Die neue Heimat auf der Alb

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Gemeinsam Zeit verbringen: das junge syrische Ehepaar Nada und Habib Azank mit Margret und Karl Hirning.    Foto: 

Die Stufen der steilen Holztreppe knarren unter den Schritten von Karl Hirning und Nada und Habib Azank. Die Decke der Wohnung in Laichingen ist niedrig, wie es in alten Bauernhäusern üblich ist.

„Wir konnten das Haus renovieren“, erzählt Hirning und setzt sich in einen Ohrensessel. „Mit Nada und Habib ist wieder Leben herein gekommen. Wir haben wunderschöne Gespräche, und ich freue mich, dass sie hier bei uns sind.” Das junge syrische Paar sitzt ihm gegenüber auf dem Sofa und lächelt ihn an.

Im Jahr 2015 kamen die 28-jährige Nada und der 30-jährige Habib in Deutschland an. Wie viele ihrer Landsleute flohen sie vor dem Bürgerkrieg in Syrien und kamen zu einer Zeit in Deutschland an, wo in der Politik und in den Medien die Wörter  „Flüchtlingskrise“ und „Flüchtlingswelle“ nahezu täglich benutzt wurden, zu einer Zeit, in der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihren mittlerweile berühmten Satz „Wir schaffen das“ sagte. Laut Bundesinnenministerium kamen 2015 rund 890 000 Geflüchtete nach Deutschland. Angesichts Merkels Aussage fragten viele: Schaffen wir das wirklich? Und gelingt die Integration?

Zusammen leben

„Auch ich kann mir manchmal schwer vorstellen, wie mögliche Probleme in der Zukunft bewältigt werden können“, sagt Hirning. „Ich bin froh, dass ich kein Politiker bin und Entscheidungen treffen muss.“ Der ehemalige Realschullehrer engagiert sich in Laichingen auf der Alb im Helferkreis „Laichingen für Menschen auf der Flucht und in Not“, der im Oktober 2015 gegründet wurde. Wie viele andere Städte und Gemeinden musste Laichingen mit seinen rund 11 000 Einwohnern Flüchtlinge aufnehmen, ihnen Unterkünfte und eine Versorgung bieten. Karl Hirning und seine Frau Margret gingen einen Schritt weiter: Sie nahmen Nada und Habib sowie ein weiteres ­syrisches Ehepaar bei sich im Haus auf.

„Wir konnten uns bei ihnen vorstellen, gemeinsam unter einem Dach zu leben”, erzählt Hirning. Seit April 2016 leben Nada und Habib bei den Hirnings und scheinen angekommen zu sein: Sie besuchen beide den Integrationskurs, haben sich in der Stadt eingelebt. „Wir kennen unsere Nachbarn“, erzählt Nada nicht ganz ohne Stolz. „Wir gehen mit den anderen Flüchtlingen und den Helfern grillen, und ich helfe bei Übersetzungen, wenn jemand zum Arzt muss oder sein Kind im Kindergarten registrieren lassen will.“ Die Gegend erinnere sie ein bisschen an ihre alte Heimat, „nur das Meer fehlt“, sagt Nada mit einem Lachen. Habib, der in Ulm eine Ausbildung zum Fachinformatiker macht, findet nur das Pendeln anstrengend, und die Sprache sei für sie beide auch noch schwierig. Aber: „Wir sind glücklich in Laichingen.“

Engagement in der Stadt

Etwa 199 Geflüchtete hat die Stadt Lachingen bis Juli des vergangenen Jahres aufgenommen, weitere wurden danach nicht mehr zugeteilt. Kurt Wörner, Koordinator des Helferkreises, und etwa 50 bis 60 Ehrenamtliche kümmern sich um die neuen Mitbürger. Unter anderem bieten sie ein Asylcafé an, wo sich alte und neue Laichinger treffen und kennen lernen können. Es seien wertvolle Freundschaften zwischen den Geflüchteten und den Helfern entstanden, aber natürlich komme es auch manchmal zu Konflikten untereinander.  „Die entstehen sowohl unter den Ehrenamtlichen als auch unter den Flüchtlingen selbst“, sagt Wörner. Wie überall eben, wo Menschen aufeinander treffen und miteinander arbeiten.

Wörner und die anderen Ehrenamtlichen sehen die Flüchtlinge als Bereicherung für die Gemeinde. Wie die Sicht der restlichen Bewohner in Laichingen bezüglich der Flüchtlinge ist, können sie nur erahnen. Doch bisher haben sie kaum negative Rückmeldungen oder Kommentare mitbekommen. Was die Zukunft bringen wird, vermögen sie nicht zu sagen. „Es gibt Flüchtlinge, die ein Interesse daran haben, sich zu integrieren und hier anzukommen“, sagt Wörner. „Andere nicht. Vielleicht haben sie keine Vorstellung, wie es weitergehen soll, vielleicht fehlt ihnen dazu auch die Kraft.“

Durch die neuen Mitbürger wird sich mehr verändern, als es beispielsweise bei der Zuwanderung der Russlanddeutschen der Fall war, ist sich Hirning sicher. Er hatte sich schon damals um die Zuwanderer gekümmert. Die Russlanddeutschen hätten ähnlich gelebt wie die Einheimischen, hatten die gleiche Religion wie ihre Großeltern. Diese Veränderungen und den Wandel, der mit den heutigen Flüchtlingen einhergehen wird, sieht Hirning als Herausforderung. Dennoch: „Die zwischenmenschlichen Beziehungen können uns sehr, sehr viel geben.“

Laut UNHCR, dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, gab es im Jahr 2015 weltweit rund 63,5 Millionen Menschen, die aus ihrem Zuhause vertrieben wurden. Rund 21,3 Millionen von ihnen galten dabei als Flüchtlinge. Sie erhalten ­einen besonderen Schutz durch die Genfer Flüchtlingskonvention. Etwa 3,2 Millionen Geflüchtete ­haben Asylanträge in den Ländern gestellt, in die sie geflohen sind. In Deutschland wurden laut dem Bundesamt für Migration (BAMF) 2015 insgesamt 476 649 Asylanträge gestellt, 2016 waren es 745 545. Ein großer Teil der Antragsteller war bereits 2015 eingereist. Viele von ihnen konnten aber wegen der Überlastung des BAMF nicht sofort einen Antrag stellen.

Hierzulande regelt der „Königsteiner Schlüssel“ die Verteilung der Flüchtlinge auf die Bundesländer. Nach der Verteilungsquote nehmen Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg die meisten auf. In Baden-Württemberg regelt ein dreigliedriges Aufnahmesystem die Unterbringung: Asylbewerber kommen zunächst in die Landeserstaufnahmestellen, die LEAs. Anschließend werden sie auf die sogenannten „unteren Aufnahmebehörden“, das heißt die Stadt- und Landkreise aufgeteilt. Nach dem Ende der vorläufigen Unterbringung werden sie auf die Gemeinden verteilt. lema

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