kreis Reutlingen) die Naturmode-Firma Flomax. Bislang hatten sie nur Garn aus Südamerika importiert. Nun bieten sie mit der Produktlinie "Albmerino" seit drei Jahren Oberbekleidung aus Wolle der Schäferei Stotz an. "Bislang ist das ein Projekt, nicht mehr", betont Kraiser.

Der Weg zum regionalen Produkt war und ist steinig. "Wir haben zwei Jahre gebraucht, um da zu sein, wo wir jetzt sind", sagt Kraiser. Durch den Verfall der Wollpreise vor 20 Jahren ging viel Know-how verloren. Waschen, Färben, Spinnen, Zwirnen: Die Produktionsschritte musste Kraiser erst neu aufbauen oder dafür Partner-Betriebe finden. Nun haben sie und die Schäferei Stotz gezeigt: Es geht. Doch es sei ein weiter Weg, andere Schäfereien von der Produktion solcher Wolle zu überzeugen. Und es braucht mehr Käufer: Albmerino-Kleidung ist zehn Prozent teurer als die übrige Flomax-Mode. Und an die feine Merino-Wolle, wie sie in Outdoor-Bekleidung wieder verstärkt eingesetzt wird, kommt auch gute Alb-Wolle nicht heran.

Auch als Dämmstoff oder Träger für Düngemittel wird Wolle verwendet - aber da sind die Gewinnspannen auch gering. Dabei ist die Merinolandschaf-Rasse, die in Württemberg 70 Prozent des Schafbestandes ausmacht, auf Wollproduktion hin gezüchtet. 1786 kamen aus Spanien gut hundert Merinoschafe, die weltweit bis heute für ihre weiche Wolle berühmt sind. Deren Kreuzung mit dem Landschaf ergab das Merinolandschaf, das mit zum Boom der Wollproduktion auf der Alb führte.

Bis der Siegeszug der Baumwolle und anderer Fasern Mitte des 19. Jahrhunderts begann: "Der Tiefpunkt war 1955 erreicht", erklärt Manfred Reinhardt vom Verein für Schäfergeschichte. Dann kamen die Gastarbeiter - und mit ihnen stieg der Absatz von Lammfleisch. Da das Fleisch nur ein Nebenprodukt der Wollproduktion war, gibt es wenig regionale Produkttradition.

"Es gibt kein traditionelles Lamm-Rezept auf der Alb", sagt Ulrich Rothweiler, Geschäftsführer der baden-württembergischen Lammfleisch-Erzeugergemeinschaft. Allmählich aber haben Gastronomen der Region auf der Suche nach einem eigenem Profil das "Württemberger Lamm" der Erzeugergemeinschaft oder direkt vermarktetes Fleisch entdeckt.

Viele Schäfer haben dennoch längst aufgegeben. Andere haben kaum in den Betrieb investiert, das stellt auch ein Leitfaden fest, den nun das Landwirtschaftsministerium vorgelegt hat. Die Fördergelder vor allem zur Landschaftspflege sind ein wichtiges Standbein der Schäfer. Es sind die Schafe, die die Kalkmagerrasen offen halten - insbesondere im Biosphärengebiet Schwäbische Alb, das sich zum Schutz dieser Flächen verpflichtet hat. Deshalb will das Landwirtschaftsministerium die Schäferei, gerade die schwächelnde Wanderschäferei, wieder stärken.

Der Leitfaden schlägt Betriebsformen vor, die sich auf die Pflege abgelegener oder steiler Alb-Weiden spezialisieren, ohne Fleisch und Wolle produzieren zu müssen. Dafür reichen Herden robuster Schafe, die kaum von Tierseuchen betroffen sind. Wie die Tiere von Barbara Zeppenfeld. Die Umweltpädagogin betreibt eine "Archeschäferei" mit den bedrohten Rassen Waldschaf und Krainer Steinschaf. "Mir geht es um Biodiversität und optische Vielfalt", sagt Zeppenfeld. Ein Anliegen, das auch das Biosphärengebiet verfolgt. Schafe transportieren durch Fell, Klauen und Kot Samen und Kleinlebewesen von Weide zu Weide. Zudem verhindern sie das Verbuschen. "In der Landschaftspflege sind Waldschafe super", sagt Zeppenfeld. Herden als lebende Rasenmäher für eine Kulturlandschaft - auch das ist eine Perspektive für die Schäferei auf der Alb.

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