Die Nachfrage nach islamischen Krankenhaus-Seelsorgern steigt

In den Kliniken werden Christen von Seelsorgern ihrer Religion betreut. Das seelsorgerliche Angebot für die 650 000 Muslime im Land ist dagegen unzureichend. Das soll sich in den nächsten Jahren ändern.

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Im Krankenhaus zu liegen, ist selten angenehm. Für Patienten mit schwerer Erkrankung oder gar geringer Lebensperspektive ist es oft sehr belastend. Darin dürften sich Christen und Muslime nicht unterscheiden. Auch darin nicht, dass es gut tut, über das zu reden, was belastet: über die Angst, nicht mehr gesund zu werden, das Sterben und den Tod. Familienangehörige sind dafür nicht immer die geeigneten Gesprächspartner. Deshalb gibt es in vielen Kliniken des Landes für Patienten mit christlichem Hintergrund einen seelsorgerlichen Beistand ihrer Religion.

Für muslimische Patienten gab es im Land lange kein Angebot. Erst seit einem Jahr gibt es in der Metropol-Region Rhein-Neckar 19 islamische Krankenhaus-Seelsorger, die in 21 Krankenhäusern ehrenamtlich tätig sind. Und das mit Erfolg. Die Nachfrage unter den 650 000 Muslimen im ganzen Land steigt. Deshalb startet das Mannheimer Institut für Integration und interreligiösen Dialog Ende September einen neuen Ausbildungsgang für die Region Bodensee/Oberschwaben.

Es ist erst der zweite Kurs, der nach dem Konzept des Mannheimer Instituts angeboten wird. Der erste lief von Januar bis Juni 2012. Die heute 37-jährige Hatice Demirtas war mit dabei. Sie ist Türkin kurdischer Abstammung und hat, bis sie Mutter wurde, als Arzthelferin gearbeitet. Schon vor ihrer Ausbildung wurde sie immer wieder von Familienangehörigen, Freunden und Bekannten zur Seelsorge gerufen. Sie hat lange nach einer Möglichkeit gesucht, dafür eine Ausbildung zu machen. Das Angebot des Mannheimer Instituts kam ihr daher gerade recht.

Seit einem Jahr ist sie im Klinikum Ludwigshafen tätig. Wie alle anderen Seelsorger, die die Ausbildung gemacht haben, ist sie einer Klinik fest zugeordnet. "Zwei bis drei Mal pro Woche bin ich im Krankenhaus und besuche muslimische Patienten", sagt sie. Oft werde sie aber auch von der Klinik gerufen, wenn ein Patient dringend seelischen Beistand benötige.

Dort, am Krankenbett, gehe es oft darum, aus dem Koran zu lesen und religiöse Fragen zu beantworten. "Deshalb sollte man sich im Islam gut auskennen." Dabei macht sie keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Strömungen wie Sunniten, Aleviten und Schiiten. "Bei mir steht der Mensch an erster Stelle." Wenn sie Patienten in den Tod begleitet, was sie manchmal selbst belastet, verarbeitet sie das mit ihrem Glauben und Gebeten. "Ich habe aber auch immer wieder ganz tolle Gespräche. Die motivieren mich, weiterzumachen." Ans Aufhören hat sie noch nie gedacht.

Das kommt auch für Yalcin Tekinoglu nicht in Frage. Sein Einsatzort ist die Thorax-Klinik in Heidelberg. Der 29-jährige ist Deutscher mit türkischen Wurzeln, und er liebt sein Ehrenamt. So sehr, dass er immer wieder auch islamische Patienten anspricht, die ihn nicht gerufen haben. "Ich mag Menschen und kann mein Mitgefühl gut ausdrücken." Noch nie hat er es erlebt, dass ein Patient ein Gespräch mit ihm abgelehnt hat. Bei belastenden Erlebnissen tauscht er sich mit anderen Seelsorgern aus. Die sind untereinander gut vernetzt.

Spätestens im Frühjahr/Sommer 2014 sollen auch die neuen Seelsorger für den Bodensee und Oberschwaben im Einsatz sein. Nach Ansicht von Alfred E. Miess wird auf sie schon gewartet. Miess ist im Mannheimer Institut für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und weiß um den Bedarf. Auch deshalb, weil er bei den Kliniken den Bedarf abfragt. 160 islamische Krankenhaus-Seelsorger müsse es geben, damit sie flächendeckend im Einsatz sein könnten, sagt er. Um das Ziel zu erreichen, werden nach der Ausbildung in Sigmaringen Kurse für die Regionen Villingen-Schwenningen/Freiburg, Stuttgart und Ulm angeboten. Weiterer Bedarf besteht in der Notfall- und in der Gefängnis-Seelsorge. Diese Ausbildungen sollen als Ergänzung zum Grundkurs angeboten werden.

Das Land unterstützt das Vorhaben des Mannheimer Instituts - sowohl ideell als auch finanziell. Für das Projekt Bodensee-Region schießt das Integrationsministerium knapp 47 000 Euro zu.

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