Der ewige Gemeinderat aus Bad Mergentheim

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Klaus-Dieter Brunotte, der ewige Gemeinderat aus Bad Mergentheim, in seinem Arbeitszimmer.  Foto: 

Cicero ist schuld. Ein Appell des römischen Philosophen und Politikers (106 – 43 v. Chr.) hat den Gymnasiasten Klaus-Dieter Brunotte aus Bad Mergentheim so stark beeindruckt, dass auch der Zehntklässler zehn Jahre seines Lebens dem Wohl der Stadt widmen wollte. „Man muss sich einmischen“, übersetzte er  die 2000 Jahre alte Vorgabe aus dem Lateinunterricht. Die zeitliche Begrenzung hat Brunotte allerdings gestrichen. Sein ehrenamtlicher, gemeinnütziger Einsatz in der Kurstadt dauert nun schon 45 Jahre. Der pensionierte Osterstudienrat gehört so lange dem Gemeinderat an wie vermutlich niemand sonst in Baden-Württemberg, vielleicht sogar in ganz Deutschland. Das Fachblatt „Der Gemeinderat“ hat 2014 in einem Porträt jedenfalls keinen kommunalen Mandatsträger aufgetrieben, der mehr Zeit über Haushalts- und Bebauungsplänen gebrütet hat.

Als Klaus-Dieter Brunotte 1971 erstmals in den Ratssaal einzog, begrüßte die „Bild“-Zeitung den 24-Jährigen als „Deutschlands jüngster Gemeinderat“. Die anderen Ratsmitglieder waren weniger erfreut über den Neuling mit den vielen Haaren. Sie hätten ihn  „zunächst nicht so richtig respektiert“, erinnert er sich, „ich musste mich mit Anträgen durchsetzen“. Dabei war Brunotte bereits bestens bekannt, hatte er doch für einige Aufregung in der betulichen Kurstadt gesorgt. Der Mitbegründer der Jusos – ein Skandal in dem „schwarz“ geprägten Landstrich – hatte in einem Leserbrief einen Treffpunkt für die Jugend verlangt. Denn: „Hier gibt es nur Tanz für Herzkranke.“ Am liebsten hätten ihn die Leute aus der Stadt gejagt, blickt Brunotte lächelnd zurück. Auf seinen Aufschrei mit der Überschrift „Mergentheimer Schlaf“ gingen bei den Lokalzeitungen über 100 Leserbriefe ein: „Das ist bis heute Rekord.“

Aus dem aufmüpfigen Juso ist ein allseits respektierter Stadtrat mit fundiertem Fachwissen geworden. Dieses wurde deutlich, als der mittlerweile 69 Jahre alte Fraktionsvorsitzende bei der letzten Sitzung des Jahres 2016 für die vier SPD-Räte die Haushaltsrede hielt. „Hohe Schulden, viele Aufgaben, große Wünsche, wenig Geld“, fasste er die Situation in der Stadt mit mehr als 23 000 Einwohnern zusammen. Klaus­-Dieter Brunotte, vielen als „Ditus“ bekannt, ist seit zwölf Jahren einer der Stellvertreter des Oberbürgermeisters. Seit seinem Einzug in den Rat hat er vier sehr unterschiedliche Typen von Stadtchefs kennen gelernt: Elmar Mauch (1971 – 1995) – „ein Herrenreiter“, Uwe Hülsmann (1995 – 2003) – „ein Angsttyrann“, Lothar Barth (2003 – 2011) – „mit einem schwierigen Verhältnis zur Wahrheit“, Udo Glatthaar (seit 2011) – „mit dem kann man ganz gut geschirren“.

Die aktive Mitwirkung in der Kommunalpolitik ist für Brunotte „einfach notwendig“. Wer sich zurückziehe oder erst gar nicht engagiere, „überlässt das Feld womöglich denen, die eine Richtung einschlagen, die man nicht haben will“. Das sei gerade jetzt bei der Integration von Flüchtlingen sehr wichtig, glaubt der Sozialdemokrat. Deshalb will das „Politik-Urgestein“, wie es voller Respekt in den Zeitungen heißt, nicht aufhören: „Wenn ich gesund bleibe und wenn ich wiedergewählt werde, möchte ich die 50 Amtsjahre gerne vollenden.“ Fast entschuldigend erwähnt Brunotte noch, dass es sowieso nicht genügend Kandidaten gebe: „Wir haben Probleme, die Liste voll zu kriegen.“

Probleme mit dem Nichtstun

Mit dem Nichtstun hat der umtriebige Europäer – Vaters Vorfahren Hugenotten aus Savoyen, die Mutter eine Hohenloherin – gewisse Probleme: „Das macht mich nervös.“ Zwar ist er als Oberstudienrat seit fünf Jahren in Pension. Aber als Geringbeschäftigter gibt er bei einem Bildungswerk weiterhin Deutsch für die Fachhochschulreife. Auch beim Arbeitskreis Asyl bringt er Flüchtlingen die Grundzüge der deutschen Sprache bei. Zwar wüsste ihn seine Frau Ingrid nach  45 Ehejahren häufiger an ihrer Seite. Aber würden sie eine gemeinsame Reise unternehmen, müsste sie damit rechnen, dass ihr „Ditus“ auch nach der ausführlichen Besichtigung der fünften Kirche noch in ein sechstes Gotteshaus strebt. „Er ist sehr wissbegierig“, sagt sie, „er will die ganze Welt kennen lernen.“

Bedingungen Wer bei einer Gemeinderatswahl kandidieren möchte, muss seinen Hauptwohnsitz in der Kommune haben und mindestens 18 Jahre alt sein. In Baden-Württemberg werden gemäß Paragraf 26 der Gemeindeordnung Listen aufgestellt, aus denen sich die Wähler die ihrer Ansicht nach besten Bewerber aussuchen können. Diese Vorschläge dürfen höchstens so viele Namen enthalten wie Gemeinderäte dem Gremium angehören.

Ehrenamt Wer gewählt wird, muss dieses Ehrenamt fünf Jahre lang ausüben. Daran darf niemand vom Arbeitgeber gehindert werden etwa durch Kündigung oder Versetzung an einen anderen Dienstort (§ 32 GO). hgf

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