Bahnchaos: Der Fahrgast auf dem Abstellgleis

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Jürgen Oßwald (rechts) und Sven Detzer haben von den Zuständen auf der Filstalbahn-Strecke die Nase voll.  Foto: 

Der Lautsprecher am Bahnsteig knistert. Jürgen Oßwald, dunkler Anzug, Lederaktentasche, hält inne, lauscht. Die Regionalbahn nach Ulm, Abfahrt 6.57 Uhr, habe heute 20 Minuten Verspätung, verkündet die Stimme. Eine Frau, die der Bankkaufmann aus dem Zug kennt, ruft ihm im Vorbeigehen halb genervt, halb erleichtert zu: „Ich dachte schon, das wäre mal wieder unserer.“ Glück gehabt.

Doch mit Glück sollte Zugfahren nach Jürgen Oßwalds Meinung nichts zu tun haben, sondern mit Zuverlässigkeit. Täglich pendelt der 49-Jährige auf der Fils­talbahnstrecke von seinem Wohnort in Ebersbach (Landkreis Göppingen) zu seiner Arbeitsstätte im Stuttgarter Zentrum. Er ist immer gern Zug gefahren. „Ich bin damit aufgewachsen, mein Vater war Bahner.“ Doch auf den Fahrplan kann sich Jürgen Oßwald längst nicht mehr verlassen. Seit Oktober sei der Wurm drin, mit dem Fahrplanwechsel im Dezember habe sich die Situation noch verschärft. „Die Zustände sind katastrophal. Das Maß ist voll.“

Oßwald zückt sein Notizbuch, zeigt seine persönliche Statistik der vergangenen Wochen. Demnach kamen im Januar nur drei seiner Züge auf die Minute,  rund ein Drittel war leicht verspätet, der Rest überschritt die angegebene Zeit im Fahrplan deutlicher – bis zu 30 Minuten, drei seiner Züge fielen ganz aus. „Der Fahrplan ist auf Kante genäht, da darf nichts passieren“, sagt Oßwald.

Immer mehr Pendler bevölkern den Bahnsteig in Ebersbach.  Als der Zug gen Stuttgart einfährt, füllen sich die Gänge schnell – viele Fahrgäste müssen stehen. „Das ist aber noch gar nichts“, sagt Oßwald. Statt fünf würden oft nur drei oder vier Wagen eingesetzt. Er hat Videos gedreht, auf denen die Pendler wie in einer Sardinenbüchse gepresst stehen. Dass im Zuge des Feinstaub-Alarms für den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel geworben wird, hält Oßwald deshalb mit Blick auf die Sicherheit für unverantwortlich. Auch weil das Wagenmaterial marode sei. „Häufig sind gleich mehrere Türen defekt, so dauert das Ein- und Aussteigen natürlich länger.“ Und die nächste Verspätung ist programmiert.

„Das ist Lebenszeit, die mir gestohlen wird“, schimpft Michael Pfeiffer. Der technische Angestellte, groß, dunkle Haare, ist in Uhingen eingestiegen, hat noch einen Sitzplatz ergattert. Der Mülleimer neben ihm quillt trotz der frühen Uhrzeit über, für Reinigungsarbeiten blieb offenbar keine Zeit. Über die Zustände auf der Filstalstrecke kann Pfeiffer nur noch den Kopf schütteln. Das Schlimme sei, dass man sich dabei als zahlender Kunde wie ein Bittsteller vorkomme. „Ich muss jeden Morgen am Bahnsteig auf die Knie fallen und der Bahn danken, wenn mein Zug fährt.“

Das Verkehrsministerium habe für 2016 bis zu sieben Millionen Euro von der DB Regio AG wegen nicht erbrachter Leistungen einbehalten, doch die Pendler sähen davon nichts, moniert Oßwald. Für sein Jahresticket hat er 1283 Euro bezahlt. „Sechs Prozent mehr als im Vorjahr.“ Auch von der Bahn kann er nicht viel erwarten: Entschädigungszahlungen wie sie Pendler auf der Rems- und der Frankenbahn 2016 erhalten haben, sind für die Filstalbahn laut einem Sprecher bislang nicht geplant.

Jürgen Oßwald hat viele Briefe geschrieben, an Verkehrsminister Winfried Hermann, an Ministerpräsident Winfried Kretschmann und immer wieder an die Bahn. Er fordert klare Ansagen. Denn für die seit Monaten wabernde Misere hat er bislang unterschiedliche Erklärungen erhalten. Einmal sei von Personalmangel und defektem Wagenmaterial die Rede, dann von der hohen Auslastung der Filstalstrecke. Der Ebersbacher hat seine eigene Theorie: Der Bahn fehle die Motivation, für ordentliche Abläufe und intakte Wagen zu sorgen, nachdem sie den Auftrag für die Stuttgarter Netze verloren habe. Ende September endeten die Verträge, bis 2019 gilt eine Übergangsfrist.

Gegen halb Acht fährt Oßwalds Zug in Stuttgart ein. Ein Pendler-Kollege nickt ihm gespielt anerkennend zu: „Nur sieben Minuten heute.“ Die Männer lachen gallig. Die Begründung für die Verspätung kommt über Lautsprecher: „Wegen Zeitüberschreitung beim Ein- und Aussteigen.“ Der Banker guckt gequält:  „Jetzt sind wir auch noch selber schuld.“

Als Pendler brauche man Humor, sagt Jürgen Oßwald. „Galgenhumor“, ergänzt sein Kollege Sven Detzer. Der 53-Jährige arbeitet in derselben Firma im IT-Bereich, fährt jeden Tag von Süßen im Kreis Göppingen in die Landeshauptstadt. Jetzt sitzen die Männer in einem Café am Hauptbahnhof. Sein Mobiltelefon hat Detzer die ganze Zeit in der Hand, die Bahn-App stets geöffnet. „Mein erster Griff am Morgen geht zum Handy“, sagt Detzer. Durch das Bahnchaos fühle er sich fremdbestimmt, das Auto sei in der Stauregion Stuttgart aber auch keine Alternative. „Ich könnte natürlich umziehen, das löst das Bahnproblem aber auch nicht.“

Pünktlichkeit Das Bahn-Chaos hat Baden-Württemberg fest im Griff: In den ersten vier Wochen des Jahres fielen 478 Züge ganz und 472 teilweise aus. Der Großraum Stuttgart ist besonders betroffen. Die Pünktlichkeit auf der Filstal­strecke etwa lag zuletzt bei 76,5 Prozent, Zielmarke sind 94 Prozent. Die Bahn wertet einen Zug ab sechs Minuten als verspätet.

Unterschriftenaktion Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) hat eine Unterschriftenaktion gestartet. Unter http://bw.vcd.org/aktionen/puenktliche-zuege/ können sich Pendler eintragen. Der VCD fordert von Bahn und Verkehrsministerium, das Bahnchaos schnell zu beheben.

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