Die historische Klosterstadt bei Meßkirch wächst

Im Wald bei Meßkirch soll eine karolingische Klosterstadt stehen, gebaut nur mit den Werkzeugen des Mittelalters. Das Projekt wurde nach holprigem Start schon totgesagt - nun kommen immer mehr Besucher.

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Die Frau in einem derben hellen Leinenkleid zieht einen Holzkarren mit gefüllten Wasserfässern über den holprigen Weg. Hinten schieben zwar zwei Helfer, trotzdem ist zu sehen, dass die Arbeit mühsam ist. Gleich am Beginn des Rundwegs durch den "Campus Galli" baut Nikolai Feldbusch Zäune für die Tiere der Stadt. Jede Holzstrebe muss er sich von Hand zurechthobeln. Neben dem Marktplatz schlagen kräftige Männer mit selbst gebauten Äxten und vollem Körpereinsatz aus rohen Baumstämmen Balken für die Kapelle. "Warum haben die keine Maschinen?", fragt ein Kind. Antwort: weil es im Mittelalter keine Maschinen gab.

Weil alles historisch korrekt ablaufen soll, arbeiten die etwa 35 Handwerker auf der Baustelle der mittelalterlichen Klosterstadt "Campus Galli" in einem Wald bei Meßkirch (Kreis Sigmaringen) nur mit Werkzeugen und Hilfsmitteln, die selbst nach Art des Mittelalters hergestellt wurden. Das gilt - abgesehen von vorgeschriebenen Dingen wie Helmen und Schutzbrillen - auch für die Kleidung. 25 der Handwerker sind fest angestellt, haben ihren Arbeitsplatz auf dem Gelände. Alle anderen arbeiten freiwillig mit. Jeden Tag tauchen sie aus dem 21. Jahrhundert ins Mittelalter ein. Was "historisch korrekt" ist, werde aus verschiedenen Quellen bezogen, sagt Hannes Napierala, Geschäftsführer des Vereins "Karolingische Klosterstadt Meßkirch". Der Verein ist Träger des Projekts. Es wird von einem wissenschaftlichen Beirat beraten und von Forschern begleitet. Das Ziel ist, in 40 oder auch 50 Jahren mit den Mitteln, die den Menschen im 9. Jahrhundert zur Verfügung standen, eine mittelalterliche Klosterstadt zu bauen. Grundlage für den Bau ist der weltberühmte Klosterplan von St. Gallen, den Mönche vor knapp 1200 Jahren auf der Insel Reichenau gezeichnet hatten. Es ist der Plan einer idealen Klosterstadt, der nie umgesetzt wurde - bis jetzt.

Initiator des Projekts und Vorsitzender des Vereins ist Bert M. Geurten aus Aachen. Er sah 2005 eine Dokumentation über das Burgbau-Projekt in Guédelon im Burgund. Dort wird seit 1997 nur mit Techniken des 13. Jahrhunderts an einer Burg gebaut. Die Fertigstellung ist für 2023 angepeilt. Das Projekt inspirierte Geurten, den St. Gallener Klosterplan umzusetzen. Die Suche nach einem Platz für die Baustelle war schwierig. In Meßkirch wurde er fündig. Doch auch dort war der Gemeinderat skeptisch. Erst ein Besuch der Baustelle in Guédelon konnte die Zweifler überzeugen.

Der Baubetrieb an der Klosterstadt begann im Juni 2013 - und hatte einen holprigen Start. Die in der ersten Saison erwarteten 30.000 Besucher kamen nicht. Es waren nur 13.000 zahlende Gäste, der Steuerzahlerbund übte heftige Kritik, sprach von einem "finanziellen Desaster", das der Stadt dauerhaft drohe. "Im Nachgang muss ich sagen, wir waren etwas blauäugig", sagt Meßkirchs Bürgermeister Arne Zwick. Es sei nicht bedacht worden, dass die Arbeiten langsam vorangehen. Da im ersten Jahr noch nicht viel zu sehen war, blieben die Besucher aus. Der Betriebskostenzuschuss für 2013 wuchs auf über 240.000 Euro. Für 2014 genehmigt der Gemeinderat 354.000 Euro. Für 2015 wurde der Zuschuss bei 300.000 Euro gedeckelt, "die wir wahrscheinlich auch voll brauchen werden", sagt Napierala. Von 2018 an soll sich das Projekt über Eintrittsgelder und Sponsoren selbst tragen. Die Mehrheit der Meßkircher sei stolz auf das Projekt, sagt Napierala. "Wir sind auf einem guten Weg", sagt auch Zwick.

Das zeigt sich auch an den Besucherzahlen. Bis zum 18. August waren 29.000 Gäste auf dem Gelände. "Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Plus von 33 Prozent", sagt Napierala. Das Ziel für diese Saison sind 45.000. Die erleben tatsächlich eine Zeitreise, die nichts mit Show zu tun hat. An den 22 Werkstätten und Gewerken wird real gearbeitet, damit die Klosterstadt wächst. "Der Schindelmacher muss für diese Saison 20.000 Schindeln liefern", sagt Napierala. 11.000 habe er schon. Den Rest müsse er bis zum Ende der Saison fertig haben.

Ebenso arbeitet Nikolai Feldbusch Aufträge ab. Seine Zäune werden für die Ställe der Schweine, Ziegen und Schafe gebraucht. Der Schmied schmiedet das Eisen für die Äxte, die auf dem Abbundplatz zum Einsatz kommen. Dort werden die Balken für die Holzkirche geschlagen. Die ist nichts im Vergleich zu der Klosterkirche. "Die wird 70 Meter lang", sagt Napierala. Mit deren Bau werde aber frühestens in zehn Jahren begonnen.

Die Drechslerin drechselt an einer Wippbogenbank einen Holzhammer zurecht. Vor allem männliche Besucher geben ihr Ratschläge, die sie gelassen ignoriert. Die Frau arbeitet freiwillig mit. Das wünscht sich der 75-jährige Manfred Wagner aus dem Südschwarzwald. Er ist mit seiner 81-jährigen Frau auf dem Gelände und kann sich nicht sattsehen, würde am liebsten mit anpacken. Auch Kerstin und Jens Lowinger aus Karlsruhe sind fasziniert von dem, was sie sehen. "Hier geht es um den Prozess der Entstehung, nicht um den Endzustand", sagt er. Dabei zu sein, wenn Menschen wie im Mittelalter leben und arbeiten, findet er spannend.

Vor der Holzkirche, die bislang nur aus Balken besteht, stellt sich die Frage, wie die Balken, von denen jeder eine Tonne wiegt, in vier Meter Höhe gebracht wurden. "Das meiste machen wir mit Ochsen. Wenn die nicht mehr können, arbeiten wir mit zwei Kaltblütern aus der Nachbarschaft", sagt Napierala. Bei den Dachbalken war die Lösung, die für viele Probleme gilt: Mehr Menschen müssen mit anpacken.

Öffnungszeiten und Preise

Montags geschlossen Die Baustelle für die Klosterstadt "Campus Galli" bei Meßkirch ist noch bis 1. November geöffnet, jeweils von 10 bis 18 Uhr, montags ist geschlossen; zwischen 13 und 14 Uhr machen die Handwerker Pause. Die Winterpause endet am 1. April. Erwachsene zahlen 9 Euro Eintritt, Schüler ab 16 Jahren 7 Euro, Kinder bis 16 Jahre 6 Euro, für Kinder bis 6 Jahre ist der Eintritt frei. Führungen werden auch in Englisch, Französisch und Russisch angeboten. Mehr Infos unter: www.campus-galli.de

 

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