Der Schienenbieger von Affaltrach

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Jens Schöpchen aus Obersulm-Affaltrach sammelt Feldbahnen. Foto: Hans Georg Frank  Foto: 

Lotte weiß noch nicht wirklich etwas von ihrem ungewöhnlichen Besitz. Gewiss, das zwei Jahre alte Mädchen möchte – nach „Mama“ und „Papa“ – schon „Lok“ und „Feldbahn“ sagen. Aber dass dem Kind eine dieser Lokomotiven tatsächlich gehört, wird ihm wohl erst in ein paar Jahren bewusst. Jens Schöpchen (33), der Vater, hat sich nämlich eines einfachen Tricks bedient, um seine Sammlung schienengebundener Transportfahrzeuge zu erweitern. Weil seine Frau nach dem Erwerb von drei Loks die Notbremse gezogen hat, hat der Gatte die nächste Neuanschaffung eben der kleinen Tochter übereignet.

Auf einer 1000 Quadratmeter großen Wiese in Obersulm-Affaltrach bei Heilbronn hat Schöpchen alles vereint, was er innerhalb der vergangenen sieben Jahre zusammengetragen hat: Vier Diesel-Lokomotiven (davon drei betriebsfähig), 41 unterschiedliche Loren (so heißen die Frachtwaggons), 300 Meter Schienenmaterial. Eines schönen, hoffentlich nicht allzu fernen Tages möchte der Feldbahn-Fachmann seine Schmalspur-Schätze der Öffentlichkeit präsentieren und selbige auch mitfahren lassen. „Das Interesse ist schon sehr groß“, sagt er. Aber bedauerlicherweise verfügt er noch nicht über die geeignete Ausstellungs- und Aktionsfläche. Jetzt gleicht das Grundstück eher einem Schrottplatz.

Als Knirps eine Märklin

Der Anlagenmechaniker für Sanitär- und Heizungstechnik, so heißen Installateure neuerdings, hat als kleiner Knirps natürlich auch eine Modelleisenbahn bekommen. Als Sechsjähriger konnte er sich an einer H 0 von Märklin erfreuen, „das war damals okay“, erinnert er sich. Doch die Begeisterung dauerte nicht lang. Erst als Erwachsener wandte er sich wieder den Schienen zu, besorgte eine Gartenbahn der ­Spurweite 45 Millimeter. Aber damit kam wenig Freude auf: „Das Ding stellt man auf, dann ist es fertig, ich möchte aber richtig schaffen.“

Durch Zufall entdeckte er, was seiner Vorstellung von einem sinnvollen Hobby entspricht – Feldbahnen. Auf sechzig Zentimeter breiten Schienen ziehen sehr übersichtliche Loks eine ­Reihe von Wagen, die für allerlei Frachten gedacht sind, vom ­Erdaushub bis zum Kraftstoff. Diese simplen Züge müssen von einer Person bedient werden können. „Feldbahnen werden nur zeitlich befristet aufgebaut, wenn die Arbeit erledigt ist, baut man sie wieder ab“, erklärt Experte Schöpchen. Bei der Suche wurde er fündig in einem Torfwerk bei Bremen, wo die Diema DL 6, Baujahr 1960, nicht mehr benötigt wurde. Seine Schöma LO 10, Baujahr 1958, leistete gute Dienste beim Straßenbau. Die Deutz OME, Baujahr 1943, hat bei einem Bauunternehmer in Bochum ausgemustert.

Jens Schöpchen legt keinerlei Wert auf Perfektion und Glanz. Meist sei das Material in schlechtem Zustand, freut er sich, „Motor fest, Getriebe fest, fast Totalschaden“. Dann kann er schrauben, viel schrauben, komplett überholen. Der Installateur verfügt über das notwendige praktische Geschick. Deshalb entstand auch ein besonderer Eigenbau – ein Gleisbiegegerät. Mit Hilfe einer großen Spindel verwandelt er gerade Schienen in Kurven. Das ist echte Schwerstarbeit. „Manchmal wäre es gut, wenn man zu zweit wäre“, deutet der Einzelkämpfer an.

Jagd nach einem Hunt

Wenn er nicht installiert oder biegt oder schraubt, dann ist Jens Schöpchen unterwegs auf der Jagd nach einer Lore oder einem Hunt, wie Bergleute zu offenen, kastenförmigen Förderwagen sagen. Sein letzter Beutezug führte ihn nach Tschechien, wo er in einem Tonwerk zwei ausrangierte Kipploren ergatterte. Stückpreis 110 Euro, ein echtes Schnäppchen: „In Deutschland hätte ich bestimmt das Drei- bis Fünffache zahlen müssen.“

Dank des angerosteten Nachschubs kann Jens Schöpchen weiter schrauben. „Ob Schnee und Eis oder über 35 Grad im Schatten, ich lasse mich durch nichts abhalten“, sagt er. Allerdings gibt es doch einen Grund, die Finger zu lassen von Hebeln und Gleisbiegegerät – Lotte, die Lokbesitzerin, hat höchste Priorität.

Feldbahnen waren ­ursprünglich nicht für die Beförderung von Personen gedacht. Diese kleinen Züge sind konzipiert worden für den Transport in der Land- und Forstwirtschaft, ebenso werden sie eingesetzt beim Torfabbau, in Ziegeleien und auf großflächigen Baustellen. Wenn die Aufgabe erledigt ist, werden die Schienen demontiert. Als äußerst nützlich erwiesen sich Feldbahnen beim Abtransport der Trümmer aus bombardierten Städten nach dem Zweiten Weltkrieg.

Heute müssen Feldbahnen mit ihren Dieselloks oft Lastwagen und Förderbänder das Feld überlassen. Für drei Halligen im nordfriesischen Wattenmeer erledigen sie noch zuverlässig
die Versorgung der Bewohner, die damit auch selber zum Festland fahren dürfen. Für Touristen ist ein solch anachronistisch anmutendes Verkehrsmittel eine Attraktion beispielsweise im Wurzacher Ried. Ein Kultur- und Heimatpflegeverein organisiert dort Fahrten mit einer früheren Torfbahn.  hgf

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