Der Mössinger Aufstand

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler rufen Kommunisten die Deutschen zum Generalstreik auf. Rund 1000 Menschen in einem Dorf nahe Tübingen machen mit.

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  • Die Trommel der Mössinger Antifaschistischen Aktion zählt zu den Wahrzeichen des Mössinger Generalstreiks. Als Protestak­tion gegen Hitler hatte die KPD zum Streik aufgerufen. 1/3
    Die Trommel der Mössinger Antifaschistischen Aktion zählt zu den Wahrzeichen des Mössinger Generalstreiks. Als Protestak­tion gegen Hitler hatte die KPD zum Streik aufgerufen. Foto: 
  • Einer der Streikführer: Jakob Stotz.  2/3
    Einer der Streikführer: Jakob Stotz. Foto: 
  • Fritz Wandel büßte sehr für den Streik.   3/3
    Fritz Wandel büßte sehr für den Streik.   Foto: 
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Dass der Generalstreik wohl scheitert, ist in Mössingen vielen Teilnehmern schon klar, als sie sich am 31. Januar 1933 um 12 Uhr, an der Langgass-Turnhalle versammeln. „Also, wir gehen, aber das führt nicht zum Erfolg. So etwas muss in Berlin und anderswo stattfinden“, aber nicht in einem Dorf mit 4000 Einwohnern, zitiert Teilnehmer Wilhelm Essich viele Jahre später in einem TV-Gespräch August Nill, 1933 Ortsvorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) im Nachbardorf Nehren.

Die KPD hat mit Flugblättern deutschlandweit zu der Aktion aufgerufen, als Antwort auf die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler einen Tag zuvor. Die Kommunisten hoffen, so Hitler noch niederzuringen. Schließlich hatte ein Generalstreik 1920 schon gegen den rechten „Lüttwitz-Kapp-Putsch“ gewirkt. Doch das breite gesellschaftliche und politische Anti-Putsch-Bündnis gibt es 1933 nicht.

Mit drei roten Fahnen und dem Transparent „Heraus zum Massenstreik“ vorneweg ziehen die selbstbewussten Mössinger Linken los. Das erste Ziel nach der Turnhalle ist die Mechanische Weberei Pausa. Erst sind die Beschäftigten noch unentschlossen, aber nach einer Rede des KPD-Unterbezirkschefs Fritz Wandel aus Reutlingen spricht sich eine Mehrheit für einen Streik aus. Die jüdischen Besitzer Artur und Felix Löwenstein, sie werden 1936 vor den Nazis ins Ausland fliehen, geben daraufhin der Belegschaft frei.

Um Polizeischutz gebeten

Weiter geht es zur Trikotwarenfabrik Merz. Es dürfte „13.45 Uhr gewesen sein, als ein Demonstrationszug in Stärke von 800 bis 1000 Mann gegen mein Anwesen zog“, sagt Inhaber Otto Merz später der Polizei. Die Streikenden stellen die Motoren ab und legen den Betrieb still. Beschäftigte, die nicht streiken wollen, und das sind die meisten, werden teilweise gewaltsam an ihrer Arbeit gehindert. Zu schweren Verletzungen kommt es nicht. Merz telefoniert derweil. Er warnt die Firmenleitung der Mössinger Buntweberei Burkhardt. Er wendet sich an den Landrat in Rottenburg und bittet um polizeilichen Schutz. Der Landrat verspricht, Hilfe in das 20 Kilometer südlich von Tübingen gelegene Mössingen zu schicken.

Gegen 15.30 Uhr erreicht der Streikzug die Buntweberei Burkhardt. Die Fabriktore sind verschlossen. Einige Teilnehmer versuchen, sie gewaltsam aufzubrechen, aber die Streikleitung unterbindet das. Man wolle lieber zur Turnhalle zurückkehren. Auf dem Weg dorthin warten aber schon Polizisten in der Bahnhofstraße. Der Zug löst sich schnell auf.

Die Bestrafung folgt.  98 Teilnehmer werden angeklagt, 92 wegen „erschwertem Landfriedensbruch“, die sechs „Rädelsführer“ wegen „Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit erschwertem Landfriedensbruch“. 80 werden verurteilt.

