Das Schweigen der Schleckers beim Prozessauftakt am Landgericht

Vier Jahre hat die Staatsanwaltschaft ermittelt - nun muss Anton Schlecker vor Gericht. Er soll Vermögen vor der Insolvenz seiner Drogeriemarktkette beiseite geschafft haben. Auch Frau und Kinder sind angeklagt. Doch was ist bei den Schleckers noch zu holen?

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Anton Schlecker beim Prozessauftakt am Stuttgarter Landgericht.  Foto: 

Aschfahl sitzt Anton Schlecker auf der Anklagebank im Saal 18 des Stuttgarter Landgerichts. Sein Gesicht zeigt kaum eine Regung, gelegentlich spielt er an seinem goldenen Ehering. Schlecker bleibt stumm - wie üblich. Blitzlichtgewitter und das Klackern der Kameras bringen den 72-Jährigen nicht aus der Ruhe. Im Gegensatz zu anderen prominenten Angeklagten, die bei großen Prozessen die Aufmerksamkeit der Medien suchen, hüllt sich Schlecker in Schweigen. Den großen Auftritt hat er wieder einmal vermieden: Mit einem Taxi kommt die Familie zum Gericht, durch den Hintereingang betritt sie den Gerichtssaal. Bloß keine Aufmerksamkeit.

Dabei geht es in dem Prozess um eine der aufsehenerregendsten Firmenpleiten der vergangenen Jahre. Anfang 2012 musste die Drogeriemarktkette Schlecker Insolvenz anmelden, mehr als 25.000 Mitarbeiter in Deutschland verloren ihren Job. Damals schob Schlecker seine Tochter Meike vor. „Es ist nichts mehr da“, sagte sie. 

An diesem Montag beginnt nun der lange erwartete Prozess gegen Anton Schlecker und seine Familie vor dem Landgericht Stuttgart. Allein schon die Anwesenheit des Firmenpatriarchen ist eine kleine Sensation. Denn Schlecker mied die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten. 

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vorsätzlichen Bankrott vor. In insgesamt 36 Fällen soll er Vermögenswerte in Millionenhöhe zur Seite geschafft zu haben, die eigentlich in die Insolvenzmasse gehörten, aus der Gläubiger bedient werden sollen. In ihrer Anklageschrift kommt die Staatsanwaltschaft auf eine Summe von mehr als 20 Millionen Euro. Außerdem soll Schlecker falsche Angaben in den Bilanzen des Drogerie-Imperiums gemacht haben.

Verteidiger Norbert Scharf weist die Vorwürfe zurück: „Das Geld blieb in der Firma“, sagt er und bezeichnet Schlecker als schwäbischen Kaufmann. Die Insolvenz sei für den Drogeriemarktgründer unvorstellbar gewesen: „Diese Firma war sein Lebenswerk.“

Wegen möglicher Beihilfe zum Bankrott sitzen Schleckers Frau Christa und die beiden Kinder Meike und Lars mit auf der Anklagebank. Sohn und Tochter müssen sich zudem zu Vorwürfen der Insolvenzverschleppung und Untreue einlassen. Sie sollen das Logistikunternehmen LDG als faktische Geschäftsführer um mehrere Millionen Euro geschädigt haben. Auch zwei Wirtschaftsprüfer stehen vor Gericht. Keiner der Angeklagten meldet sich zu Prozessbeginn selbst zu Wort.

„Der Sachverhalt, um den es hier geht, ist komplex und verschließt sich einer einfachen und schnellen Beurteilung“, betont Schleckers Verteidiger Scharf. Die Anklageschrift umfasst 270 Seiten. Die 26 Termine, die das Landgericht bis Oktober zunächst anberaumt hat, dürften nicht ausreichen, wie sich bereits beim zweistündigen Prozessauftakt abzeichnet. Scharf kritisiert, dass im Vorfeld des Verfahrens Einzelheiten an die Öffentlichkeit gedrungen waren und warnt vor einer Vorverurteilung. 

„Herr Schlecker hat nie die Öffentlichkeit und die mediale Präsenz gesucht“, betont Scharf. Und tatsächlich trat Anton Schlecker äußerst selten in Erscheinung. Er agierte formal als „eingetragener Kaufmann“ (e.K.). Dank dieser Rechtsform konnte er viel Geheimniskrämerei um sein Firmengeflecht betreiben. Doch am Ende haftete er auch mit seinem kompletten Privatvermögen für alle Schulden.

Dabei ist es nicht selten, dass im Anschluss an Firmenpleiten über eine Insolvenzverschleppung gestritten wird. Auch die Idee, vor einer drohenden Insolvenz Vermögen an Familienmitglieder zu verschieben, hatten schon andere. „Es geht dann meistens um eine Schenkungsanfechtung“, erklärt der Jurist Georg Bitter von der Universität Mannheim. Doch: „Eindeutig ist die Rechtslage keineswegs“, sagt der Jura-Professor Matthias Jahn von der Universität Frankfurt. Er rechnet mit einem großen Streit zwischen den Gutachtern von Anklage und Verteidigung.

Sollte Anton Schlecker tatsächlich verurteilt werden, hält Jahn eine Gefängnisstrafe für nicht unwahrscheinlich. Auf Bankrott stehen bis zu fünf Jahre Haft oder eine Geldstrafe, bei besonders schweren Fällen bis zu zehn Jahre Haft. Die Forderungen der Gläubiger belaufen sich auf gut eine Milliarde Euro.  

Ob die ehemaligen Mitarbeiter am Ende aber etwas von einer Verurteilung hätten, steht und fällt mit der Frage, was bei der Familie Schlecker noch zu holen ist. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz bemüht sich derzeit, über Schadenersatzklagen von Lieferanten Gelder einzutreiben.

Kaum eine der wenigen anwesenden Schlecker-Frauen will sich am Montag zu dem Prozess äußern. Die frühere Gesamtbetriebsratschefin Christel Hoffmann hatte sich erst am Montagmorgen entschieden, dem Verfahren doch beizuwohnen. „Ich möchte einfach nur die Wahrheit wissen“, sagt sie. Geld erwartet Hoffmann am Ende nicht. „Vielleicht hilft es bei der Aufarbeitung. Vergessen können wir das sowieso nicht.“



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Die Schlecker-Pleite

2012 meldete Schlecker, Europas ehemals größte Drogeriemarktkette, Insolvenz an. Damals hatte Schlecker noch 7000 Filialen und etwa 30.000 Mitarbeiter.

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