Der erste Anlauf endet auf dem Scheiterhaufen

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Eine Figur des Reformators Martin Luther aus Bronze steht in Worms (Rheinland-Pfalz) als Teil des Luther-Denkmals im Heylshofpark. 1521 weigerte sich der Mönch Martin Luther auf dem Reichstag in Worms, seine als aufrührerisch bezeichneten Lehren zu widerrufen. Das Datum gilt als ein wichtiges Datum der Reformation.  Foto: 

Nein, sie kannten sich nicht – und waren doch im Geiste verbunden. Jan Hus, der Theologe aus Böhmen, und Martin Luther hatten das gleiche Ziel: Sie wollten die Kirche reformieren, den Ablass-Handel abschaffen, die Kirche wieder so nah wie möglich an das Evangelium und die Menschen heranführen. Sie in ihre ursprüngliche Form zurückführen – Re-formation. Jan Hus endete mit seinem Vorstoß beim Konstanzer Konzil 1415 auf dem Scheiterhaufen. Was er nicht vollbringen konnte, schaffte 100 Jahre später Luther. „Die Zeit war reif dafür“, sagt Martin Lilje, Schuldekan des evangelischen Kirchenbezirks Konstanz und Kenner der Konstanzer Reformbewegungen.

Schon 1415 hätte es klappen können. Dass die Kirche auf keinem guten Weg war, wurde schon früher erkannt. Deshalb war ein Ziel des Konstanzer Konzils, das 1414 begann, die „Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern“. Das Hauptanliegen war jedoch, die Kirche zu einen, die drei amtierenden Päpste abzusetzen und durch einen zu ersetzen. Das gelang. Im November 1417 wurde Martin V.  zum Papst gewählt und die Einheit der Kirche wieder hergestellt. Das Konzil wurde aufgelöst. Von Reformen wollte niemand mehr etwas wissen. Jan Hus war da schon zwei Jahre tot. Und König Sigismund, der einen Papst brauchte, um sich zum Kaiser krönen zu lassen, hatte was er wollte.

Die Frage, ob der Theologe aus Böhmen für Martin Luther den Weg bereitet hat, beantwortet Walter Rügert mit „Jein“. Der Pressesprecher der Stadt Konstanz ist auch Autor. 2015 hat er ein Buch über Jan Hus veröffentlicht. Das Jahr war im Vier-Jahres-Zyklus des Jubiläums „600 Jahre Konstanzer Konzil“ dem böhmischen Reformator gewidmet. Es war das „Jahr der Gerechtigkeit“. Die wurde Hus vor 600 Jahren nicht zuteil. Als er vor den Konzil-Teilnehmern seine reformatorischen Thesen vortrug, wurde er verhöhnt. Obwohl ihm der damalige König Sigismund, der das Konzil einberufen hatte, Schutz versprochen hatte, wurde Jan Hus am 6. Juli 1415 vor den Stadttoren von Konstanz als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Walter Rügert beschreibt Jan Hus als einen angesehenen Theologen, der an der Universität von Prag lehrte. Die Uni arbeitete eng mit der Universität in Oxford zusammen. Aufgrund dieser Verbindung gelangten Ideen nach Prag, die eine „ungeahnte intellektuelle Sprengkraft entwickelten“, schreibt Rügert. Es waren die Schriften des radikalen Reformers John Wyclif. Hus war beeindruckt davon. „Ohne Wyclif wäre Jan Hus nicht zum Reformer geworden“, sagt Martin Lilje.

Jan Hus habe sich auf Wyclifs Schriften gestützt, sagt auch Rügert. Er habe sich zum Sprachrohr der Reformbewegung in Böhmen entwickelt. Einer der Kritikpunkte war der Ablass-Handel. Mit der Zusage, den Menschen werden ihre Sünden erlassen, wenn sie dafür Geld bezahlten, konnte die Geistlichkeit viel Geld einstreichen. Hus fand für diese Praxis in der Bibel keine Belege und fing an, sie zu bekämpfen.

Darin fand er immer mehr Mitstreiter – und bekam immer mehr Schwierigkeiten. Er musste ins Exil und machte sich am 11. Oktober  1414 auf den Weg nach Konstanz. Er hatte die Mitteilung erhalten, König Sigismund wünsche seine Anwesenheit beim Konzil. In der Hoffnung, dort seine „Rechtgläubigkeit“ beweisen zu können, reiste er an den See. Das Ergebnis ist bekannt: „Mit ihm wurde das Thema Reformation verbrannt“, sagt Rügert.

Nach Hus’ Tod und dem Ende des Konzils herrschte in der Kirche erst mal Ruhe. „Doch das Thema Reformation war latent ständig vorhanden“, sagt Rügert. „Aber es ist nichts passiert.“

Als Luther 1517 in Wittenberg seine 95 Thesen an die Kirchentür nagelte, wusste er so gut wie nichts von dem böhmischen Reformator. „Er hatte nur rudimentäre Kenntnisse von Jan Hus“, sagt Rügert. Das änderte sich erst 1519, als sich Luther intensiv mit dem Konstanzer Konzil beschäftigte und zum Schluss kam, dass es sich geirrt habe. Nachdem er Hus’ Schriften studiert hatte, kam er zu der Erkenntnis: „Wir alle sind Hussiten, ohne es gewusst zu haben.“ Luther habe sich in der Nachfolge von Jan Hus gesehen und sich durch ihn bestätigt gefühlt, sagt Rügert. Seine Kirchenlehre habe er aber eigenständig entwickelt.

Dass Luther nicht auch auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, hatte er mächtigen, weltlichen Beschützern zu verdanken, darunter auch Fürsten, die ihm Unterschlupf gewährten. Hinzu kam, dass sich seine Schriften in Windeseile verbreiteten. Die Erfindung des Buchdrucks und viele Mitstreiter halfen ihm, seine Lehren zu verbreiten. So seien auch die Schriften von Jan Hus unters Volk gekommen, sagt Rügert. Aus heutiger Sicht kann gesagt werden: Luther hat getwittert wie ein Irrer.

Die Reformation  vor 500 Jahren hat auch zwischen Kurpfalz, Franken und dem Bodensee viel bewegt. Unsere neue Serie dreht sich um diese Umwälzung und ihre Folgen. Im Lutherjahr 2017 gibt es dazu immer wieder Beiträge in Ihrer Zeitung. Einfach auf das Logo „500 Jahre Reformation“ achten.

Jan Hus war beim Konstanzer Konzil-Jubiläum das Jahr 2015 gewidmet.  Seit über 200 Jahren gibt es das Hus-Haus in Konstanz.  Mehr Infos in Internet:  konstanzer-konzil. de.

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