Als Spitzel missbraucht

Fritz Wandel erhält im Oktober 1933 mit viereinhalb Jahre Haft die schwerste Strafe. Die Tortur beginnt für ihn aber erst danach. Statt bald freigelassen zu werden, bringt man ihn 1937 erst ins Schutzhaftlager Welzheim und fünf Monate später ins KZ Dachau. Nur dank großer Kameradschaft unter den politischen Häftlingen hält er durch. Für kurze Zeit sieht er 1943 seine Familie wieder, aber nur weil die Gestapo ihn als Spitzel missbrauchen will. Er speist sie solange mit Lügen ab, bis es auffällt, und er 1944 ins „Bewährungsbataillon 999“ gesteckt wird. Schwer verwundet gerät er am Ende in Prag in russische Gefangenschaft.

Trotz aller Pein ist Wandel auf Ausgleich aus, als er 1945 nach Reutlingen zurückkehrt. Er wird als Stellvertreter des Oberbürgermeisters mithelfen, die Stadt wiederaufzubauen.

Wie Wandel zeigt sich auch ein anderer „Rädelsführer“ versöhnlich. Jakob Stotz, der 1933 zu zweieinhalb Jahren verurteilt worden war. Er ist bis Ende 1948 stell­vertretender Bürgermeister in Mössingen, setzt sich sogar für einstige NS-Verantwortliche ein und engagiert sich bis 1955 als Vertreter der KPD, die ein Jahr später verboten wird, im Gemeinderat.

Stotz‘ Beispiel zeugt aber auch davon, wie schwer sich die Gemeinde mit der Ehrung des Widerstands gegen Hitler lange Zeit getan hat. Meistens wurde über das Thema einfach geschwiegen. „1974 bekam Stotz die Bürgermedaille verliehen“, sagt Franziska Blum, Leiterin für Museum und Archiv der Stadt Mössingen, „allerdings nur für seine Verdienste nach dem Krieg, sein Widerstand als Streikführer gegen Hitler wurde nicht erwähnt“.

Eine breite öffentliche Diskussion entsteht erst ab 1982, als das Buch „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ über die Mössinger Aktion erscheint, das aus einem Studienprojekt der Uni Tübingen hervorgegangen ist. Medienberichte folgen, rund 10.000 Menschen versammeln sich 1983 zum 50. Jahrestag des Streiks vor der Langgass-Turnhalle.

Abgeschlossen ist die Aufarbeitung aber bis heute nicht, das zeigen die hitzigen Diskussionen, als der 80. Jahrestag 2013 ansteht und die Aufführung des Theaterstücks „Ein Dorf im Widerstand“, bei dem viele Mössinger mitspielen.  In Zentrum des Disputs ist stets die Frage: Darf man Kommunisten ehren, die doch auch der Weimarer Republik feindlich gesinnt waren?

Franz Xaver Ott, der Autor des  Stücks, hat dazu eine klare Meinung. Es ist doch Stand der Forschung, sagt er, dass, egal aus welcher Richtung ein Widerstand gegen Hitler und seine Gefolgsleute stattgefunden hat, „er wertgeschätzt und gutgeheißen werden muss“. Das Mittel des Generalstreiks hätte durchaus funktionieren können. Aber die Mössinger seien leider allein geblieben.

Forsch, aber gerechtfertigt

Viele Schüler des Evangelischen Firstwald-Gymnasiums Mössingen haben beim Theaterstück mitgemacht. Die meisten fanden das Vorgehen der Streikenden „zwar forsch“ aber gerechtfertigt, sagt die stellvertretende Schulleiterin Barbara Willenberg.

 „Die Mössinger Streikteilnehmer sind keine Heiligen, aber man darf sie auch nicht zu Pantoffelhelden machen“, sagt Michael Bulander, der Oberbürgermeistern der heutigen Stadt Mössingen „Sie haben versucht, ein Zeichen zu setzen, und sie haben mit Haftstrafen bezahlt. Daran sollte erinnert werden.“

Anlässlich des 500. Reformationsjubiläums und damit 500 Jahre Protestantismus widmen wir uns in einer Sommerserie dem Thema Widerstand. Abseits berühmter Namen wie Sophie Scholl oder Georg Elser stellen wir Ihnen bis zum 9. September jede Woche Menschen und Orte aus dem Südwesten zum Thema vor. Menschen etwa, die Zivilcourage zeigen und nicht zusehen, wenn anderen Unrecht widerfährt; Orte an denen Widerständler gebrochen werden sollten oder wo Widerstand gegen äußere Bedrohungen architektonisch greifbar ist wie im Fall der „Schwarzwaldlinien“.  ac

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