Wohnen im Südwesten: Kleinstaaterei als Erfolgsrezept

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    Ob Wohnung oder Haus: Im Südwesten gibt es ein großes Bewusstsein für Wohn-Eigentum. Gründe dafür liegen auch in der Historie. Foto: 
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Wer zum Beispiel aus Nordrhein-Westfalen  in den Südwesten zieht, dem wird hier schnell etwas auffallen: Die Städte sind sehr viel kleiner als im Westen. Die durchschnittliche Ortschaft in Baden-Württemberg zählt im Median lediglich 4700 Einwohner. Der Südwesten ist das Reich der Kleinstädterei.

Selbst Großstädte sind überschaubar. Mit Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe und Freiburg haben nur vier der insgesamt 1101 Gemeinden im elf Millionen Einwohner zählenden Land mehr als 200.000 Einwohner. Zum Vergleich: In Nordrhein-Westfalen sind es 15. Bei 18 Millionen Einwohnern gibt es dort 396 Gemeinden mit einer Durchschnittsgröße von fast 21.000 Einwohnern. Warum ist das so?

„Es ist die territoriale Zersplitterung“, erklärt der Freiburger Kulturgeograf Jörg Stadelbauer. Als das schwäbische Adelsgeschlecht der Staufer Mitte des 13. Jahrhunderts ausstarb, trat im Südwesten, anders als im Rest der Republik, keine starke Herrscherfamilie an ihre Stelle. Stattdessen zersplitterte das Territorium in unzählige kleine Fürstentümer, Grafschaften und Herzogtümer. Erst Napoleon machte der Kleinstaaterei ein Ende und installierte mit dem Großherzogtum Baden 1806, dem Königreich Württemberg 1805 und den Fürstentümern Hohenzollern-Hechingen und -Sigmaringen drei mittelgroße Staaten an deren Stelle.

Jeder hat was, aber wenig

Dabei hatte die Kleinstaaterei auch erfreuliche Nebeneffekte. „Jeder Ort hat sein Schloss, jedes Dorf seine Villa“, sagt Reinhold Weber. Der 47-Jährige ist als Chefredakteur bei der Landeszentrale für politische Bildung verantwortlich für die „Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs“. Außerdem lehrt der Historiker Geschichte an der Uni Tübingen. Weber weiß: Ohne die vielen Kleinstaaten hätte der Südwesten niemals eine solche „Kulturdichte“ erlangt, wie er sie heute hat. Jeder kleine Fürst wollte seine Stellung natürlich angemessen zur Schau stellen.

Ganz zu Ende war es mit der Kleinstaaterei nach Napoleon aber nicht. Die spielte sich nämlich noch auf anderer Ebene ab: Anders als in den meisten anderen Gebieten des „Alten Reichs“ war in großen Teilen des Südwestens die Erbsitte der Realteilung üblich. Bedeutet: Der Besitz wurde gleichmäßig unter allen Erben aufgeteilt. Anders als beim germanischen Brauch des Anerbenrechts, nach dem der gesamte Besitz dem ältesten Sohn zustand. Die Folge: Eine weitere Besitzsplitterung. „Jeder hat was, aber jeder wenig“, schreibt Weber in der mit dem Tübinger Politikwissenschaftler Hans-Georg Wehling verfassten „Geschichte Baden-Württembergs“.

Das hatte für den Südwesten aber einen zunächst unerfreulichen Effekt: Spätestens seit Ende des 18. Jahrhunderts konnten die Bauern nicht mehr von ihren kleiner werdenden „Handtuchfeldern“ leben. Im Nachhinein jedoch bildete diese Armut die Grundlage einer Mentalität, die das Land noch heute erfolgreich macht, meinen die Forscher. Denn die Bauern mussten neben ihrer Tätigkeit andere Fähigkeiten entwickeln, um ihren Lebensunterhalt sichern zu können. So wurden viele im Nebenerwerb etwa Handwerker. „Insgesamt entstand eine egalitäre Gesellschaft: disziplinierte, fleißige, sparsame Menschen, die konservative Risikoscheu mit Erfindungsreichtum verbinden konnten“, singen Weber und Wehling ein regelrechtes Loblied auf den gemeinen Baden-Württemberger. Auch im Gespräch ist bei Weber ein gewisser Stolz auf die Landesgeschichte nicht zu überhören.

Dieses Potential bot der im 19. Jahrhundert aufkommenden Industrialisierung optimale Bedingungen. Denn damit war sichergestellt, dass Fabriken auch auf dem Land Arbeitskräfte gefunden haben. Eine Grundvoraussetzung der heutigen Wirtschaftsstruktur Baden-Württembergs, wo beinahe jede Kleinstadt einen Weltmarktführer in irgendeiner Branche vorzuweisen hat.

Da der Südwesten keine nennenswerten Rohstoffvorkommen aufweist, sind Fabriken überall da entstanden, wo es genügend Arbeitskräfte und vor allem geeignete Transport- und Wasserwege gab, um die Rohstoffe anliefern zu können, erklärt Weber. Baden lag dank der verkehrsgünstigen Lage des Rheintals besonders vorteilhaft, der Industrialisierungsprozess begann dort deswegen früher und verlief schneller. Eine regelrechte Bevölkerungswanderung in die industriellen Zentren fand dort deswegen statt. „Kein Wunder, dass noch heute drei der vier baden-württembergischen Städte mit mehr als 200.000 Einwohnern im badischen Landesteil liegen“, so Weber und Wehling.

Anders als die Badener sind württembergische Arbeiter aber meist nicht aus ihrem Dorf weggezogen. „Weil alle dort noch ein bisschen was haben“, erklärt Weber. Als „Mondscheinbauern“ bestellten sie nach Feierabend noch ihr verbliebenes Land.

Pendler und Kurzarbeit

Das hat nicht nur zu einer verstärkten Pendelbereitschaft geführt, die noch heute im Land zu beobachten ist: Mit 368.000 Pendlern leben im Südwesten mehr Menschen nicht an dem Ort, an dem sie arbeiten, als in jedem anderen Bundesland. Auch die Kurzarbeit wurde deswegen in Zeiten der Weimarer Republik in Württemberg erfunden: „Man wusste, die verhungern nicht, weil sie zuhause alle noch einen Acker haben“, sagt Weber.

Das prägte auch die politische Kultur im Land: Weil die Arbeiter weiterhin in ihrer Dorfgemeinschaft lebten und nicht wie in Großstädten entwurzelt und proletarisiert wurden, wurde die SPD in Württemberg nie eine wirkliche Macht. Stattdessen entwickelten die Facharbeiter und „kleinen Leute“ im Land ein bürgerliches Selbstverständnis. Weber geht sogar davon aus, dass die Wohneigentumsquote, die in Baden-Württemberg höher als im restlichen Land ist, damit zusammenhängt – auch das Bausparen wurde hier erfunden. Denn die Aufspaltung des Erbes sorgte dafür, „dass die Menschen sich an ihren spärlichen Besitz klammerten“. Oder, wie Weber auch sagt: „Der Arbeiter hier hatte mehr zu verlieren als nur seine Ketten.“

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