Der Neckar als Erlebnisraum

Die Bundesgartenschau 2019 verhilft Heilbronn und seinem Schicksalsfluss schon jetzt zu mehr Lebensqualität. Der Neckar ist beliebter Schauplatz vieler Aktivitäten, die nach und nach erweitert werden.

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Der Neckar ist in Heilbronn zur populären "party location" geworden, hier feiert auch manche Braut mit ihren Freundinnen den fröhlichen Abschied vom Single-Dasein. Auf speziellen Booten lässt sich sogar grillen. Foto: Hans Georg Frank

Berthold Stückle hat fast ein halbes Jahrhundert für einen Besuch in Heilbronn nicht einmal einen einzigen Grund finden können. Jetzt wohnt der Ulmer in der Stadt, direkt am Neckar, und kommt bei seinen Erkundungstouren aus dem Staunen nicht heraus. "Die Lebensqualität finde ich sehr gut", sagt er, "man sieht, dass Geld in der Stadt ist." Vor allem der Bereich auf beiden Seiten des Neckarufers hat es ihm angetan. "Man sitzt hier abends einfach toll und genießt ein Glas Wein." Dabei vergleich er Heilbronn mit seiner Heimatstadt: "Auf der gesamten Länge der Donau in Ulm gibt es kein Lokal am Fluss."

Stückle betrachtet Heilbronn auch mit den Augen des Profis - er ist Projektmanager der Bundesgartenschau, die der Stadt 2019 zu noch mehr Lebensqualität, zu ungleich höherem Bekanntheitsgrad verhelfen soll. Für diese prestigeträchtige "Buga" - so das populär gewordene Kürzel - ist schon jetzt eine derartige Aufbruchstimmung spür- und sichtbar, dass nicht nur Fremde oder gerade erst Zugezogene sich wundern über eine Fülle an Ideen, die mit einer nicht für möglich gehaltenen Begeisterung und Zielstrebigkeit in die Tat umgesetzt werden. Selbst notorische Nörgler und beständige Bruddler - davon gibt es im Unterland sehr viele - sehen Heilbronn auf dem direkten Weg zur Vorzeigestadt.

Diese Entwicklung ist vor allem dem Neckar zu verdanken. Dieser "Schicksalsfluss der Stadt" hat stark zum Wohlstand beigetragen, seit 1333 ein kaiserliches Privileg den Aufstieg zum reichen Hafen ermöglichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der damit verbundenen weitgehenden Zerstörung des Zentrums schien der Neckar jedoch in Vergessenheit geraten zu sein. Zwar wurde jahrzehntelang darüber nachgedacht, wie der Altarm des kanalisierten Schifffahrtsweges in den Alltag integriert werden kann, aber getan hat sich nur wenig. 1992 empfahlen Schweizer Experten in einem 200-seitigen Gutachten, aus städtebaulicher Sicht "sollte der Neckar als Lebensader der Stadt zu einem Erlebnisraum gemacht werden".

Dieser "Erlebnisraum" ist inzwischen tatsächlich zu besichtigen - und zu erleben. Am Ufer ankert seit 1995 nicht nur ein Theaterschiff, es haben sich auch unterschiedlichste Möglichkeiten zur Einkehr etabliert. Autos wurden verdrängt, dafür finden Fußgänger und Radler die seit langem gewünschte Gastro-Meile, vom edlen Restaurant bis zum rummeligen Biergarten. Mit den "Neckarterrassen" wurde ein Platz geschaffen, der sich auf vielfältige Weise bespielen lässt - nachdem die Trinkerszene vergrämt worden ist. Mit dem modernen Science Center "Experimenta" hat der Uferbereich eine Aufwertung mit überregionaler Magnetwirkung erfahren. Dieses Wissenschaftszentrum ist derart beliebt, dass soeben eine geradezu gigantisch anmutende Vergrößerung beschlossen wurde, bezahlt vom großzügigsten Ehrenbürger und dessen Stiftung.

Als Oberbürgermeister von Neckarsulm ist Joachim Scholz ein kritisch-kompetenter Beobachter der Heilbronner Umtriebe und mithin jeglichen Lokalpatriotismus unverdächtig. Was er bei Abstechern zum großen Nachbarn gerade am Neckar entdeckt, entlockt ihm nur Lob: "Ich bin angetan." Er spricht von einer "neuen Aufenthaltsqualität", sieht in Heilbronn gar "eine der Großstädte mit dem größten Entwicklungspotenzial". Scholz ist sicher, dass die Stadt vor allem dank der Bundesgartenschau "gewaltige Schritte nach vorne machen" wird, "was begonnen wurde, ist der richtige Weg".

Hanspeter Faas hält die Fäden für die "Buga" in der Hand. Der Memminger hat bei über einem Dutzend Gartenschauen Regie geführt, ist mit diesem Job schon viel herumgekommen in der Republik. Was ihn seit Sommer 2012 in Heilbronn erfreut, ist "eine unglaubliche Aufbruchstimmung", eine "ganz einmalige Lebensqualität" entlang des Neckars. Sehr gut gefallen ihm die Lokale mit ihrem "ganz sympathischen Improvisationscharakter".

Der Fluss spielt denn auch bei den Plänen für das nationale Prestigeprojekt eine wichtige Rolle. Der Neckar als Erlebnisraum wird von 2,6 Kilometer um 1,9 Kilometer verlängert. In einem neuen Stadtteil sollen sogar ein See und Jachthafen entstehen.

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